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Lise Davidsens Recital im Großen Saal der Staatsoper folgt im zweiten Teil beliebten Lieder-Bahnen (Strauss op. 27, Wesendonck). Doch im ersten Teil singt die junge Sopranistin von Edvard Grieg, dem hierzulande Seltengehörten, die Sechs Lieder op. 48 nach Texten deutscher Dichter sowie den Zyklus Haugtussa op. 67.

Erfrischend vielseitig der Fächer romantischer Tonfälle, den Grieg in Opus 48 öffnet: Heines romantische Impressionen, Uhlands neckische Idylle. Das klingt unspektakulär und attraktiv. Davidsen? Ich höre eine Stimme riesiger Größe, die in allen Registern reich und gut klingt. Die dunkel leuchtet und besser vermutlich für die gemessenen Gesänge Wagners geeignet ist als für den ironisch flinken Ton von Wolf-Liedern. Die herrliche Goethevertonung Zur Rosenzeit liefert Davidsen optimal. Aber die Norwegerin ist zu oft zu laut. Für Griegs pastorale Jungmädel-Idyllik von Haugtussa, komponiert 1895, fehlt mir heute Abend trotz Davidsens baumstarken, hier auch mal emotionalen Soprans etwas das Ohr.

Lise Davidsen

Nach der Pause dann Opus 27 von Strauss. Die Interpretationen von Frau Davidsen stellen nicht immer zufrieden. Wenn man einmal außer Betracht lässt, dass, wie gesagt, die Stimme außerordentlich ist. Ruhe, meine Seele, die Beschwörung des Seelenfriedens nach vorangegangenen Stürmen, singt die Norwegerin mit intensivem Ton, doch ohne allzu viel Spuren persönlichen Erlebens. In Cäcilie, die träumende Vorwegnahme des Glücks, reihen sich Standardklanggesten zu einer schlussendlich opernhaft phonstarken Dauer-Emphase. Besser Morgen, wo Davidsen einen intimen Farbfächer öffnet. Und in den Ton ziemlich wenig Strauss-Ausdruck (will sagen, Intimität, an der nichts privat ist), aber viel zähes Piano bringt.

Es würde mich interessieren, ob Wagners Deutsch zwischen 1850 bis 1865 – in diesen Jahren entstehen die Textbücher zu Ring, Tristan und Meistersingern – eine ureigene Erfindung des Komponisten war oder ob dieser Stil bei drittklassigen Dichtern generell verbreitet war. Die Wesendonck-Texte sind eindeutig in Wagner-Deutsch abgefasst: Dass, wo brünstig sein Gebet / Einzig um Erlösung fleht oder Dass in selig süßem Vergessen / Ich mög‘ alle Wonnen ermessen! Auch nicht schlecht: Öder Leere nicht’gen Graus.

Was der Guardian in Bezug auf Lise Davidsens Aussprache mit „every word of German and Finnish distinct“ (sie sang auch Sibelius) meint, weiß ich nicht. Konsonanten werden eingeweicht wie der Zwieback in der Milchsuppe. Vokale eingedunkelt. Bei Grieg leuchteten die Farben eindeutig frischer. Frau Davidsen, auch ein Lohengrin freut sich, wenn Elsa eine klare und veständliche Sprache spricht!

Das Publikum erscheint bei 2G-plus-Bedingungen, also inklusive negativem Testergebnis, spärlich. Wobei ich mich gerade erst einigermaßen an die Maske gewöhnt habe.

Besser gelingen die Wesendonck-Lieder. Davidsen spannt Linien, variiert Dynamik. Sehr hörenswert die langsamen Lieder, Schmerzen, Träume, Im Treibhaus. Aber auch da bleibt der Ausdruck unpersönlich. Ich wette, Davidsen singt das in zwanzig Jahren umwerfend großartig. Heute klingt das wie von einer Streberin beim Hochschulrecital: makellos, ausdrucksneutral. Aber, wie gesagt, die Stimme ist eine Wucht. Stehe still! hastet hektisch dahin (auch mit Unsauberkeiten) im ersten Teil, plättet mit prächtiger Linie im ruhigen zweiten Teil. James Baillieu, der sich bei der Sockenauswahl offenbar für die exzentrische Lösung entschieden hat, agiert bisweilen hart an der Grenze zum Karikieren, besonders in den raschen Nachspielen der Wagnerlieder.


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