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Lilli Paasikivi

„Tachchen, ick bin die Fricka.“ Na, ganz so fesch sah Lilli Paasikivi in der Berliner Philharmonie (leider???) nicht aus / Foto: Kira Gluschkoff / lillipaasikivi.com

Walküre konzertant ist was für Masochisten, besonders im Mai, und besonders wenn man bis 8 in der Sonne liegen kann. Man erntet mitleidige Blicke von Bekannten. Man lehnt Einladungen ab, in der Luise „noch ein kleines Bierchen“ zu trinken. Man flucht. Ich seufze. Zu allem Überfluss wurde mir heute mal wieder das Fahrrad geklaut.

Und damit zur Sache.

Ladies first…

Eva-Maria Westbroek: Resonante Stimme, resolute Erscheinung. Hübsch ist die spontane Glut des strudelnden Klangstroms, Westbroek gebietet über einen reichen Sopran mit großer klanglicher Substanz. „Oh hehrstes Wunder“ gelingt strömend und leuchtend, kann das zur Zeit jemand besser? Trägt Schwarz.

Hier lesen: Kritik zum 1. Akt Walküre im Dezember 2016.

Evelyn Herlitzius: Durchsticht das Orchester mit leicht geschärften Spitzentönen voll phonetischer Energie. Gute Diktion verbindet sich mit nervöser Agilität, das Vibrato ist gut integriert in die Linie, Herlitzius‘ Ton ist durchdringend klar auch in der Höhe. Gefiel mir als Isolde an der DOB aufgrund eines leichten Eindrucks von Pauschalität des Rollenporträts weniger gut. Heute aber doch alles in allem Weltklasse. Macht auch eine gute Figur, wenn sie einfach nur auf dem Stuhl sitzt. Trägt Rot.
Lilli Paasikivi: Als Ehefrau offenbar ein ganz harter Knochen. Laut eigener Homepage die „warme Stimme aus ‚cold Finland'“. Tatsächlich feuert Paasikivi total kaltblütig heiße Raketen ehelichen Unmuts in Richtung Terje Stensvold. Die Mezzosopranistin verfügt heute Abend über das charakteristischste Timbre und Vibrato, dazu kommen die plastische Artikulation und der Obertonreichtum ihres Mezzos. Selten habe ich einer Stimme mit solchem Genuss zugehört.

Christian Elsner: Als Sieglinde hätte ich mich heute Abend sowohl vom Optischen als auch vom Sängerischen her für Hunding entschieden und nicht für Siegmund. Lieber einen feschen Fiesling als einen harmlosen Halbgott. Elsner ist einer der Wagnertenöre, die bedeutende Anmut mit bedeutender Unsinnlichkeit verbinden. Astreine „Wälse“- und „Nothung“-Rufe. Aber „Ein Weib sah ich, wonnig und hehr“ klingt, als besinge Elsner die Uhr auf dem Potsdamer Platz. Na, er hatte schon tolle Momente… Technisch durchweg imponierend souverän.
Terje Stensvold: ein kantabler, jovialer, elegant und eloquent (vokal) agierender Wotan mit feinkörnigem, metallischem Bass ohne ausgesprochenes Bariton- bzw. Bassschwarz. Winkt ab („Ach, hör doch uff“), als Fricka zu zanken anfängt, schiebt den Mund hin und her („Ey, jetzt is aber langsam genug“), als Fricka ihn in die Zange nimmt. Ein Ereignis für sich ist es, als Stensvold auf seinem Stuhl halb lümmelnd, halb sitzend „Leb‘ wohl, du kühnes, herrliches Kind!“ etc. zu singen beginnt. Lässigkeit trotz Leistung, das ist cool.
Mikhail Petrenko: frische, junge, tintenschwarze Bassstimme, die noch an Geschmeidigkeit zulegen dürfte.

Simon Rattle beim Fotoshooting nach der abschließenden Probe zur Walküre

Simon Rattle, the perfect Wagnerite, gesteht: „Oh, that’s my favourite Hausanzug. It’s so inspiring. And the Hauptsache is, Magdalena likes it, too.“

Der dritte Akt mit seinem bezaubernden Einsatz der versammelten Walkürenriege (Joanna Porackova, Heike Grötzinger, Julianne Young, Andrea Baker, Eva Vogel, Anette Bod, Anna Gabler, Susan Foster) war immer eine meiner Lieblingsstellen bei Wagner. Man nimmt dafür sogar den lärmenden Walkürenritt in Kauf (kleiner Scherz am Rande).

Berliner Philharmoniker: überreicher Phrasierungs- und Artikulationsreichtum, fafnerhafte Unmutsgesten, Details, die selbst Strawinsky befriedigt hätten, Schmackes, der auch Strauss zufrieden gemacht hätte. Der erste Akt zieht sich a bissl, was vermutlich an Elsners sauber-sachter Siegmundstimme und dem spärlichen Einsatz des vollen Orchesters liegt. Herzzerreißende Bratschen in der Todesverkündigung. Die Kulminationsstellen sind zu ungeheuerlicher Plastizität gesteigert. Ein bis in die Grundfesten vibrierendes Orchester. Die letzte halbe Stunde gehört zum Schönsten, was ich seit langem hörte.

Geigen links, Mitte rechts Celli, rechts Bratschen, dahinter Bässe. Ganz hinten: links Trompeten, Mitte Posaunen, Hörner Mitte rechts. Nach der Todesverkündung sitzen Paasikivi, Westbroek und Elsner auf Stühlen auf der Passerelle über A rechts und schauen Rattle beim Dirigieren zu. Bläsersolisten: Andreas Blau, Wenzel Fuchs, Daniele Damiano, Jonathan Kelly. Sehr hübsche Bassklarinette, ebenso Basstrompete. Konzertmeister Stabrawa und Kashimoto. Streicher 15, 15, 12, 10, 8. Also weniger, als Karajan vermutlich in der Regel für Beethoven einsetzte.

Nach dem ersten und zweiten Akt sehr resolute Bravo-Brüller, quasi attacca an die Musik angeschlossen. Im dritten Akt bleiben einige Plätze frei – Tagesschau nicht verpassen??? Massiver Applaus. Rattle plauscht im Abgehen mit Eva-Maria Westbroek. Für mich der Auftakt für eine Reihe von Walküren. Im Herbst die Barenboim-Walküren, dann noch mal Barenboim im Staatsopern-Ring nächsten Frühjahr, und dann die Walküre im Rahmen des DOB-Rings unter Rattle.

Kritik/Review Walküre Berliner Philharmoniker: juti

Evelyn Herlitzius (Brünnhilde)
Eva-Maria Westbroek (Sieglinde)
Lilli Paasikivi (Fricka)
Terje Stensvold (Wotan)
Mikhail Petrenko (Hunding)
Christian Elsner (Siegmund)
Joanna Porackova (Gerhilde)
Julianne Young (Waltraute)
Andrea Baker (Schwertleite)
Eva Vogel (Grimgerde)
Heike Grötzinger (Siegrune)
Anette Bod (Rossweisse)
Anna Gabler (Ortlinde)
Susan Foster (Helmwige)

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