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Ariadne auf Naxos Staatsoper Berlin

Gruppenbild mit Ariadne: Ariadne auf Naxos im Berliner Schillertheater

Neuenfels‚ äußerlich kühle, innerlich kluge Inszenierung ist eines der Schaustücke der Staatsoper Berlin.

Ariadne auf Naxos – als Oper – ist durchaus nicht frei von Problemen, Zwiespältigkeiten. Da ist ja nicht nur die Trennung von kammermusikalisch leichtem, sprechtheaterdurchwehtem „Vorspiel“ und operseria-öser „Oper“. Da ist auch die heikle Tatsache, dass Ariadne eine jener Kunst-denkt-über-Kunst-nach-Opern ist – und eine der ersten. 

Doch wachsen aus all dem auch Reiz und hoher Charme des Werkchens. Nicht zu vergessen das zaubermächtige Melos, das, genährt vom orchestralen Motivgewebe, immer wieder zur Oberfläche aufschießt und das Strauss insbesondere den Damen anschmiegsamst in die Kehlen gelegt hat.

Die Aufführung stützt sich wie im Vorjahr vor allem auf Kräfte des Ensembles.

Allen voran auf Kammerloher und Samuil.

Als Komponist gibt Katharina Kammerloher (letztes Jahr sang Prudenskaya die Rolle) ein angemessenes Porträt des jungen Mannes als angehender Meisterkomponist. Nervös und himmelstürmend spielt sie das. Stimmlich ist sie eher anrührend als brillant, aber ersteres richtig. Reich und dunkel in der Mitte, vibriert Kammerlohers Mezzo in der Höhe vor Ausdruck. Und bewegend gelingen die Straussschönheiten („Ariadne ist die eine unter Millionen“, „Sie hält ihn für den Todesgott“). Was Kammerloher an Stimme weniger hat als Prudenskaya, hat sie mehr an genauer Wortausdeutung, an aufregender und inniger Notenverlebendigung.

Arttu Kataja ist der blondperückte Musiklehrer, den man selten so warm gespielt, so menschlich in Stimme und Gestik gehört und gesehen hat. Sehr schön.

Die einsame Ariadne (und Primadonna im Vorspiel) ist Anna Samuil, die auf Neuenfels‘ Chaiselongue in prachtvoller Trauer (verbunden mit Schmollen) lagert wie ein reifer Bordeaux, der nur auf die Entkorkung durch den Bacchus wartet. Echter Neuenfels (Jahrgang 2015, furztrocken, bittersüßes Bouquet) ist Ariadnes Freitod, eine auf den ersten Blick erstaunliche Liebesverweigerung der Diva, auf den zweiten Blick ein Aufblitzen regietheaterlicher Skepsis gegen zu viel Humanpathos der Herren Strauss und Hofmannsthal (Das hängt mit Spätstiltendenzen Hugo von Hofmannsthals- ja, mit 37 Jahren – zusammen).

So umweht ein Hauch Tragik Roberto Saccà, der heldenhaft und vergebens wie ein o-beiniger John Wayne um Ariadne wirbt. Als Bacchus passt die virile Silhouette wie die Faust aufs Auge. Seine Stimme? Metallisch strahlend (mehr Platin als Gold) in den Schlüsselstellen, doch stets bereit, in die schöne Halbstimme zu wechseln. So dürfte Saccà derzeit zu den spannendsten Interpreten dieser Rolle gehören.

Eine der angenehmen Seiten dieser Inszenierung ist, dass allegorische oder symbolhafte Deutungen sich kaum in den Vordergrund drängen, sich vielmehr vertrauensvoll in den leicht-ernsten Fortgang dieser vertrackten Oper einfügen.

Die muntere Elena Sancho-Pereg (sie ist genauso jung, wie sie aussieht) schenkt der Zerbinetta ihren glockenglitzerreinen Ton. Schauspielerisch ist die Frau Sancho-Pereg eine Augenweide. Ihre Zerbinetta verkörpert mehr die allgemeine weibliche Keckheit als das womöglich von der Rolle ebenso geforderte Kokettenkalkül. Ihr Ton ist ganz der leichte Soubrettenton: In der elfeinhalbminütigen Arie „Großmächtige Prinzessin“ federt ihr Sopran durch die Notenlinien wie ein Flummi. Ihr Lächeln ist umwerfend, ihre Koloratur gut, ihr Deutsch ebenso. Was für ein Oscar (Maskenball) wird sie in zwei, drei Jahren sein.

Elisabeth Trissenaar, die Neuenfels-Gattin, macht den gockelhaft blasierten Haushofmeister zu einem angemessen boshaften Herrn. Welcher Regisseur wagte, den Meister von Haus und Hof als sympathischen Mann zu zeichnen?

Auch die kleineren Rollen hat Regie-Oldie Neuenfels individuell und genau gefasst.

Das Buffo-Quartett aus Gyula Orendt (Harlekin), Linard Vrielink (Scaramuccio, war das der fidele Autofahrer?), Grigory Shkarupa (Truffaldin), Miloš Bulajić (Brighella) überzeugt als blödelbereite Ulktruppe. Nebenbemerkung: Der zweite Auftritt der vier („Eine Störrische zu trösten“, nach Zerbinettas Soloszene) kommt mir jedes Mal aufs Neue ein bisserl zu lang vor. Man ist dann einfach reif für die Pappmaschee-Antike der Schlussszene. Manuel Günther ist ein idealer Tanzmeister, vokal leicht und tenorflexibel. Als Krankenschwestertrio singen Najade Evelin Novak (leuchtend), Dryade Natalia Skrycka (mezzokräftig) und Sónia Grané als Echo (sanftstimmig) die schönen Triostellen des zweiten Teils.

Den dauersalutierenden Offizier singt Sergiu Saplacan, den Perückenmacher Adam Kutny, und den kniebestrümpfelt über die Bühne eilenden Lakaien David Oštrek („Die Geigen werden schwerlich kommen, erstens weil’s keine Füss nicht haben, und zweitens, weil’s in der Hand sind!“ – das ist echter Hofmannsthal).

Eun Sun Kim am Pult liegen die kammermusikalisch-durchsichtigen Partien des Vorspiels. Schön insbesondere das kurze Vorspiel: Die Streicher atmen vorzüglich, die Bläser (Fagott!) schnattern um die Wette, das Horn bläst butterweich. Die Mischung aus improvisiert und energisch stimmt. Die leidenschaftlichen Linien der zweiten „Opern“-Teils könnten indes mehr an Energie und Form gewinnen und dass Forte lässt ein bisserl die Fassung vermissen. Der Graben ist angehoben.

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