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93 Jahre Wozzeck, und Alban Bergs rasante Büchner-Oper klingt druckfrisch wie am ersten Uraufführungstag. In Berlin verlegt Ole Anders Tandberg an der Deutschen Oper den Wozzeck in eine skandinavisch-norwegische Gegenwart. Das Einheitsbühnenbild zeigt eine kaltkühle Offiziersmesse. Die Protagonisten singen in Hemd, Anzug und Schlips, Kadetten oder Matrosen (mit Marinemützchen) hängen wie willenlose Halbwesen über penibel ausgerichteten Tischchen. In dieser unmenschlichen Welt – o Graus – lebt Wozzeck. Bei Tandberg ist Wozzeck einer jener Dienstleisterexistenzen, die drei Jobs brauchen, um Frau und Kind zu ernähren. Johan Reuter gibt diesem armen Teufel kraftvolle, (auch vokal) fast bullige Kontur. Wozzeck als armes Schwein, als Mobbing- und Schikaneopfer, das funktioniert wunderbar. Aber Wozzeck als Anzugträger? Wozzeck als Allerweltsmensch mit Bankkonto und Schlips um den Hals? Tandberg behilft sich mit einem Kniff. Er überdreht das Bühnengeschehen um ein paar Igitt-Grade, genüsslich frisiert er die Handlung. Wie das geht? Nun, in der eröffnenden Szene rasiert dieser Wozzeck das Schamhaar von anonymen Diensttuenden, die sich freimachen mussten (Wozzeck ist Barbier!).

Der Molch, der Molch sei des Menschen Ebenbild

Nun, für eine Rektaluntersuchung kniet Wozzeck mit heruntergelassenen Hosen auf allen Vieren auf einem Tisch (die Bohnen!). Nun, Wozzeck hält eine Plastiktüte voll Wasser mit einem Molch (die sammelt er für den Doktor!) in die Höhe. Da wirkt es schon fast schon ideenlos, wenn Wozzeck sich während Margrets Schwabenliadl, kurz nach der Ermordung Maries, einen Kurzen nach dem anderen hinter die Binsen kippt. Geradezu ein tragisches Missverständnis scheint Wozzecks Beziehung zu Marie zu sein. Die ist gertenschlank (Elena Zhidkova) und von kühler, präziser Sinnlichkeit, trägt flatterndes Mäntelchen, Bluse, Bleistiftrock, als wäre sie frisch aus dem Boss-Katalog entsprungen. Als gelangweilte Verzweifelte hängt sie an der Bar der Offiziersmesse ab, während ihr Bub apathisch vor sich hinstarrt. Zu dem so gehemmten, explosiven Wozzeck passt diese Marie, die den Tambourmajor eiskalt verführen wird, wie ein hochprozentiger Cocktail zum Kaffeekränzchen. So weit, so gut. Tandberg serviert ein paar durchgeknallte Ideen, aber irgendwie passt das alles noch nicht zusammen.

Wozzeck Ole Anders Tandberg Elena Zhidkova

Plötzlich macht Tandberg aber etwas Spannendes. Es gibt seltsame Simultanhandlungen zu beobachten. Der Doktor hackt sich – selbst ist das Versuchskaninchen – einen Finger ab. Der abgetrennte Finger wird Forschungsobjekt wie Wozzecks Molch, den der Doktor vivisektiert. Doch damit nicht genug. Finger und Molch verbluten wie Wozzeck, der sich in der zweiten Teichszene, als die Tragödie ihren Lauf genommen hat, die Pulsadern aufschneidet, und das während der Doktor den Verband seiner Wunde löst. Hoppla, gibt es da eine geheime Blutsbrüderschaft zwischen Schinder und Geschundenem, gar zwischen Mensch und Tier, zwischen allen Kreaturen, die da draußen fleuchen? Diese Augenblicke führen der Inszenierung Frischluft zu. Doch insgesamt bleibt es bei einer kühlen Bebilderung von Alban Bergs so überraschend kurzer Oper. In den beiden Schenkenszenen schwenken blondbezopfte Trachten-Mädls Norwegerfähnchen. Oh, wie schön ist es, Norweger zu sein! Ole Anders Tandbergs Knalleffekte sind jedoch nicht das einzige Problem der Inszenierung. Es fehlt das Tragische, das Unheimliche. Maries Verzweifelung kommt nicht im Zuschauerraum an. Doktor (Seth Carico) und Hauptmann (Burkhard Ulrich) vertiefen sich nicht zu beängstigenden Charakterstudien. Deshalb wirkt diese Wozzeck-Premiere so zerrissen, so unfertig. Irritieren kann, dass Tandberg Details des doch so wunderbar genauen Librettos ignoriert. Ob Teich oder Stöcke im Gebüsch, ob Tod durch Ertrinken oder die Mahler-Idiome weiterspinnenden Jägerlieder, von was da gerade gesungen wird bleibt auf der Bühne mitunter schmerzlich inexistent. Ein Detail am Rande: Im Libretto antwortet Marie auf Wozzecks Frage Weißt noch, Marie, wie lang‘ es jetzt ist, dass wir uns kennen? Zu Pfingsten drei Jahre. In der Deutschen Oper werden daraus acht Jahre. Warum? Oder hvorfor, wie Tandberg sagen würde?

Ende gut, (fast) alles gut? Sänger und Orchester

Der Wozzeck von Johan Reuter tönt kraftvoll und energisch und im Schmerzensausbruch mit auffahrendem Bariton, bei leisen Stellen indes etwas sachlich. Die sphinxhaft kühle Marie singt Elena Zhidkowa, die in der Bibelszene mit viel Ausdruck und kostbaren Farben berührt (schön das begleitende Solohorn!), oft aber mit Vokalverfärbungen und Wortnuancierung zu kämpfen hat. Als operettig vertrottelter Hauptmann gefällt Burkhard Ulrich, der anfangs hoch zu Pappross sitzt, dem in der Höhe indes nicht der zwingende Ausdruck zur Verfügung steht. Als Repräsentant einer durchgeknallten Wissenschaft präsentiert sich der Doktor von Seth Carico, wohltönend und stimmlich präsent zwar, doch zu wenig das Teuflische betonend. Der Andres (Matthew Newlin) ist eine Wischkraft mit schneidigem Dreißiger-Jahre-Blond. Allen genannten Protagonisten kann nachgesagt werden, dass sie etwas unidiomatisch singen, hier das Gefühl für Silben oder Betonung, dort für prägnante Artikulation fehlt. Das trübt den Gesamteindruck doch.

Kein Tier, sondern ein nur ein aufgeblasener Draufgänger ist der Tambourmajor (Thomas Blondelle, mit sehnigem Tenor). Annika Schlicht glänzt als Margret, besonders in besagtem Schwabenlied (das mit dem süchtig machenden Knaben-Wunderhorn-Flair: In’s Schwabenland, da mag ich nit). Frau Schlicht singt es mit kupferschwerem Mezzo. Die Handwerksburschen von Tobias Kehrer (1., die großartige Ansprache Jedoch, wenn ein Wanderer, der gelehnt steht an dem Strom der Zeit) und Philipp Jekal (2. ) stechen besonders heraus. Sie lassen die Genauigkeit der Deklamation hören, die man bei anderen vermisst. Andrew Dickinson singt den Narren als Tunte im Norweger-Dirndl.

Berg-erprobt und Wozzeck-bewährt, so tönt heuer unter Donald Runnicles das Orchester der Deutschen Oper. Es sucht einen eigenen Weg zwischen sämiger Neoromantik und analytischer Präzision. Es findet ihn. Was Runnicles aus den Tiefen des Wozzeck-Klangs holt, klingt verraucht und wienerisch-weich, haptisch und biegsam zugleich. Da ist nichts von schnödem Durchwinken eines 20.-Jahrhunderts-Klassikers. Runnicles entwickelt Bergs geheimnisvoll reiche Partitur mit Hingabe und Gelassenheit. Die Musik findet zu pastosem Fließen und bleibt doch hellhörig für Struktur. Kaum ein Detail geht verloren. Das Tempo ist mäßig. Es gibt eine lange Generalpause, bevor in der Mordszene der Mond aufgeht. Das letzte Zwischenspiel sehr schön. Drall und scharfkantig der Jägerchor im dritten Akt.

Fazit: eine regie-seitig merkwürdig zerfahrene, wenn auch interessante Wozzeck-Premiere, die ihre Meriten vor allem im Orchester hat. Die Sänger singen ordentlich.

Foto: Marcus Lieberenz


Weitere Wozzeck-Premierenkritiken aus der Deutschen Oper: Hundert11 sieht Licht und Schatten, Brug nölt rum, ihm gefällt so ziemlich nüscht, auch Ulrich Amling im Tagesspiegel klingt wenig begeistert. Ähnlich sieht das die Morgenpost (Georg Kasch).

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