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Es ist Aribert Reimanns neunte Oper. Ist der 81-jährige Reimann nicht inzwischen der stille Grandseigneur der Oper, der heimliche Star am deutschen Opernkomponistenhimmel? Jedenfalls gewann die Deutsche Oper Berlin den erstaunlich frischen Reimann nun für besagtes neuntes Opernwerk. Es heißt L’Invisible und – Achtung! – es wird französisch gesungen.

 

Die Textvorlage stammt vom belgischen Jahrhundertwendedichter Maeterlinck. Reimann machte aus Maeterlinck etwas Neues: Aus drei Kurzdramen entwickelte sich eine abendfüllende, pausenlose Oper. Das große Thema ist der Tod in all seinen Schattierungen. Reimann nennt seine Oper dann Trilogie lyrique

Wie auch Medea (Uraufführung 2010) umgibt Reimanns neue Oper die Aura des knappen Meisterwerks. Reimann-Fans erkennen dessen Spätstil: makellos die Faktur, fast intim der Zuschnitt, hintergründig das Grausen. Auch das erregte Textsprechen aus Medea ist da, ebenso die wunderbar sorgfältigen Dialoge, und die Deklamation tönt so klar, als wäre sie just von Debussy. Aribert Reimann lässt leise Schauer durch das Orchester geistern, erweitert monochrome Schleier zu kargen Schichtungen, frickelt an der streichquartetthaft aufgelockerten Textur, die nur gelegentlich von Orchesterblitzen durchschossen wird.

Die drei Kurzdramen bewahren jeweils eigenes Klanggesicht.

In L’Intruse (der Eindringling) setzt der Komponist nur Streicher ein, der Hörer entdeckt da störrisches Nonlegato, komplexe punktuelle Aktionen. Die Geschichte: Eine Mutter liegt krank im Kindbett, die Anwesenheit des Todes erspürt nur der alte Großvater. In Intérieur sind nur Bläser zu hören, deren trübe Impulse sich clusterartig verdichten können. Hier scheut ein alter Mann vor der Überbringung der Todesnachricht zurück. Die Tote ist die ertrunkene Tochter der Familie. In La Mort de Tintagile findet das gesamte Orchester zusammen. Neben zeichenhaft verdichteten Einsätzen dominieren gequetschte Streichertremolos, doch auch seltsam gummiert klingende Streichergesten bedrängen die Zuhörerschaft in der gut gefüllten Deutschen Oper. Die Geschichte hier: Eine tyrannische Herrscherin lässt den jungen Tintagile ermorden. Seine machtlosen Schwestern werden Zeuge seines Todes.

Wasili Barchatows Inszenierung wählt für Reimanns lyrische Todes-Oper den naheliegenden Weg. Streng stilisiert zeigt Barchatow Häuserwand und Innenraum, der auch Todesraum ist. Gruslige Schatten gespenstern über Wand und Mauer.

Gesungen werden muss in L’Invisible auch noch: die Sänger

Im Mittelpunkt steht die Sopranistin Rachel Harnisch und meistert drei Rollen, allesamt recht hochliegende Partien (Ursula, Marie und Ygraine, die Schwester Tintagiles). Ihr identifikationsstarker Sopran eignet sich hervorragend für Literaturoper, intensive Höhe und sachlich-herbes Timbre unterstützen die Textausdeutung, Eindringlichkeit geht vor Brillanz. Nur die Attacke könnte präziser sein. Neben der auratisch-strengen Rachel Harnisch agiert Annika Schlicht als Marthe und Bellangère (der zweiten Schwester Tintagiles) wie immer mit kernigem Mezzosopran. Als blinder Großvater verbreitet Stephen Bronks wolliger Bassbariton sängerische Autorität (auch Alter und Aglovale). Thomas Blondelle singt als Onkel und Fremder leidenschaftlich genau. Die wuchtige Ronnita Miller (Dienerin) und Seth Carico als Vater komplettieren das gute Ensemble. Die meist unsichtbar bleibenden Countertenöre Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel füllen Interlude I und II als glockenklar singende Todesboten.

Dirigent Donald Runnicles hält die Oper und das Orchester zusammen, das genau folgende Orchester der Deutschen Oper erweist sich den Aggregatzuständen und Beleuchtungswechseln der Partitur Reimanns bravourös gewachsen.

Am Ende allenthalben Uraufführungsglück, Applaus, Bravi.

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