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René Pape, umgeben von attraktiven Mädels // Foto: Monika Rittershaus / .staatsoper-berlin.de

René Pape als Wotan, umgeben von einer Menge attraktiver Mädels // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Zuerst dachte ich, Barenboim hat Guy Cassiers nach Berlin geschleppt. Inzwischen glaube ich, dass Flimm schuld ist. Personenführung? Nicht mit mir, sagt Cassiers. Neue Ideen? Cassiers verwahrt sich auf das Schärfste gegen diese Unterstellung.

Das im Ganzen exzellente Ensemble offenbarte im Einzelnen unterschiedliche Gesangsleistungen.

René Pape: Eindrucksvoll im dritten Akt, vor dem er wegen leichter Erkrankung um Nachsicht bitten ließ. Lyrisch-elegisch verschattet, wunderbar tragendes oberes Register, auch in der Expansion. Nobelstes Legato, eine Lehrstunde wagnerischen Cantabile-Stils. Klaro, René Pape ist ein Wunder an Textverständlichkeit. Im 2. Akt eine leichte Enttäuschung, trotz des fulminanten Einstiegs („Nun zäume dein Ross“). Papes Wotan fehlen im 2. Akt Temperament, Autorität und Metall in der Stimme. Ein sensibler, sehr jung klingender, melancholischer Wotan. Aber „Als junger Liebe Lust mir verblich“ klingt wohl doch nicht mit „schauerlicher“ (O-Ton Wagner) Stimme. Mir missfällt, dass René Pape im 2. Akt die Silben nicht voll aussingt und immer dasteht wie ein gedankenvoller Gymnasiast in einer Schul-Aufführung von Schillers Don Carlos. Oder ist das Ihre Schuld, Herr Cassiers?

Peter Seiffert: Seifferts Siegmund ist mit den Gefühlen eines zweitklassigen Elektrikers und der Stimme eines erstklassigen Heldentenors ausgestattet – eine außergewöhnliche Kombination. Allerdings eines Elektrikers mit bewundernswerter Höhensicherheit. Der zweite der Wälserufe dauert 9 Sekunden. „Winterstürme“ in einer nicht ganz geglückten Mischung aus Beiläufigkeit zu Beginn und Hemdsärmeligkeit am Ende. Hervorragendes, klanglich voll begfriedigendes „So blühe denn, Wälsungen-Blut“ und berührende Todesverkündigung.

Waltraud Meier: der Mittelpunkt der Aufführung. Ihr Auftauchen im 2. Akt führt dazu, dass diese Inszenierung für ein paar Minuten eine fesselnde Personendarstellung besitzt. Im 1. Akt fesselnd ab „Du bist der Lenz“, genauer gesagt ab dem F in „als dein Blick„. Sie hat immer noch die sehrende, durchdringende Intensität der Höhepunkt-A’s. Dann folgt viel Erstklassiges: die scheue Glückseligkeit der Stellen um „aus Aug‘ und Antlitz bricht“ oder das von der Welle der Empfindung mitgerissene „schon wollt‘ ich beim Namen ihn nennen“. Wenn ich richtig liege, ist Waltraud Meier ca. 56 Jahre alt (dies ist ein galantes „circa“, kein schnoddriges). Alles, was überm A im System ist klingt, vieles, was darunter ist, nicht.

Mikhail Petrenko: das Scheusal in Person. Rau und herzlich.

Catherine Foster: Als Einspringerin für die heute Abend nicht zur Verfügung stehende Iréne Theorin OK. Schöne flutende laute Töne, aber wildes Walkürenblut fließt nicht durch ihre Adern. Wo dramatische Entfaltung gefordert ist (Szene Wotan – Brünnhilde 3. Akt), gibt es Luft nach oben. Catherine Foster wird eventuell eine gute Brünnhilde. Sie ist es noch nicht. Holpriges Messa di voce. Evelyn Herlitzius war im Mai unter Rattle ein anderes Kaliberchen. Die Artikulation ist bei den meisten Walküren (Susan Foster, Sonja Mühleck, Carola Höhn, Ivonne Fuchs, Simone Schröder, Anaïk Morel, Leann Sandel-Pantaleo, Anna Lapkovskaja) besser. Weiteres Manko: das nicht sehr individuelle Timbre.

Ekaterina Gubanova: Orgelhafte Mezzopracht.

Daniel Barenboim: Vordere Streicher verdeckt, dadurch hervorstechende Holzbläser, auch im Mezzoforte. Der Walkürenritt bestand hauptsächlich aus Bläsern und kam mir vor wie kubistische Bläserserenade. Genial jeweils die Akt-Anfänge. 1:31:20 für den 1. Akt.

Kritik/Review: Heute Abend war für jeden etwas dabei – Peter Seiffert bot heldische Stimmkraft, Waltraud Meier dramatisches Genie, Catherine Foster unbelastetes Sopranmaterial, René Pape Wohllautbalsam, Ekaterina Gobanova dunkelroten Mezzosamt, Mikhail Petrenko Bösewichtsschwärze, Daniel Barenboim deutschen Hochspannungsklang.

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