Es gibt zwei Elektras in Berlin, eine an der Bismarckstraße und eine Unter den Linden. Beide präsentieren dem Zuschauer düster antikisierende Palastarchitektur und abstrakt zeitlose Gewänder. Beide sind in steinernes Grau getaucht. Im West-Haus bedeckt Granulat den Boden eines Kerkerschachts. Im Ost-Haus dominieren kubische Steinflächen vor zeitloser Konche. Die Deutsche Oper hat Catherine Foster, die Staatsoper Ricarda Merbeth. Szenisch gesehen ist die Linden-Elektra packender. Man kann auch sagen klassischer, meisterhafter. Und Barenboims Elektras von 2018 und 2016 (letztere mit Herlitzius, Merkel, Schäuble) waren düster funkelnde Saisonhöhepunkte.

Staatsoper Elektra Richard Strauss Ricarda Merbeth

Heuer dirigiert Thomas Guggeis. Am Mittwoch erhält er Jubel, am Montag eine Woche zuvor muss er Buhs einstecken. Die gelten dem helltönig hellhörigen Dirigat. Das ist bei Lyrik und Exaltation einen Hauch nüchtern, bei Details einen Hauch überdeutlich. Vielleicht gilt das Buh aber nur den Schlussakkorden, die weder die düstere Wucht noch die geballte Plastizität Barenboims erreichen. Dennoch ist Guggeis überzeugend. Hart und schattenlos kommt das Orchester bei der Tötung des Ägisth zum Zug. Drängend agiert es beim Tanz Elektras, und zieht sich beim Jubel der Chrysotemis blendend hell aus der Affäre. Manchmal nimmt Guggeis die Partitur zu wörtlich. Dennoch: Hier und heute ist jede Stimme in jedem Takt hörenswert.

In der Titelrolle singt Ricarda Merbeth unspektakulär hervorragend. Merbeth ist nicht die hohläugige Psychopathin, die Herlitzius darstellte (die hatte freilich Töne des Flehens, Schauerns, Empörens, bei insgesamt schon problematischer Stimmverfassung). Ihre Aussprache ist prägnant, ohne manieriert zu sein – und unendlich besser als die von Stemme. Merbeth lässt ihrer Stimme einige Zehntelsekunden Zeit, um Spitzentöne zu erklimmen. Von denen ist dafür jeder sauber gesungen. Es ist ein beeindruckendes, auf das Wesentliche konzentriertes Rollenporträt.

Richard Strauss Elektra, Vida Miknevičiūtė, Thomas Guggeis, René Pape, Waltraud Meier

Makellos gelingt die händeringende Chrysothemis der Vida Miknevičiūtė. Man muss den Flug ihres Soprans beim Vorwurf an die Schwester hören (Du bist es). Voll flammenden Elans ist ihr Plädoyer für die Mutterschaft. Dazu vibriert die Sopranstimme ausdrucksglühend und schlank. Auf der Bühne entpuppt sich ihr Spiel als Volltreffer. Diese jugendliche Aufgeregtheit! Und dann bringt Miknevičiūtė Wort für Wort zum Leuchten, und nach der Elsa ist die Chrysothemis ihre zweite astreine Interpretation an der Staatsoper binnen sechs Wochen.

Zwiespältig ungeachtet großartigen Bühnenagierens die Klytämnestra von Waltraud Meier, deren Mittellage inzwischen kaum tragfähiger wie Papier ist, nur unteres und oberes Register sind noch aufregend (zwei Buhs). Hörenswert ihre Todesschreie. René Pape intoniert ein in wunderbaren Legatobögen gehaltenes Orest-Porträt.

Den Aegisth singt Gerhard Siegel druckvoll und (über)eifrig charakterisierend. Als Orests Pfleger ist der soignierte David Wakeham eine Augenweide. Die Aufseherin ist Renate Behle bzw. Cheryl Studer. Als junger Diener (Platz da!) dient Florian Hoffmann mit kurzer Tenorhöhe. Der alte Diener von Olaf Bär entledigt sich seiner Aufgabe mit Bravour (Was soll’s im Stall?). Von den Mägden sticht die Mezzo-Kanone der Bonita Hyman heraus, und auch Natalia Skrycka, Katharina Kammerloher, Anna Samuil und Roberta Alexander geben Gutes und sehr Gutes.

Besuchte Vorstellungen: 6. und 15. Juni.