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Albrecht Selge fragt zurecht, ob die Oper Die Frau ohne Schatten nötig sei im Rahmen eines Musikfests, das sich 2019 mit Berlioz, Neuwirth. Eötvös, Varèse und Andriessen schmückt. Doch der schwierigen, von der Bürde eines überreichen Librettos belasteten Oper tut die Protektion durch ein renommiertes Festival immer noch gut. Das mächtige, prächtige Werk steht weiterhin unter Kitsch- und Unerheblichkeitsverdacht. Fast schon als Musikfest-typisch erweist sich die hohe Dichte an Liebhabern und Kennern im Publikum.

Die Besetzung ist überaus gut. Anne Schwanewilms (in leuchtend roter Robe) ist eine zart leuchtende Kaiserin mit  schwindelerregender Höhe und weichen Piani. Ihr 3. Akt berührt besonders. Im 1. Akt fehlt mir die hochdramatische Durchsetzungskraft. Im Zentrum steht Ildikó Komlósi, die mezzo-gewaltig, mit fulminanter Höhe und vibratös gewürzten Klanggesten der Ammenfigur zu prallem Leben verhilft. Zum zweiten Akt wechselt Komlósi in ein farbverrücktes Blumenkleid. Auch ein Kleiderwechsel kann eine konzertante Aufführung ungemein beleben. Ein Kaiser mit sicherer Höhe ist Torsten Kerl. Die Szene im 2. Akt (Falke, Falke, du wiedergefundener) gefällt durch ruhige, inwendige Kantabilität.

Thomas J. Mayer singt einen hörenswerten Barak, ernst, hervorragend phrasiert, mit wolligem Timbre und fester Stimme. Interessant, wie Mayer das bieder Pfundige des Barak, diesen Musters an Langmut und Gattinnenliebe, durch Konzentration auf die Noten klug vermeidet. Einen Barak im Anzug, der schlank aufragt wie ein Wotan, sieht man selten. Die eine oder andere resignative Inflexion, die Mayer in die Ehestreitszenen einfließen lässt, dürfte wohl von Mayers Vertrautheit mit der Wotansfigur herkommen. Ricarda Merbeth ist eine textverständliche, angenehm selbstbewusste Färbersfrau mit Durchsetzungsvermögen, die einen erstaunlich schlanken, schön geführten, nie keifenden Sopran ins Feld führt. Wie überhaupt auffällt, dass in der Philharmonie wortgenau und schönlinig gesungen wird.

Mehr szenische Interaktion wäre allerdings wünschenswert gewesen. Warum steht Frau Schwanewilms aus Gründen dramaturgischer Plausibilität nicht neben Herrn Kerl, als dieser sie in der zentralen Szene des 2. Akts töten will? Mayer immerhin nimmt den mittäglichen Schlaftrunk aus dem schnell gezückten Sprudelfläschchen. Doch womöglich waren die Sänger auch zu Stillstehen vor den Mikrofonen verdonnert worden. Die meist gut informierten Spatzen pfeifen es von den Berliner Dächern. Es ist wohl eine CD-Produktion vorgesehen.

Die restlichen Stimmen fügen sich meist ins positive Gesamtbild. Christoph Späth, Tom Erik Lie und Jens Larsen formen ein bravurös deklamierendes Brudertrio. Nikolay Didenko Yasushi Hirano singt einen ausdrucksvollen Geisterboten, während Nadezhda Gulitskaya die sopranhohe Falkenstimme verkörpert. Die formidable Karolina Gumos ist für die mit opaken Altfarben tönende Stimme von oben verantwortlich. Counter-Tenor Andrey Nemzer (im Streetgang-Outfit) singt den Hüter der Schwelle indiskutabel stillos, Michael Pflumm (im schicken hellfarbigen Sommer-Dreiteiler) indes einen tenoral ansprechenden Jüngling.

Ich lese immer gern Übertitel mit, selbst bei Paminas Ach, ich fühl’s. Der lautstark auftrumpfenden und mit einer verworrenen Handlung geschlagenen Oper Die Frau ohne Schatten Übertitel zu verweigern, war eine mutige Entscheidung.

Zu Wladimir Jurowski und dem RSB. Beiden gelingt eine mit kluger Souveränität und Übersicht prunkende, überaus sorgfältige Interpretation, deren Spannungsbogen bis zum hypertrophen Finale hält. Jurowski wahrt die Balance zwischen opulentem Tutti und vielstimmiger Tiefenschärfe. Bisweilen recht massive Phonstärken (Blech) gefährden nicht das überaus positive Gesamtbild, zumal das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin minutiös vorbereitet klingt. Es lässt sich jedoch hören, dass Jurowski kein Klangmagier ist, einer, der den opulenten Orchesterrausch will (und kann). Eine gewisse Solidität, gerade auch im Klanglichen, ist während des im Großen und Ganzen äußerst gelungenen Abends merkbar. Erstaunlicherweise schwächt eine konzertante Aufführung der Frau ohne Schatten das peinlich Kitschige mancher Auftritte ab. Das gilt auch für die Kinderchöre (Kinderchor der Staatsoper, im 3. Akt revueartig und imposant hoch oben postiert). Klarer hörbar als bei einer Bühnenaufführung – ich habe Die Frau ohne Schatten zwei Mal letzten Herbst an der Staatsoper gesehen – werden auch die Stimmen der Ungeborenen. Auch sie werden erstklassig gesungen.

Ich wüsste gerne, wie weit die immer noch üblichen Striche in der Partitur aufgemacht werden. Das durchaus informative Programmheft schweigt hierzu. Wohltuend kurz sind die beiden Pausen.

Viel Applaus, einige wenige Buhs. Für Kerl? Für Schwanewilms?

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