Jonas Kaufmann: E lucevan le stelle

Jonas Kaufmann und E lucevan le stelle – die Beziehung zwischen dem deutschen Tenor und der bekannten Arie aus Puccinis Tosca ist besonders eng.

Von den verschiedenen Interpretationen Kaufmanns seien hier einige exemplarische verglichen.

Die Arie

Der Text der Arie stammt von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica:

E lucevan le stelle,
ed olezzava la terra
stridea l’uscio dell’orto
ed un passo sfiorava la rena.
Entrava ella fragrante,
mi cadea fra le braccia.

O dolci baci, o languide carezze,
mentr’io fremente le belle forme disciogliea dai veli!
Svanì per sempre il sogno mio d’amore.
L’ora è fuggita, e muoio disperato!
E non ho amato mai tanto la vita!

 

5 Mal Jonas Kaufmann, 5 Mal E lucevan le stelle

München: E lucevan le stelle in der Oper

Bayerische Staatsoper München, Opernfestspiele Juli 2010

Kaufmann kniet hier dekorativ am hölzernen Schreibpult in Luc Bondys Münchener Inszenierung. Man beachte die fesche Stirnlocke neben der blutigen Schläfe. Der Ausdruck Kaufmanns ist wohltuend zurückhaltend. „E lucevan le stelle“ erklingt als suggestive Erinnerung. „E un passo sfiorava la rena“ gibt dem freudigen Erstaunen noch im Nacherleben Ausdruck. „O dolci baci“ erklingt mit hauchigem, kontrolliertem Piano. Wie immer bei Kaufmann hört man die ersten Schluchzer bei „le belle forme“ (hier allerdings sehr schwach) und „disciogliea“. Eines der Prunkstücke von Kaufmanns Singen, das feste, heldische Vibrato, hört man bei „il sogno mio d’amore“. Bei „E non ho amato mai tanto la vita“ zieht Kaufmann das Tempo gerne an, was den jeweiligen Dirigenten stets aufs Neue zu überraschen scheint. So auch hier Fabio Luisi, den Dirigenten dieser Aufnahme.

 

E lucevan le stelle im Konzert

Konzert 2013

Alles ist anders in dieser Konzertversion von 2013. Der Ausdruck ist pauschaler. Der Blick Kaufmanns weiß nicht so richtig, wo er im Studio die Inspiration hernehmen soll. Von Anfang an hört man ein auf 0/8/15-Pathos abgestelltes Singen, das wenig Wert auf eine spezifische Ausgestaltung der Wort-Ton-Phrasen legt. Das Diminuendo auf „disciogliea“ gelingt auch technisch wenig überzeugend. „Svanì per sempre“ ist ebenfalls pauschaler im Ausdruck.  Im letzten Teil der Arie herrscht eine Art heroischen Dauer-Pathos. Übrigens ist Kaufmann hier auch wieder schneller als das Orchester.

 

Typische TV-Ware

ZDF, „Götz Alsmanns Nachtmusik“, 16. Mai 2008

Jonas Kaufmann trägt offenes Hemd in gestreiftem Muster. Dies hat sich offenbar nicht bewährt. Der Dirigent gibt den Einsatz mit der selbstzufriedenen Bedeutsamkeit eines Tai-Chi-Lehrers. Kein Wunder, dass das Orchester so langsam spielt, dass der Zuschauer sich zwischen der ersten und zweiten Strophe ein Bier holen könnte. Kaufmann hat entweder keine Lust oder echte Mühe, diesem Zuckel-Tempo eine befriedigende Interpretation zur Seite zu stellen. Das theatralische Pathos in „E non ho amato mai tanto la vita“ schrammt nah an der Ungenießbarkeit vorbei. Auf jeden Fall handelt es sich um eine der uninspiriertesten Interpretationen von E lucevan le stelle durch Kaufmann, die ich kenne.

 

London: Jonas Kaufmann in der Oper II

Royal Opera House London, Juli 2011.

Dies ist eine der lyrischen Interpretationen. Der Londoner Klarinettist ist natürlich ein Könner. Kaufmann beginnt die Anfangszeilen empfindungsreich. Sorgfältig ist der Spannungsaufbau, der Gebrauch der Halbstimme sehr kunstvoll. Sehr schön auch die Rücknahme der Lautstärke bei „E un passo“, besonders bei „passo“, wo Kaufmann durch eine minimale Verzögerung einen auffälligen Empfindungsakzent setzt. Kammermusikalisch in Haltung und Ausführung ist auch der Einstieg in die zweite Strophe mit dem aufmerksam gesungenen Aufstieg bei „O dolci baci“. Das Diminuendo auf „disciogliea“ wird sauber und überzeugend ausgeführt, das in Halbstimme gesungene „dai veli“ bewahrt Klang und Kontur. Dirigent Antonio Pappano ist einer der wenigen, die Kaufmanns Tempo-Verschärfung bei „Svanì per sempre“ einigermaßen folgen – auch wenn das bei „ho amato mai tanto“ dann auch wieder nicht richtig klappt.

 

Wien: Jonas Kaufmann gibt ein Encore, Angela Gheorghiu versäumt ihren Auftritt

Staatsoper Wien, 16. April 2016

Die Besetzung ist aller Ehren wert: Kaufmann singt Cavaradossi, Angela Gheorghiu Tosca, Bryn Terfel dirigiert. Die Tatsache, dass Kaufmann nach minutenlangem Applaus die Arie wiederholte, und zwar sowohl am 9. als auch am 16. April, sorgte schon allein für Schlagzeilen. Doch als am 16. April dann auch noch Tosca Angela Gheorghiu nach Kaufmanns Dacapo nicht auf der Bühne erschien, war die Sensation perfekt, zumindest in Opernkreisen.

Dennoch singt der deutsche Tenor bei seiner Zugabe am 16. 4. 2016 eine beeindruckend lyrische Version der Arie. Der Beginn lässt präzise dynamische Abschattierungen hören. Die ersten vier Zeilen lassen eine fast liedartige Herangehensweise hören. “entrava ella” ist meilenweit entfernt von dem veräußerlichten heroischen Gestus so mancher Open-Air-Interpretation. “O dolci baci” erhält eine besonders liebevolle Behandlung durch Kaufmann. Sehr hörenswert dann die zurückgenommene Stimme bei “scioglieva”. Das stimmungsmäßig verdunkelte “E muoio” hört sich jetzt mit hochbewusstem Ausdruck gesungen an. Die ganze letzte Zeile inklusive des Höhepunktes auf dem ‘a’ über dem System wirkt wie aus einem Guss.