Kritik Don Carlo Schillertheater Berlin: Lianna Haroutounian Pape Sartori Trekel

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Don Carlo Verdi Staatsoper Berlin

In Don Carlo erwischt man Giuseppe Verdi ja fast auf dem Weg zum (Opern-)Kunstwerk der Zukunft. Solch stockende Grübel-Arien, solch messerscharf ausgeprägte Bühnencharaktere und vor allem so sprechtheateraffin hat Verdi nie wieder komponiert.

Und wie kaum ein anderer „Verdi“ ist Don Carlo Familienaufstellung pur.

Da ist der einsame Spanierkönig Philipp II., ein schwer an der Bürde der Macht Tragender, von René Pape mit weniger imposant strömender Basskraft Weiterlesen

Kritik Andrea Chénier Deutsche Oper: Marcelo Álvarez María José Siri George Gagnidze

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Andrea Chénier Deutsche Oper Berlin

Andrea Chénier, das ist die klassische Dreiecksgeschichte in der Variante Revolutionsdrama. Die Moral von der Geschichte? Im Schatten der Guillotine ist schlecht lieben. Und der Brite John Dew inszenierte Umberto Giordanis Verismo-Meisterwerk an der Deutschen Oper Berlin grell und unmissverständlich. Der erste Akt ist eine fulminante Leistungsschau der Kostümbildnerei.

Für den standhaften und hitzigen Dichter Chénier bringt Tenor Marcelo Álvarez viel virilen Verve und Leidenschaft mit: Der Argentinier strahlt hinreichend revolutionäre Persönlichkeit aus und singt sich mit Caramba und Karacho durch seine zahlreichen Arien. Gut, der Mann lässt sich von seinem Temperament bisweilen zu äußerlichen Effekten (man höre die Partitur-fremden Noten am Schluss von „Un dì all’azzuro spazio“) hinreißen, womit er Weiterlesen

Staatskapelle Berlin Lahav Shani: Prokofjew Violinkonzert 1 Lisa Batiashvili, Sinfonien 1 & 5

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Der Dirigent Lahav Shani ist eine auffällige Erscheinung.

Über dem kleinen Körper erhebt sich ein Kopf, der durch eine widerspenstige Frisur noch vergrößert wird. Die Dirigierbewegung kommt aus der Hüfte, der Oberkörper zieht es vor, steif zu bleiben. Dafür kreisen die Arme in einem begrenzten Bereich vor Brust und Hals, wobei die Schultern starr wirken, was natürlich auch an einem zu großen Jackett gelegen haben kann. Typisch ist das anfeuernde Armrollen. In den Bewegungen des jungen Israelis steckt noch Schlaksiges.

Kurz und gut, Lahav Shani scheint ein Dirigent mit vielversprechenden Karriereaussichten zu sein.

Das kapriziöse Programm bietet drei Mal Prokofjew.

Staatskapelle Berlin Lahiv Shani

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Kritik Konzerthausorchester Iván Fischer: Kit Armstrong Beethoven Klavierkonzert Nr. 2

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Es ist ein weites Land zwischen Beethoven, Mauricio Kagel und Bernd-Alois Zimmermann, das da im Konzerthaus durchmessen wird. Beethoven als seriöser Substanzsetzer, Kagel und Zimmermann als Flankengott.

Da ist es für alle Moderne-Angsthasen gut, dass man sich bei Beethovens Klavierkonzert Nr. 2 auf festem sinfonischem Terrain befindet.

Wie spielt er nun, der noch immer von früher Wunderkindaura Umwehte?

Ohren aufmachen, hinhören. Erstaunen: Bei Kit Armstrong klingt noch nicht alles hasenrein. Im Konzert muss der US-Amerikaner ja wie jeder andere erst mal zeigen, was er kann. Anfangs ist er mehr Pianist als Musiker: Der Einstieg in die Solo-Exposition ist uninteressant. Staccati spielt Armstrong überdeutlich, Sforzati (dadurch entsteht überscharf Gezeichnetes) stellt er deutlich aus, künstliche Nervosität liegt in der Luft (also etwas zutiefst Brendel-Artiges). Kein Wunder, dass während der Solo-Exposition in beinah jedem Takt das Konzerthausorchester passender, besser, gelungener spielt (wie frisch und reich klingt das 2. Thema!).  Weiterlesen

Kritik Rattle Berliner Philharmoniker: Bruckner Sinfonie 8 Simon Holt Surcos

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Brucknersinfonien zählen zu den Kronjuwelen des Repertoires.

Doch warum muss man Bruckner partout mit Mozartkonzerten umhegen? (Herr Barenboim??) Besser ist, Zeitgenössisches voranzustellen.

Surcos („Furchen“) des Briten Simon Holt ist ein kurzes, einsätziges und interessantes Stück. In ihm schlägt ein mürber, asymmetrischer Grundpuls (Blech, Harfe). Erst nach einer Weile kommt es zu polyphonen Gefechten glühend Weiterlesen

Kritik Tosca Berliner Philharmoniker Rattle: Kristine Opolais Álvarez

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Tosca Baden-Baden Kristine Opolais

Vissi d’arte: Tosca Kristine Opolais philosophiert über den Zusammenhang von Leben und Kunst / Foto: arte.tv

Die Berliner Philharmoniker machen Oper. Wie jedes Jahr in Baden-Baden zur schönen Osterzeit.

Heuer ist es Tosca, Puccinis Diven-, Künstler- und Sadistendrama.

Man kann diskutieren, ob die Welt eine Tosca von den Berlinern braucht. Vermutlich brauchte die Welt 2013 auch keine Zauberflöte von den Berlinern. Aber gut. Chefdirigententräume sind womöglich dazu da, erfüllt zu werden. Zumal Rattle in dieser Saison mit konzertanten Opernaufführungen von Ligeti und Bartók auch schon sperrige Opernware in die heimischen Abokonzerte bugsierte. Weiterlesen

Staatsoper Wien Parsifal Kritik: Alvis Hermanis inszeniert

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Parsifal Wien Nina Stemme Kundry Christohper Ventris Akt 2

O weh, Parsifal im OP: Da ruft Kundry Nina Stemme höhere Mächte zu Hilfe / Foto: Michael Pöhn

Der Parsifal als echt wienerisches Anstaltsweihefestspiel. Das hat es noch nicht gegeben. Jetzt ist es an der Wiener Staatsoper zu erleben.

Nun hat also auch Wien seinen Alvis Hermanis.

Hermanis denkt sich Folgendes: Die Gralsburg ist eine Psycho-Anstalt, wie sie im Wiener Jugendstil-Architekturführer steht. Darin herrscht Gurnemanz als weißbekittelter Oberarzt. Klingsor ist auch Arzt, hat sein Zimmer gleich nebenan, wirkt aber als fieser Pathologe. Und, oh höchstes Wunder, der Gralskelch ist ein Hirn. Die Zeit: um 1900. Die Sezession lässt herzlich grüßen.

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Kritik Berliner Philharmoniker Baden-Baden: Rattle Batiashvili Dvořák Bartók

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Lisa Batiashvili Berliner Philharmoniker Baden-Baden Simon Rattle

Lisa Batiashvili spielt mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle / Foto: digitalconcerthall.com

Das fünfte Jahr in Folge verbringen die Philharmoniker Ostern in Baden-Baden.

Rattle und die Seinen genießen frühlingshafte Temperaturen an der freundlich plätschernden Oos. Und machen nebenher Musik.

Das heutige Programm – Hauptwerke von Dvořák und Bartók – strahlt Osterfestkonzertgediegenheit aus, die Spielstätte Festspielhaus und der vor fünf Jahren von der Salzach entführte Marketing-Rahmen „Osterfestspiele“ verpflichten. Weiterlesen

Kritik Festtage Staatskapelle Barenboim: Beethoven Violinkonzert Anne-Sophie Mutter, und anderes

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img_9888.jpgGottogott!

Ein Festtagekonzert der Schwergewichtsklasse, was Länge und Niveau der Stücke angeht. Das ist das Programm: Takemitsus immerhin mittelkurzes Nostalghia, Beethovens Violinkonzert (48 Minuten!), Debussys magistrales Meta-Stück La Mer, Bergs epochale Drei Orchesterstücke. Weiterlesen

Kritik Premiere Frau ohne Schatten Staatsoper Berlin Claus Guth

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Frau ohne Schatten Staatoper Berlin Premiere Camilla Nylund

Die Frau ohne Schatten: Camilla Nylund singt die Kaiserin / Foto: Hans Jörg Michel / staatsoper-berlin.de

Die Frau ohne Schatten ist das sperrigste Opernkind aus der Künstlerehe Strauss-Hofmannsthal.

Was ist die Frau ohne Schatten nicht alles? Die Fruchtbarkeitsfestoper schlechthin. Saure Eheüberhöhungsoper. Hehres Paartherapieweihfestspiel.

Ja, die Frau ohne Schatten (Uraufführung 1919) ist von allegorischem Humbug überladen, die Handlung zäh wie kalter Honig.

Und doch liegt falsch, wer diese oft geschmähte, selten geliebte Opernzumutung nicht liebt. Vom Duo Strauss-Hofmannsthal selbst stets als Haupt- und Lieblingswerk angesehen, steht dieser Eheglücksmumpitz doch mit beiden Beinen fest in der europäischen Operntradition (Zauberflöte!) – und zuallererst auch in Strauss‘ eigener: in der „Frosch“ rumoren Rosenkavalier und Elektra, Alpensymphonie und Till Eulenspiegel. Weiterlesen