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Die kurzfristige Absage Petrenkos (die Intendantin: „Hexenschuss“) ruft in Berlin Grübeleien aller Arten hervor. Was ist mit Petrenko? Gibt es Stress? Wie ist das Verhältnis zum Orchester? Lahav Shani springt – äußerst kurzfristig – ein. Der ist jung, aber mit seinen 32 Jahren schon ausreichend erfahren.

Los geht es mit der Fledermausouvertüre. Die klingt nicht spritzig-frivol (wie an der Komischen Oper), sondern gediegen symphonisch. Und in einem höheren, wienerischen Sinne durchaus harmlos.

Mit Schmackes spielt die Niederländerin Janine Jansen Bruchs Violinkonzert. Kräftig der Ton, zupackend das Vibrato, mit Freiheiten die Phrasierung. Portamenti dienen als diskretes Schmierfett. Die Niederländerin nimmt die würdevolle Romantik Bruchs nicht ganz so ernst. Deshalb macht sie das Adagio zu einem Schlachtfeld großartig subjektiven Ausdrucks, überbetont, wo andere zurücknehmen. Jansen lässt aus dem Bogen höllisch viele Farben spritzen. Am Pult haut Lahav Shani auf die Pauke. Aber was ganz Besonderes ist das nicht. Jansen im Finale: pure Spielfreude. Nicht die Hintergründigkeit von Zimmermann, nicht die Kühle von Batiaschwili, nicht die Sprödheit von Isabelle Faust, nicht die erschreckend kluge Perfektion von Hilary Hahn. Jansen spielt beeindruckend, aber etwas theatralisch.

Philharmonie Ende 2021

Dann Liebesleid von Fritz Kreisler. Janine Jansen zaubert eine Art pompöser Intimität. Hat sich Kreisler hiermit auch für das Programm jenseits der Galakonzerte nobilitiert?

Eine mittlere Katastrophe ist natürlich die Absetzung von Strauss‘ Schlagobers. Man sollte In der Konditorei, Schlagoberswalzer und Finale hören. Ein Jammer. Stattdessen gibt es den Feuervogel (die fünfteilige Suite aus dem Jahr 1919). Nicht zuletzt wegen der Soloeinsätze erfreut sich das Werk bei Orchestern und Publikum unverwüstlicher Beliebtheit. Selten hört man es in Berlin allerdings nicht. Die Feuervogel-Variationen klingen schüchtern, und der Höllentanz des Zauberers Kaschtschej stammt vorerst noch aus der Vorhölle. Am schönsten das Wiegenlied. Aber die Kraftstellen wirken routiniert runtergespielt.

Ravels neonostalgischen La Valse (wie Rosenkavalier, nur mit Frischluft) hat Rattle 2015 schon zu Silvester gespielt. Shani lässt die Philharmoniker auch bei dieser irren Mischung aus bildungsbürgerlichem Tanzvergnügen und Tondichtung am Boden. Alles ziemlich robust. Allerdings rufen die Philharmoniker da Beschleunigungen auf, zaubern Hintergründiges hin. Es gibt Einschwärzungen durch Fagotte, Ausbrüche des Blechs, Kastagnetten, Verunreinigungen durch Trompeten, danse-macabre-Höhepunkte. Das hätte ich gern mit Petrenko gehört. Zuletzt Chatschaturjans Galopp.

Gehört auf RBB Kulturradio.


Weitere Besprechungen und Silvesterkonzert-Kritiken: „Keine runde Sache“ (Kai Luehrs-Kaiser), „Schlummernde Gelüste“ (Volker Blech) „Setzt noch eins drauf“ (Frederick Hansen)

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