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Die schnörkellose, einen strahlend weißen Einheitsraum durch einen auffahrbaren Horizont erweiternde Inszenierung, in der sich Modernität und Folklore durchdringen, wurde schon genug gelobt. In Leoš Janáčeks Jenůfa komprimiert Christof Loy die mährische Bauernhandlung um Eifersucht und Liebe zu einem Theaterabend von zeitloser Vitalität.

Für Rachel Harnisch springt kurzfristig die Slowakin Andrea Danková ein, was sich keinesfalls als Unglück erweist. Die von einem seitlichen Pult agierende Danková singt die Titelrolle drängend beseelt, die Stimme leuchtet menschlich. Erfreulich auch, wie artikulatorisch differenziert sich ihr Sopran der Musik anschmiegt. Die hochaufgeschossene, strenge Schönheit der nur spielenden Rachel Harnisch passt zumindest heute Abend zu Dankovás weich lyrischem Sopran nur bedingt.

Robert Watson überzeugt als impulsiver Laca mit heftigem Vortrag und dunkler Leidenschaft. Watsons massive Gestalt füllt die unglückliche Figur glaubhaft, wobei die kraftvolle Tenorstimme stellenweise umwerfend klingen kann (Mittellage!). Evelyn Herlitzius (finstere Stiefel, stahlgraues Kostüm, bannendes Antlitz einer geborenen Tragödin) gibt der Küsterin die Physiognomie einer verhärteten, an der Welt leidenden Frau. Dazu tritt ihre von obsessivem Ausdruck beherrschte Stimme, die so mächtig und zumindest in der Höhe auch unkontrolliert scheint, dass der Klang sich über den Ausdruck stülpt. Ladislav Elgr als Tunichtgut Steva – ein blonder Schlacks im Anzug – gefällt mit weißlich gefärbtem Tenor, der in der Höhe zeitweise an seine Grenzen stößt.

Jenufa Deutsche Oper 2020

Als Buryja ist Renate Behle (in Herbstfarben leuchtende Betonfrisur, taubenblauer Zweiteiler – die Jetztzeit-Kostüme wirken in der Gesamtheit zu clean) zu erleben. Philipp Jekal gibt einen gefährlich streitbaren Altgesell, Stephen Bronk den Bürgermeister als honorigen Würdenträger und Nadine Secunde dessen blasiert plappernde Gattin, während Jacquelyn Stucker die Karolka als kecken Wirbelwind aus besserer Familie (Pelzstola) hinlegt. Fionnuala McCarthy überzeugt als Pastorkyňa (adrettes Graue-Maus-Kostüm) nicht nur mimisch, genau wie die den Dorfmädchenchor anführende Barena der Karis Tucker, deren Mezzosopran mir wie eine Tüte voller schöner Töne vorkommt. Den Jungen Jano verkörpert wieselflink Meechot Marrero.

Die säuberlich pastellfarben ausstaffierten Chorleute (Janáčeks Realismus wird auf diese Weise doch stark ästhetisiert, so wie Weizenfeld und Strommast um eine Nuance zu schöne Bilder bleiben) höre ich gerne. Leoš Janáček schrieb dafür blendende, rhythmisch vertrackte Musik.

Donald Runnicles gestaltet umsichtig und fließend. Die unablässig reiche, reaktionsschnelle Musik fesselt in jedem Moment. Das Orchester spielt sensibel, ist zu Wärme und sprechender Ausgestaltung fähig und hat Geduld für das lyrische Strömen des zweiten Akts. Schöne Trompeten, schöne Hörner – ich sitze direkt vor dem Blech.

Viel Applaus. Zwei Pausen strecken die Vorstellung auf drei Stunden Spieldauer. Ein Abend, der zeigt, das großes Herzkino auch abseits von Puccini und Verdi möglich ist.

Noch einmal am kommenden Freitag.

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