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Ägyptische Helena Deutsche Oper Berlin Ricarda Merbeth Stefan Vinke Strauss-Wochen 2016

Ägyptische Helena Deutsche Oper Berlin: Ricarda Merbeth & Stefan Vinke / Foto: twitter.com/Hadrovich

Die Ägyptische Helena.

Das Libretto ist ein Hofmannsthal’scher Schmarrn vor dem Herrn, auch wenn es darin erfolgreiche Eheberatung und mythologischen Klimmbimm gibt. Wer sich hier an wen gerade erinnert, wer wen gerade vergisst, wer wen für was hält oder nicht oder was wer gerade trinkt, das weiß man erst nach dem zwanzigsten Besuch. Ich wette, die Leute, die zwanzig Mal Ägyptische Helena gesehen haben, kann man weltweit an einer Hand abzählen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass 50% davon heute im Publikum sitzen. Dennoch hat das Stück unbestreitbaren Reiz.

Marco Arturo Marellis Regie bringt Schwung und Temperament auf die Bühne, wenn es auch zu viel Kulissenholz zu sehen und vor allem zu drehen gibt. Ansonsten ist eigentlich nichts wider Marelli zu sagen, und schon gar nicht, dass es nicht sehr unterhaltsam zuginge, wenn auch große Regiekunst noch mal anders geht.

Ricarda Merbeth ist eine Helena kurz vor dem besten Alter. Sie trägt wallende Hausmäntel in verschiedenen Ausführungen und ist stimmlich in ausgezeichneter Verfassung. Merbeths exuberante Ausflüge in Sopranhöhen lassen wohlige Schauer über den Rücken laufen. Besser habe ich Merbeth nicht gehört. Helena ist ihr auf den Leib geschrieben. Kraftvolle Höhe, nicht zu weich, das gewisse Etwas einer Strauss-Diva, nicht zu sentimental (wie es Renée Fleming gesungen hätte), hinter dem Metall in der Stimme hörte man das Lächeln in der Stimme – nicht schlecht.

Der Menelas von Stefan Vinke gefällt mit festem, höhensicherem Tenor. Angesichts der überaus formidablen Disposition des Materials fallen spielerische Defizite, ein bedauerlicher Mangel an Eloquenz oder Intonationsunsicherheiten weniger ins Gewicht. Ein Buh. Dennoch eindrucksvoll.

Laura Aikin ist die zauberhafte Zauberin Aithra, die vermutlich weltgrößte Helena-Verehrerin, auf jeden Fall diejenige mit der anmutigsten und beweglichsten Sopranstimme. Auch spielerisch ist Aikin ein Labsal. Ein besonderer Humbug Hofmannsthals ist die alleswissende Muschel, die Ronnita Miller indes mit meerestiefem Mezzo singt. Miller scheint die gute Seele von Aithras Haushalt zu sein und man bedauert ernsthaft, dass Hofmannsthal nicht mehr Noten für diese Art Meeresfrüchte geschrieben hat.

Da-Ud Andrew Dickinson ist ein schmalzlockiger Jüngling, der vokal etwas defensiv agiert, Derek Welton ein grobkörniger, aber sehr effektvoller Altair in respekteinflößender weißer Uniform. Die Dienerinnen Alexandra Hutton und Stephanie Weiss sind nicht nur optisch ein Genuss. Die Elfen Elbenita Kajtazi, Alexandra Ionis, Rebecca Raffell sind fußflinke und schön singende Solistinnen, wenn nicht aus dem Geisterreich, so doch aus sehr guter Gesangsschule.

Andrew Litton, Leiter des Colorado Symphony Orchestra, bringt Zug und Spannung in die Helena. Freier als Runnicles in Elektra, instinktsicherer als Weigle in Daphne, steuert er das Orchester der Deutschen Oper mit Geschick und gutem Riecher durch Turbulenzen und Höhepunkte.

Dem Stück möchte man wiederbegegnen.

Ovationen.

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