Fast könnte man meinen, der Tscheche Leoš Janáček wäre Berliner. Also zuerst natürlich Prager, oder besser gesagt Brünner, aber dann Berliner. Die heilige Berliner Operndreifaltigkeit aus Deutscher, Komischer und Staatsoper kümmert sich sozusagen am laufenden Band um die Bühnenwerke des Ausnahme-Mähren. Jenůfa, Katja Kabanowa, Schlaues Füchslein, Makropulos, Totenhaus, alle gab’s und gibt’s hier, meist mehrfach und in klugen, sehenswerten Inszenierungen. Unter den Linden waltet Simon Rattle seit geraumer Zeit als so kenntnisreicher wie innerlich beschwingter Janáček-Kustode. Des Tschechen vorletzte Oper Die Sache Makropulos oder Věc Makropulos, so der originale tschechische Titel, begründet das Genre der Erbschaftsstreitoper. Die Oper ist zwar inzwischen keine ausgesprochene Rarität mehr. Doch mit der an Kafka gemahnenden Phantastik sowie einer realistisch-skurrilen Milieu- und Menschenschilderung ist das Werk immer noch ein Außenseiter.

Die im Prag von 1922 spielende Handlung verteilt sich auf drei Akte. Akt 1 zeigt die Kanzlei des Anwalts Kolenatý. Akt 2 spielt in einem tristen Flur eines Prager Theaters, Akt 3 in einem Prager Hotel. Das ist das aufregend piefige, irgendwie auch kafkaeske Setting, in dem die Geschichte der Emily Marty, die nicht altert, seit ihr Vater Anfang des 17. Jahrhunderts an ihr ein für Kaiser Rudolf II bestimmtes Lebenselixier ausprobiert hat, aufgerollt wird. Claus Guths Lesart bleibt sachlich, nah am Libretto. Dazu baut Étienne Pluss eine detailgenaue, holzvertäfelte Bühne für Kanzlei, Theater und Hotel und einen davon strikt getrennten strahlend weißen Kubus, in dem Emilia Marty ihre Verwandlungen erlebt. Stumme Erscheinungen der jungen und alten Emilia verleihen eine surrealistische Ebene.

Foto: Monika Rittershaus

Die Emilia Marty von Marlis Petersen (mondäner Mantel, Pelzkragen) ist ein Biest mit blonder 20er-Wasserwelle, schnippisch, zynisch – und weniger existenziell zerrissen, als es Evelyn Herlitzius an der Deutschen Oper war. Stimmlich mit höhensicherem Sopran wie darstellerisch mit schlanker Figur ist sie das Zentrum der Aufführung. Fabelhaft auch der verliebte Albert Gregor (Ludovit Ludha, in braunen Knickerbockern). Eine Milieustudie ist das nervöse, graue Büro-Männchen des Kanzleivorstehers Vítek (Peter Hoare). Die Handlung ist auch für Janáček-Vertraute verworren. Wenn im Finale in einer eigentlich aus der Opera buffa stammenden Erkennensszene alle Opern-Fäden zusammenlaufen und die Musik sich hymnisch in sonst in der Zwischenkriegszeit kaum je erreichte Inspirationshöhen schraubt (und Petersens Sopran grell-tragisch leuchtet), ergibt plötzlich auch das in den Absurditäten der gliederverrenkenden Tänzer-Gehilfen skurril überzeichnete Prager Kanzleimilieu Sinn.

Foto: Monika Rittershaus

Gut durchgezeichnet erscheinen da auch die anderen Sänger. Den Jaroslav Prus gibt Bo Skovhus als kernigen Dandy in besten Jahren (Glatze, schneeweißer Anzug, Gehstock). Anwalt Kolenatý ist eine mächtige Mantelfigur (Jan Martiník wieder eindringlich) zwischen Biedersinn und Elan. Als junger Janek ist Spencer Britten zu hören. Die junge Sängerin Krista gibt mit starkem Mezzo Natalia Skrycka. Das erfreulich dicht besetzte Ensemble vervollständigen Žilvinas Miškinis (Bühnenarbeiter), die plauderfreudige Putzfrau Adriane Queiroz (gut), der tattrige Ex-Liebhaber der Marty Hauk-Šendorf (Jan Ježek spielfreudig) und die Kammerzofe von Anna Kissjudit (starker Sopran).

Simon Rattle leitet die Staatskapelle Berlin zu intensivem Agieren. Seine Lesart ist nicht analytisch sezierend. Rattle fügt die Motivbruchstücke in einen Musikstrom von großer Dringlichkeit. Herausgehoben werden die hymnischen Momente. Leoš Janáček Makropulos-Musik enthält so einen emotionalen Fokus, der sich konsequent bis zum Schluss steigert.


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