Da heute weder Tosca an der Staatsoper noch Bohème an der Bismarckstraße laufen, gönne ich mir einen netten Livestream aus dem BKA-Theater. Es spielt das Ensemble LUX:NM: fünf kürzere Stücke plus nettes Gequassel von Silke Lange (Akkordeon) und Ruth Velten (Saxophon). Die restliche LUX:NM-Besetzung umfasst: Posaune, Cello, Klavier, Elektronik.

Die Südkoreanerin Gitbi Kwon (Jahrgang 1992) sagte mir bisher gar nichts. In dem schmalen Werkchen (dreieinhalb Minuten) für Posaune Solo mit im Dämpfer versteckten Zuspiel – Titel: Zweisam (2021) – schmieren die Linien so schön entspannt ab, und die Stimmkreuzungen haben alle Zeit der Welt. Ich weiß gar nicht, ob da viel dran ist. Ich finds schön. Tontrübungen und Timbreheiserkeit sorgen für das Salz in der Posaunen-Suppe. Florian Juncker am Instrument.

Silke Lange Akkordeon, Milica Djordjevic
Silke Lange spielt Milica Djordjevic / Foto: Unerhörte Musik Livestream

Noch introspektiver klingt Nach neuen Meeren (2018) von Elnaz Seyedi für Saxophon (Ruth Velten) und Akkordeon – aber auch zahmer. Die Stück-typischen Wellenbewegungen sorgen für eher laues Zuhören. Eine Uraufführung ist MACH für Cello solo und Elektronik von Eres Holz. Hier sorgen Düsterkeit und Komplexität für starke Eindrücke. MACH zielt auf Ausdruck, wo es deklamatorisch zerrissen wirkt, und ist radikal mehrstimmig gedacht: Zoé Cartiers Spiel wird von Hall-Elektronik düster unterspült. Ein Pizzicato-Mittelteil bringt nur vermeintlich Ruhe. Der Schluss kehrt zum expressiven Grummeln des ersten Teils zurück. Faszinierend, fesselnd, intensiv.

Ich finde das Format bei Unerhörter Musik unverändert angenehm. Livestream, ungeschnitten, keine vorproduzierten Interviews (immer etwas langweilig, Berliner Philharmoniker), Umbau live, ehrlicher Ton.

Ihres Solisten-Amtes waltet Silke Lange in der Akkordeon-Studie würde man denken: Sterne (Milica Djordjevic, UA Witten 2015). Das Werk hat eine feine Qualität. Zu Beginn unaufdringliche Dissonanzen und Schnorchelsound, dann blühen Dialogwitz und Floskelvirtuosität, zuletzt Akkordik in Flözstärke. Das Lux-Ensemble in voller Besetzung gibt es in Habitación en penumbra (2021) der Spanierin Carolina Cerezo Dávila. Das ist ein nachdenkliches und stilles Stück. Da hört man wenig Aktion (allerdings energisches Motto des Klaviers, Vitaliy Kyianitsia), viel Leises, heimelig verwehte Dialoge, insgesamt scheint Habitación eher von der zahmen Fraktion. Ähnlich tönt es bei der Jazzerin Birgitta Flick und ihren sacht-romantischen Webungen von 2021. Das kleine Werklein (4 Minuten) erhebt keinen Anspruch auf Komplexität und ist alles in allem recht linear gedacht. Im Hintergrund tummeln sich Klavierostinati – sehr loungig. Nachhören hier!

Die Unerhörte Musik von dieser Woche brachte Werke für Klavier solo mit Fidan Aghayeva-Edler. Vielleicht höre ich da auch noch rein.

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