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Entspannt und locker geht es auch bei den letzten zwei Tagen von Ultraschall Berlin zu. Maske, 2G+Booster, Ausweiskontrolle, ausreichend Platz, Leute, die vernünftig sind – dann klappt das auch mit dem Festival, selbst wenn das Virus durch Berlin schwappt. Gut auch, dass es anders als bei den diesbezüglich arg gebeutelten Berliner Opern nicht zu Veranstaltungsabsagen kommt.

Wie viel wert ist ein Neue-Musik-Festival ohne zumindest eine kurzfristig über den Haufen geworfene Programmfolge? Beim Konzert des Berliner Ensembles LUX:NM beginnt man also jetzt mit Stresstest des 50-jährigen Isländers Steingrímur Rohloff, das auf beharrliche Ostinati setzt und in jedem Takt grundsolides Handwerk ausstrahlt. Dass LUX:NM ein Schlagzeug-basiertes, Blechbläser-fundiertes Klangbild bevorzugt, hört man sogar einem über weite Strecken so verschwiegenen Stück wie C’est une volupté de plus von Philipp Maintz an. Ähnlich tönt A map of horizons des jungen Niederländers Jesse Broekman, das in wolkig verhangenen, aber sehr genau ausgehörten Strecken zu sich findet. Es finden sich schöne Blechbläsertrios in dem Stück (Rike Huy, Trompete, Ruth Velten, Saxophon, Florian Juncker, Posaune).

Zoé Carter, Rike Huy, Sebastian Berweck, Silke Lange, Florian Juncker, Ruth Velten

Wie überhaupt der ganze Abend für wohltuende Dezenz im Ausdruck und Unaufdringlichkeit der Mittel steht. Selbst die umtriebige Mirela Ivičević bringt in Heart Core neben Krawall und Theatralik, die dem Stück gut stehen, ruhige Passagen unter. In Bog songs (Moorlieder) schließlich führt die Irin Karen Power die neugierige Zuhörerschaft in die uferlosen Weiten einfühlender musikalischer Naturschilderung. Vier der gehörten Werke sind reine Uraufführungen. Alle Werke entstanden nach vom Ensemble LUX:NM vergebenen Kompositionsaufträgen.

Her mit den postpräsentischen Festivals!

Das einzige Porträtkonzert des Festivals widmet sich der 1988 geborenen, in Berlin lebenden Chinesin Yiran Zhao, die immer so existenzialistisch dreinschaut. Das kurze Konzert versammelt fünf kurze Werke. Joik (2014) für Rahmentrommel ist so sparsam gesetzt wie Hausmusik. Diesen frugalen Minimalismus hebt Touch II (2016) für Klavier und kleines Ensemble, das repetitive Strukturen zeigt, nur teilweise auf. Eigenwillig und intelligent verknappt tönt das, immer transparent, immer subtil. Doch hinter der Musik lauert ein willensstarker Geist. Aus ähnlich kargem Holz geschnitzt ist Piep (2015) für 2 Korg MA-1-Metronome. Das gefällt mir weniger gut. Hier schlägt klanglicher Minimalismus in abstrakten Konzeptionismus um. Das Stück dürfte nicht zuletzt eine Hommage an die Frühzeit der elektronischen Musik sein.

Fluctuation Ia (2016) für präpariertes Klavier und Ensemble stellt weich austarierte Gesten in einen Klangraum. Mich verlässt das Gefühl nicht, dass Zhaos Werke stets Sinnbilder sind. Das gilt besonders für das abschließende Ohne Stille II (2015) für große, von innen beleuchtete Trommel. Hinter den frugalen Laut-Strukturen lauert ein unerbittlicher Ernst, der säumige Zuhörer am Schlafittchen packt. Die Schlagzeuger sind Christian Dierstein und Dirk Rothbrust. Die moderierende Ruth Jarre von Deutschlandfunk Kultur höre ich immer gerne.

Wenig abgewinnen kann ich der mäßig witzigen Radio-Oper Yunge Eylands Varpcast Netwerkið von Celeste Oram und dem fleißigen Ensemble Adapter. Und mich eingehend urteilend mit dem brillanten Solo-Recital von Rei Nakamura zu beschäftigen (anhören hier), geht gerade über meine Kräfte. Hierzu folgt eventuell noch ein eigener Artikel.

Tra un fiore colto, Höllers alte Meister & Poppes Fett

Wenn im Sonntagnachmittagkonzert die Uraufführung von Tra un fiore colto e l’alto donato von Johannes Schöllhorn eine knappe Stunde dauert und das Werk einen Gipfel an Sprödigkeit darstellt, so versteht man, warum Neue-Musik-Festivals nötig sind. Das rund 20-minütige Solo des Akkordeons wird meist als hoch gelegenes, einstimmiges Rezitativ geführt. Es spielt das Ensemble Mixtura. Die ausgesparte Gestik funktioniert angesichts der extremen Länge erstaunlich gut. Die spezifische Farbe des Akkordeons trägt ((Margit Kern). Das gilt weniger für den unflexibleren Ton der Schalmei (Katharina Bäuml). An der Elektronik agiert Damian Marhulets wohltuend zurückhaltend. Im Radialsystem bin ich live. Das Abendkonzert des DSO im Haus des Rundfunks höre ich auf Kulturradio.

Das geht nur, weil Ultraschall postpräsentisch und hybrid funktioniert. Denn heutzutage sammeln die großen Festivals ihre Publikume eben sowohl im Saal als auch kompetent an den Endgeräten ein. Was aber nur mit potenten Medienpartnern im Hintergrund klappt (Rundfunkanstalten). Die rührigen Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik, die von Clara Iannotta klug kuratiert werden, starteten im vergangenen Herbst bspw. als reines vor-Ort-Festival ohne Radio- geschweige denn Livestreamangebote.

Doch zurück zum festivalbeschließenden Konzert des DSO, das ausschließlich Stücke der letzten Jahren zu Gehör bringt. Den Beginn macht das sehr direkte, sehr hemdsärmelige, in der klaren Gliederung in schnell/laut-langsam/leise-Wellen recht konventionelle, sechsminütige Burr von Arne Gieshoff (alle reden und twittern ständig von „fünf“ Minuten). Neben eruptiven Farben fällt vor allem die comichafte Genauigkeit der Orchesterschilderung auf. Von Yiran Zhao stammt Oder Ekel kommt vor Essenz (2017), das mit verwaschenen Streichertexturen experimentiert. Wenn Zhao für Orchester schreibt, erreicht sie mit wenigen Mitteln erstaunliche plastische und klangsinnliche Wirkungen. Der französische Text (Thema: der Fluss Kongo), vorgetragen vom Autor Fiston Mwanza Mujila mit dem kehligen Brüllen eines Rinds, kontrastiert mit dem fließenden Duktus der Musik.

Poppe plus Kalitzke: Besser wirds immer

Das gute Programm bündelt sehr unterschiedliche ästhetische Positionen. Das Violakonzert von York Höller wirkt in der Betonung thematischer Arbeit fast altmeisterlich (2017). Selbst die Satzreihung schnell-langsam-schnell folgt dem bekannten Modell. Es dominiert eine expressive, lineare Nüchternheit. Das ist beeindruckend. Satz 3 ist auf quirliges Tempo abgestellt und wirkt konventioneller. An der Bratsche bleibt der Zugriff von Nils Mönkemeyer die ganze Zeit bewegungsfreudig und intensiv. Von Enno Poppe hört man nicht das vor 13 Monaten uraufgeführte und in Berlin schon vorgestellte Prozession, sondern Fett, entstanden 2019. Poppe-typisch geht es hier um einen variativen Prozess, der unendlich scheint. Die thematisch-motivische Potenz ballt sich in 2 bis 4-sekündigen Zellen, die ihre eigene Identität in steter Ausdifferenzierung pausenlos neu erfinden. Später verdrängen walzenartige Steigerungswellen die Unschärfe des Klangs und erzeugen den Eindruck gespenstischer Enge. Am Pult steht Kalitzke. Das DSO spielt hervorragend. Nicht zu virtuos-artistisch (wie das vielleicht die Philharmoniker täten) und nicht zu nüchtern.


Weitere Ultraschall-Kritik: „hervorragende Ensemble LUX:NM“ (Hundert11), „Die materielle Grundlage der Völlerei“ (Jan Brachmann)