Kritik Festtage Staatskapelle Barenboim: Beethoven Violinkonzert Anne-Sophie Mutter, und anderes

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img_9888.jpgGottogott!

Ein Festtagekonzert der Schwergewichtsklasse, was Länge und Niveau der Stücke angeht. Das ist das Programm: Takemitsus immerhin mittelkurzes Nostalghia, Beethovens Violinkonzert (48 Minuten!), Debussys magistrales Meta-Stück La Mer, Bergs epochale Drei Orchesterstücke. Weiterlesen

Kritik Premiere Frau ohne Schatten Staatsoper Berlin Claus Guth

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Frau ohne Schatten Staatoper Berlin Premiere Camilla Nylund

Die Frau ohne Schatten: Camilla Nylund singt die Kaiserin / Foto: Hans Jörg Michel / staatsoper-berlin.de

Die Frau ohne Schatten ist das sperrigste Opernkind aus der Künstlerehe Strauss-Hofmannsthal.

Was ist die Frau ohne Schatten nicht alles? Die Fruchtbarkeitsfestoper schlechthin. Saure Eheüberhöhungsoper. Hehres Paartherapieweihfestspiel.

Ja, die Frau ohne Schatten (Uraufführung 1919) ist von allegorischem Humbug überladen, die Handlung zäh wie kalter Honig.

Und doch liegt falsch, wer diese oft geschmähte, selten geliebte Opernzumutung nicht liebt. Vom Duo Strauss-Hofmannsthal selbst stets als Haupt- und Lieblingswerk angesehen, steht dieser Eheglücksmumpitz doch mit beiden Beinen fest in der europäischen Operntradition (Zauberflöte!) – und zuallererst auch in Strauss‘ eigener: in der „Frosch“ rumoren Rosenkavalier und Elektra, Alpensymphonie und Till Eulenspiegel. Weiterlesen

Festtage 2017 Parsifal Barenboim: Andreas Schager, Anna Larsson Kundry, René Pape Gurnemanz

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Außer Rand und Band: kleine Gralsritterschlägerei im dritten Akt / Fotos: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Außer Rand und Band: kleine Gralsritterschlägerei im dritten Akt / Fotos: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Parsifal ist das Meta-Werk par excellence. Es hat so viele doppelte Böden, dass man vor lauter Böden schier die Noten nicht mehr hört.

Und Barenboim ist der Parsifal-Dirigent par excellence.

Und René Pape ist der Gurnemanz par excellence, spielfaul wie eh und je (selbst, dass er Kundry am Ende erdolcht, bekommt nur der mit, der es vorher schon weiß), doch in dieser Rolle ist Pape stellenweise unendlich bezwingend. Die von Pape in orgelnder Stimmpracht exponierten Vollhöhen sind zwar die auffälligsten Pluspunkte, vollauf überzeugend Weiterlesen

Madama Butterfly Staatsoper: Oksana Dyka Teodor Ilincăi Alfredo Daza

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Michael Smallwood, Natalia Skrycka, Katharina Kammerloher, Alfredo Daza, Oksana Dyka, Teodor Ilincăi

Michael Smallwood, Natalia Skrycka, Katharina Kammerloher, Alfredo Daza, Oksana Dyka, Teodor Ilincăi, Eun Sun Kim

 

Diese Madama Butterfly ist anders.

Oksana Dyka ist groß und knochig. Dyka überragt den Pinkerton ebenso wie ihren (einzigen) Freund, den Konsul. Diese Madama Butterfly ist keine Farfalletta, kein süßer Schmetterling. In einem Ehestreit trüge nicht sie, sondern der US-Boy die blauen Flecken davon.

Oksana Dyka, das ist ein Sopran wie ein Traktor. Eine Butterfly mit dem Herz einer Tosca. Unmöglich, dass eine Madama Butterfly mit dieser Stimme noch Jungfrau ist. Weiterlesen

Kirill Petrenko Berliner Philharmoniker Kritik: Mozart Haffner Tschaikowsky Sinfonie 6

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Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko / Foto: berliner-philharmoniker.de

Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern / Foto: berliner-philharmoniker.de

Da ist er. Kirill Petrenko.

Knapp-kompakt das Kraushaar, darunter die fliehende Stirn, dazu die irgendwie ausgemergelte Gestalt. Dirigiert er, beherrscht ein komplizierter Teppich aus Falten die Stirn.

Die Philharmoniker spielen Tschaikowskys Sechste, erster Satz.

Es klingt so locker gefügt und verblüffend genau ausgehört. Selten wurde in der Philharmonie in den letzten Jahren Spätromantik so besessen diszipliniert gespielt. Selten hört man die weiträumigen Spannungs- und Entspannungsfelder so hochbewusst ausgefeilt. Ist das nicht die Strategie Karajans: Überwältigen durch Schönspielen und Formbewusstsein? Den elegischen Kulminationspunkt der Coda spielen die Musiker jedenfalls mit karajanesk schöner Entfaltung der Linien. Erstaunlich andererseits, wie frei virtuos die Holzbläser (Moderato mosso) spielen dürfen. Weiterlesen

Kritik Rattle Berliner Philharmoniker: HK Gruber Klavierkonzert Bartók Herzog Blaubarts Burg

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Berliner Philharmoniker Simon Rattle Bartók Gruber

Berliner Philharmoniker Simon Rattle Bartók Gruber

Das Klavierkonzert von HK Gruber kann ich wieder vergessen.

Oder auch nicht.

Lassen wir die Frage, ob der fluffige Ton von HK Grubers Komposition Ernst oder Jux ist. Das unaufdringliche Tastenparlando gibt Emmanuel Ax jedenfalls klar und akkurat. Aber es ist nichts Neues an Grubers Klavierkonzert. Muss ja nicht. Erfrischend leicht gestrickt ist das Werk immerhin, aber nur selten ironisch augenzwinkernd. Die Instrumentalisten steuern Kostbares bei, Tarkövi die gestopfte Trompete, die Streicher Butterweichheit.

Der Klavierpart ist sterbenslangweilig. Aber der Rest…

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Late Night Rattle: Magdalena Kožená Ravel Berio Sequenza III Laborintus II

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Late Night Berliner Philharmoniker Rattle Kozena / Foto: berliner-philharmoniker.de

Late Night Berliner Philharmoniker Rattle Kozena / Foto: berliner-philharmoniker.de

Zuerst Maurice Ravels makellose Trois Poèmes nach Mallarmé.

Magdalena Kožená singt emotional vibrierend, tonlich intensiv (fast hypnotisierend), subtil im Farbenspiel. Typisch die gedämpfte Beweglichkeit ihres Mezzosoprans. Die Orchester-Akademie der Philharmoniker spielt bestechend genau.

Kompositionen von Luciano Berio waren in den Programmen der Late-Night-Konzerte oft vertreten. Heute kommt Berios Sequenza III für Frauenstimme zur Aufführung. Sequenza III erfordert 15 Singtechniken und 44 Vortragsarten. Uraufführung war 1966. Kožená zollt Berio mit kraftvollen Temperament Tribut, artifizielle Spontaneität allerdings war nie ihr Ding.

Luciano Berio Laborintus II für Stimmen, Instrumente und Tonband lässt sich als eine Art experimentelles Musiktheater beschreiben (Uraufführung 1965). Die Besetzung sieht u.a. drei Klarinetten, drei Trompeten (mit Velenczei), drei Posaunen, zwei Harfen, Flöte, zwei Celli und Kontrabass vor. Der Text stützt sich auf Sanguineti, Dante (ja, hab’s gehört, „Lasciate ogni speranza“), Eliot, Pound und die Bibel. Auch Laborintus II ist feinste Sechziger-Jahre-Musik. Weiträumigkeit und Frische klingen wunderbar unverbraucht. Die Qualität der Komposition ist enorm.

Sprecher ist Dino Scandariato.

Gehört über die Digital Concert Hall.

Berliner Tannhäuser: Peter Seiffert, Ain Anger, Ricarda Merbeth

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Tannhäuser Deutsche Oper Berlin Peter Seiffert Ain Anger Donald Runnicles

Und ewig baumelt der Landadel: Thüringische Hofgesellschaft unter Blechrittern

Welche sind die fünf Fehler des Tannhäuser?

  1. Die Oper beginnt mit der langatmigen Schilderung einer Trennung. Ungünstig.
  2. Sind Elisabeth und Tannhäuser wirklich ein Liebespaar? Eben.
  3. Den Venusberg zufriedenstellend zu inszenieren ist unmöglich.
  4. Venus ist eine Allegorie, keine Frauenperson aus Fleisch, Flüssigkeiten und Knochen.
  5. „Ein etwas theoretischer Ausgang.“ (Zitat Alfred Kerr).

Die Inszenierung von Kirsten Harms hat ihr tiefsinniges Coming-out, als Wolfram mitansehen muss, wie die tote Elisabeth von den Toten aufersteht wie weiland Lazarus, nur eben als Venus. Weiterlesen

Kritik Ariadne auf Naxos Staatsoper Berlin 2017: Samuil Kammerloher Saccà Kataja

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Ariadne auf Naxos Staatsoper Berlin

Gruppenbild mit Ariadne: Ariadne auf Naxos im Berliner Schillertheater

Neuenfels‚ äußerlich kühle, innerlich kluge Inszenierung ist eines der Schaustücke der Staatsoper Berlin.

Ariadne auf Naxos – als Oper – ist durchaus nicht frei von Problemen, Zwiespältigkeiten. Da ist ja nicht nur die Trennung von kammermusikalisch leichtem, sprechtheaterdurchwehtem „Vorspiel“ und operseria-öser „Oper“. Da ist auch die heikle Tatsache, dass Ariadne eine jener Kunst-denkt-über-Kunst-nach-Opern ist – und eine der ersten.  Weiterlesen

Kritik Tannhäuser Staatsoper Berlin 2017: Anne Schwanewilms Burkhard Fritz René Pape Wolfgang Koch

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Tannhäuser Staatsoper Berlin Marina Prudenskaya

Im Auge der erotischen Sturms: Venus Marina Prudenskaya lüpft einen Gewandzipfel / Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Sasha Waltz‘ Tannhäuser an der Staatsoper Berlin hat Schwächen und Stärken.

Aber mehr Schwächen als Stärken.

Denn Tanztheater allein macht noch keine Inszenierung, und sei dieses noch so modern. Spätestens, als ich in der zweiten Szene die tanzenden Männchen zwischen Landgraf, Wolfram und Walther herumhopsen sehe, möchte ich mit dem Baron Ochs (Rosenkavalier, 3. Akt) fragen: „Halt, was woll’n die Maikäfer da?“

Besserung bietet der dritte Akt. Weil die Bühne schön leer ist und Sashas Tanzmariechen Pause machen. Weiterlesen