Kritik Tristan und Isolde 2017 Bayreuth: Gould Lang Pape Mayer Paterson

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Nach dem Trubel um die Meistersinger-Premiere gestern geht es heute um Tristan.

Dank BR-Klassik ist man auch in Berlin der oberfränkischen Provinz nah.

Stephen Gould hat man inzwischen so oft gehört, dass man verwundert ist, Neues zu entdecken. Zuerst einmal das Offenkundige: Goulds Diktion ist nicht sehr prägnant, die Klangfarbe eine Mischung aus Helle und Männlichkeit. Es gibt – nicht live, sondern am Radio, wo das Ohr detailversessener hört und das große Ganze aus dem Blick verliert – keine Stelle, die mich auf die Knie zwingt. Das todessehnsüchtige Wohin nun Tristan scheidet gelingt faszinierend. Weiterlesen

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Kritik Bayreuth Meistersinger Premiere 2017: Barrie Kosky

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Die Meistersinger-Premiere bei den Bayreuther Festspielen 2017.

Der wilde, assoziative Berliner Regiestil schwappt von Zeit zu Zeit als unvorhersehbare Flutwelle nach Bayreuth. Erst Castorf mit dem Ring, jetzt Kosky mit den Meistersingern. Wenn der Herr und Herrscher der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, am sogenannten Grünen Hügel Regie führt, dann dräuen fürwahr üble Regie-Streiche. Zum Festwiesenfinale, im leergeräumten Gerichtssaal von Anno 45, bannt der erklärte Wagner-Verächter Kosky dann aber doch gute Geister. Denn bevor der Vorhang fällt fiedelt sich die deutsche Hochmusikkultur geradewegs in die Erlösung. In Form eines Orchesters, hinter dem sich der großartige Festspielchor verbirgt. Unter Heilrufen. In biederstem C-Dur-Pomp.

Michael Volle Meistersinger Bayreuther Festspiele 2017

Der poetisierende Schuster in Denkerpose: Michael Volle / Foto: BR-Klassik

Die Kunst, heilt sie die Wunden, die Real- und Rezeptionsgeschichte der Oper schlugen? Die Wagner ihr selbst schlug? Ist das Koskys hehres Schlusswort zu Wagners komplexer Meistersinger-Oper? Gemach, gemach.

Begonnen haben Koskys Meistersinger als fideler Gaudi. Da öffnet sich zu den Klängen des Vorspiels bühnenfüllend der eichengetäfelte Salon der Villa Wahnfried mit Beethovenbüste, Flügel und dichtbesetzter Bücherwand. In solch schummriger Bildungsbürgerhöhle halten nun Wagner und Cosima eifrig-eitel Hof (Bühne: Rebecca Ringst). Und da trudeln auch schon Liszt und Hermann Levi, jüdischer Uraufführungsdirigent des Parsifal, ein. Flugs setzt Wagner sich an den Flügel. Dem entkrabbeln unversehens jede Menge Jung-Wagners. Zwischenfrage: Schälte sich nicht schon 2007 bei Katharinas Meistersingern ein Meistersänger aus dem Klavier? Ja doch. Allmählich wird klar: Wahnfried ist Nürnberg, Sachs ist Wagner. Und Eva ist Cosima, Pogner Liszt, Beckmesser der bärtige Jude Levi. Und dann auch noch das: Auch Stolzing ist Wagner, nur eben jünger als Sachs. So volatil steht’s in dieser Oper um Identitäten und Individuen. Alles hängt mit allem zusammen. Sagt Kosky. Weiterlesen

Kritik Tannhäuser München: Romeo Castellucci Anja Harteros Petrenko

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Ein merkwürd’ger Fall, dieser Neu-Münchner Tannhäuser.

Gehört auf arte.tv.

Romeo Castellucci, der Regisseur aus Italien, verpasst Wagners Sorgenkind-Oper zweifelsohne einen Facelift. Wie das? Castelluccis Regie zielt auf opulent-üppiges Tableau-Theater ohne jede dramatische Unterfütterung.

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Es lebe die Gardine!: Die Sänger liegen schon / Foto: arte.tv

Dabei fängt es gut an. Ja, die Regie schafft bildmächtige Szenerien. Zu nennen sind das fidele Bogenschießen eines Rudels von Amazonen, das die Venusbergmusik vielsagend begleitet. Aber schon im zweiten Akt stehen mystisch wehende Gardinen im Zentrum, und der Sängerkrieg vollzieht sich als Look-Alike einer Zen-Zeremonie in blendend weißen Karate-Outfits. Dazu formen weißbezopfte Balletteusen rätselhafte Menschenmuster. Das ist so blässlich wie konventionell und enträt jeden dramaturgischen Pepps. Unter den Chorsängern befürchtet man infolge Dauerstehens gar bleibende Gesundheitsschäden. Die faustdicke Überraschung hält indes der dritte Akt bereit. Weiterlesen

Kritik Rihm Jakob Lenz Staatsoper Berlin: Andrea Breth

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Wolfgang Rihm: Lenz und Goethe im Regal / Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Im Rahmen des hauseigenen Neue-Musik-Festivals Infektion! zeigt die Staatsoper Berlin Jakob Lenz von Wolfgang Rihm.

Georg Nigl ist der Schmerzensmann Lenz. Lenz, in Berlin Träger eines genialischen Haarwuschels, teilt seine besudelte Nacktheit mit dem Publikum, trudelt in psychisch bedenkliche Situationen, schmiert in tragische Isolation ab, krümmt sich wie eine ins Feuer geworfene Schnecke. Rihms Oper im Schillertheater: das Moritat vom Leiden und Sterben des Georg Nigl. Die Welt: ein undurchdringliches Dickicht aus Wirklichkeit und Traum. Das menschliche Elend als Opern-Rohstoff – das kam dem jungen Rihm 1977, 78 gelegen. Ein Bühnenweihtrauerspiel in einem Akt. Gut 70 Minuten und 13 Szenen lang. Weiterlesen

Kritik Don Carlo Deutsche Oper: Kristin Lewis Etienne Dupuis Teodor Ilincai Jamie Barton Giacomo Prestia

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Die Deutsche Oper Berlin zeigt Verdis blutig dunklen Don Carlo nach Schillers „dramatischem Gedicht“ in hörenswerter Besetzung.

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Verdis Don Carlo: Der Großinquisitor sorgt für seine Schäfchen / Foto: Bettina Stöß

Wie schlagen sich die Sänger in Verdis längster Oper, in der der Komponist dem Menschen das Daseinsglück so schmählich verweigert? Weiterlesen

Kritik Schreker Die Gezeichneten Premiere Staatsoper München

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Die Gezeichneten: Ihr ahnungslosen Menschen, habt Acht vor den Mäusen! / Foto: operlive.de

Sex sells. Das gilt auch auf der Opernbühne.

Franz Schrekers Die Gezeichneten funktionieren nach dem gleichen Rezept wie Schrekers andere Erfolgsopern. Der Mix heißt: Eros, Kunst, Gewalt. Das Werk sei „in Problemen der Sexualpsychologie verankert“, schrieb Paul Bekker 1922. Thematisch zehren Die Gezeichneten noch von der Vorliebe des 19. Jahrhunderts für die verruchte Renaissance – die Oper spielt in Genua, tiefstes Cinquecento -, im Künstler- und Eros-Thema schließt sie ans Fin de Siècle an. Musikalisch lässt Schreker es krachen, breit strömt das Orchester, meisterhaft ausdifferenzierte Klangwogen verwischen die Grenzen von Gut und Böse, der turbulente Modernismus seiner Partituren entfaltet auch hier seine berühmt-berüchtigte Sogwirkung. Weiterlesen

Kritik DSO Sokhiev: Jelena Firssowa Konzert für Violine, Violoncello und Orchester Tschaikowsky Sinfonie 4

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Ein russischer Abend beim DSO. Tugan Sokhiev kehrt erstmals nach seinem Abschied als Chefdirigent zum Orchester zurück.

Nikolai Rimski-Korsakows selten zu hörende Russische Ostern (1888) ist halb Konzertouvertüre, halb Sinfonische Dichtung. Durchweg aufgebaut auf den aus gegensätzlichen Sphären stammenden Themen, bewährt sich das Stück in seiner farbigen Instrumentation, der deskriptiven, meist bunt flatternden Thematik und dem lebhaften Kolorit. Weiterlesen

Kritik Perlenfischer Premiere Staatsoper Berlin: Wim Wenders Barenboim Peretyatko Demuro

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Unter Perlenfischern: Olga Peretyatko singt Leïla / Foto: Donata Wenders

Es ist eine alte Opern-Geschichte, doch bleibt sie immer neu.

Besser mit Bizet gesagt: Es ist eine alte Dreiecksgesichte, nur geht’s hier um edlen Triebverzicht und ewige Männerfreundschaft. Das Libretto von Les pêcheurs de perles erzählt von sanften Seelen. Die Liebe lässt die singenden Personen – laut Textbuch wohnhaft in Sri Lanka – wie Espenlaub erzittern. Nadir, der Fischer, und Zurga, der Clan-Chef, lieben die selbe Priesterin. Bizet gab in seiner ersten großen Oper alles: Das Melos der Liebenden erhebt sich in betörende Höhen. Dank dem vielgeschmähten Libretto (Carré & Cormon) sind die Perlenfischer eine herrlich simple Orient-Schmonzette, die sich sinnreich aus dem alten Opern-Konflikt von Religion und Liebe speist. Weiterlesen

Kritik Ludovic Morlot Berliner Philharmoniker: Joyce DiDonato La Mort de Cléopâtre

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Yannick Nézet-Séguin sagt ab. Er ist krank. C’est dommage, c’est dommage.

Aber Ludovic Morlot, der Programm und Solistin übernimmt, ist auch nicht ganz schlecht.

Berlioz, das musikalische Master Mind der französischen Romantik, hatte es selten leicht im Leben. Schon gar nicht am Anfang seiner Karriere. Die Kantate La Mort de Cléopâtre war Berlioz‘ dritter und immerhin vorletzter Versuch, den begehrten Rompreis zu gewinnen. Gounod gewann 1839, Bizet 1857, Massenet 1863, Debussy 1884. Und Ravel gewann gar nicht. Zurück zu Berlioz. In der „Scène lyrique“, dieser in heutigen Konzertsälen hochspeziellen Kuriosität, überzuckert Berlioz klassisches Pathos mit romantischer Glut. Wenn Joyce DiDonato sodann ihren Luxus-Mezzo für Berlioz‘ spektakuläres Frühwerk ins Feld führt, dann singt die US-Amerikanerin mit metallischem, reichem, brillantem Timbre, innig leuchtender Höhe, ausgeglichenen Registern und schier unendlich reicher Farbe. Da ist dann alles in bester Mezzo-Butter. Weiterlesen

Kritik Katja Kabanowa Staatsoper Berlin Simon Rattle

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Katja Kabanowa Eva-Maria Westbroek Berlin Staatsoper

Der Sopran, der aus dem Kühlschrank kam: Eva-Maria Westbroek als Katja Kabanowa / Foto: Matthias Baus

War da nicht was?

Die Oper Katja Kabanowa nach Alexander Ostrowskis Drama Gewitter, komponiert vom 65-jährigen Leoš Janáček, ist ein Fanal gegen provinzielle Hartherzigkeit.

Auch und besonders an der Staatsoper Berlin.

Dafür sorgt schon die Regie in Person von Andrea Breth, die um die „Katja“ eine schiefergraue Tristesse baut, die kaum zu toppen ist. Plätschernder Dauerregen, Echtwasserrinnsale und postsozialistischer Matratzenmüll schaffen beklemmend detailreiche Trostlosigkeit. Willkommen im symbolisch verdichteten Bühnen-Realismus. Nur wenn die Kabanicha es sich und Dikoj besorgt, wird’s bissig drastisch.

Wie das zu dem feinverwobenen Motiv-Staccato passt, das sich kleinteilig und eindringlich, aber auch in Ausdrucks-Aufschwüngen gipfelnd durch dieses Präzisions-Uhrwerk von einer Partitur zieht? Weiterlesen