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Zwei Porträtkonzerte gibt es an Ultraschall-Tag 4. Sie gelten den Komponisten Emre Dündar und Stefan Keller. Cool: Sowohl die Dündar-Werkschau wie auch die Keller-Retrospektive gehen live im Radialsystem über die Bühne. Für das Emre Dündar (geboren 1972) gewidmete Konzert spielt das Ensemble KNM Berlin unter Leitung von Titus Engel vier neue und neueste Stücke.

Dündar ist irgendwie leicht zu hören. Schwerer ist zu erklären, woran das liegt. Sowohl Vagabond III für Flöte (Rebecca Lenton), Akkordeon und Cello (2020) als auch Récit ductile für Klarinette und Streichquartett (2019) haben diesen gewissen Reichtum musikalischer Gestalten. Unversehens wird daraus dieses unbekümmert fließende Kontinuum. Das Timbre ist klangsinnlich, das Gespür für Farbe echt. All diese Vorzüge sind auch in Parergon zu „De vulgari eloquentia“ anzutreffen (Uraufführung einer Neufassung). Rein musikalisch ist da ein dichter Monolog einer Hauptstimme, zu dem leisere Nebenstimmen treten.

Altmeister Theo Nabicht an der Kontrabassklarinette / Foto: Simon Detel

In einem weiteren Sinn stellt das Werk eine kurzweilige, ernste Huldigung an eine ausgestorbene kaukasische Sprache dar, wobei der Komponist den virtuosen Sprechpart übernimmt. Um Sprache, dieses Mal um lyrisch gebundene, dreht sich auch Soirée gothique (2018) nach drei Gedichten Emily Dickinsons. Die Singstimme (Eva Resch) hat in diesen Mini-Dramen atemberaubend überdreht zu agieren. Den rasanten Kosmos aus theatralischen Gesten, den Dündar heraufbeschwört, macht Reschs Sopran intensiv hörbar. Inklusive divenhafter Hustenanfälle und hysterischer Ausrufe. Eingebettet wird das in flatterhafte Klangflächen, die der Singstimme stets höflich den Vortritt lassen.

Porträtkonzert 2 zu Stefan Keller vereint fünf Stücke von 2005 bis 2017. Keller ist Schweizer. Seinen Kompositionen eignet eine Plastizität, die selbst ruhigere Werke wie Breathe für Akkordeon, Klavier, E-Gitarre und Live-Elektronik auszeichnet, die sichaber, wie in Schaukel (2015), zu rhythmischer Kraft und wuchtig-griffigen Geigeneinsätzen steigern kann. Ma’s Sequence 7 (2004-05) hingegen ist eine Bearbeitung des gleichnamigem Werks von Riccardo Nova und lebt von dem Kontrast von diskret monologisierender Trompete (Markus Schwind) und entspannt vor sich hinklöppelnder Perkussion.

Das raffiniert fließende Stück für Klavier (von 2009), transparent gespielt von Florian Hoelscher, huldigt freilich einem traditionellen Tonfall, was nicht verhindert, dass ich es gerne höre. Verglichen mit diesen zarten Klängen bietet das 2017 entstandene hybrid gaits reichlich fluffiges Ohrenfutter, ohne einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Die Moderation von Leonie Reineke und Rainer Pöllmann trägt ihren Teil dazu bei, den Abend möglichst angenehm zu machen.

Tag 5: SWR Experimentalstudio, Trio Catch, Séverine Ballon

Sonntag. In Berlin herrscht Schnee, klingt Kälte und fällt Neue Musik. Ultraschall-Tag 5 ist erreicht.

Vorläufiges Fazit: Ultraschall klappt auch über Radio. Heftiger Programmänderungen zum Trotz zeichnet sich eine Festivaldramaturgie ab. Netter Nebeneffekt: Zum ersten Mal höre ich alle Konzerte, weil das Pendeln zwischen den Veranstaltungsorten erspart bleibt und die Superspät-Konzerte entfallen. Alles nicht so schlimm mit Corona? Das nun auch wieder nicht. Und damit zum Sonntag, der erneut zwei einstündige Konzerte bündelt.

Für Ultraschall vorproduziert wurde das Konzert des Ensemble Experimental vom SWR Experimentalstudio.

Ver-Blendung (2016) von Detlef Heusinger, dem Leiter des SWR Experimentalstudios, gibt sich lebendig und introvertiert, im Detail kurz-, als Ganzes langweilig, die Textur ist nicht zu dicht und nicht zu dünn (Bassflöte: Maruta Staravoitava). In Vito Žurajs Round-robin (2014) duelliert sich das fixe Akkordeon (kompetent Teodoro Anzellotti) witzig mit Live-Elektronik, und die hört sich an wie das Würstchen, das überm Lagerfeuer brutzelt. 2006 komponierte Mark Andre …hoc… für Solo-Cello und Elektronik. Die etwas ratlos wirkenden Punkte im Titel sagen nichts über das Stück. Denn …hoc… klingt alles andere als ratlos. Vielmehr erweist es sich als vielgestaltig im Mikroskopischen und als durchfurcht von einem äußerst produktiven Minimalismus der Gesten (mit allen Wassern zeitgenössischen Cello-Spiels gewaschen: Esther Saladin). Von Petra Strahovnik erklingt schließlich Appulse von 2017, das Rei Nakarmura am Flügel nach und nach aus der Starre des Beginns befreit und in etwas Gleitendes, seltsam Formloses, Unscharfes überführt. Gefällt mir gut. Insgesamt ein hochkompetentes, auch in der Stückzusammenstellung gelungenes Konzert. Ein Hoch auf die kleinen Rundfunkensembles.

Vorhang auf für das Trio Catch. Sieben Stücke, kaum eines über 10 Minuten, sieben Komponisten. Alle Stücke sind wohltuend kurz, und in all ihrer Kürze doch fast zu schnell vorbei. Die Besetzung lautet also Klarinette, Cello, Klavier. Auch hier wurde voraufgezeichnet, nämlich am Freitag im Stucksaal des Heimathafens Neukölln.

Ultraschall Berlin 2021/ Foto: Simon Detel

Die erste Uraufführung mit dem zeitgeistigen Titel @ch stammt vom 44-järigen, finnischen Komponisten Tomi Räisänen. Scherzo-artig der erste Satz, witzig spulen auch die drei weiteren Sätze ab, die Klarinette ist sehr exponiert (Boglárka Pecze). Das Werk hält sich in der Mitte. Folgt Pod vodom raskršća snova (2018) von Milica Djordjević. Der serbischen Komponistin (sie lebt in Berlin) wurde schon beim letztjährigen Berliner Musikfest eine ausführliche Würdigung zuteil. Herrje, endlich mal jemand aus der jungen, wilden Balkan-Truppe zeitgenössischer Komponist(inn)en, der bzw. die landessprachliche Titel wagt. Die 14 Minuten gestalten sich gestisch herb, aber auch verträumt in den tiefen Klavierregistern, die Musik ist einfach klanglich sehr real und präsent gedacht. Von Djordjević ist der Weg kurz zu Bianca Bongers.

Die ist noch jünger, stammt aus den Niederlanden und steuert das skizzenhaft gelockerte Surrounded by Air – Appearance III bei. Neben Gespür für klangfarbliche Raffinesse beweist das Werk aus 2019 auch eine aphoristische Leichtigkeit. Darüber hinaus experimentiert es mit einem fast szenischen (Auftritts-)Witz für die drei Instrumente. Inspiration (u.a. durch Bongers‘ Wohnort Haarlem) und Spontaneität bedingen sich gegenseitig. Auch under (2018) der polnischen Komponistin Żaneta Rydzewska zeigt eine eigene Frische. Verborgene Impulsivität plus Unverbrauchtheit der Ausbrüche ist bei Rydzewska das Zauberwort. Sowohl Bongers wie Rydzewska sind Geschichtenerzähler, ohne der Autonomie der Musik etwas zu nehmen.

Den Kürze-Rekord des heutigen Abends stellt Silbersaiten II (2002/09) der Südkoreanerin Younghi Pagh-Paan ein. Silbersaiten II dauert keine sechs Minuten. 75 Jahre ist Pagh-Paan. Die Kürze wird mehr als wettgemacht durch die geklärte Kraft, die das Werk auszeichnet. Daniela Terranovas Flowers endlessly open (Uraufführung) ist ein stilles, wenn auch nur in geringen Dosen entwicklungsfähiges Stück, das vom Tonfall einer fernen Welt geprägt ist. Halltöne und verwehte Tremoli wechseln sich ab. Das erinnert von Ferne an die Italienerinnen Verunelli und Iannotta, die beide bei Ultraschall 2020 vertreten waren. Gibt es da einen weiblichen italienischen Nationalstil? Zum Schluss sorgt die Kroatin Sara Glojnarić für Spaß bei der Fern-Hörerschaft. sugarcoating #2 (2017), eines der derzeitigen Lieblingsstücke der europäischen Neue-Musik-Szene, ist witzig, impulsiv, und immer schwingt auch etwas von Jux und Dallerei mit.

Bekanntermaßen ist das für Sonntagabend geplante DSO-Konzert virusverschuldet den Weg alles Sterblichen gegangen. Deshalb sendet Kulturradio zwei Stücke von und mit der eigentlich vorgesehenen Solistin, der französischen Cellistin Séverine Ballon.

Die von ihr komponierte Lockdown-Musik Novembre 2020 mummelt sich in windschiefe Doppelgriffe ein, bläst gekonnt nebelgraue Lockdown-Trübsal und zeigt überhaupt ziemlich viel von dem, was die Neue-Musik-Hexenküche an Artikulationsmittelchen bereithält. Das Ganze ist eine Uraufführung. So, noch schnell Márton Illés dicht komponiertes Psychogramm IV. Durcáskodós (2019), wieder mit Ballon am Cello, gehört, und dann, ja, dann ist Ultraschall 2021 Geschichte.

Wir alle warten auf Ultraschall 2022, und mal sehen, wer dann den längeren Atem hat, COVID-19 oder die Neue Musik.

Kritik Ultraschall Berlin 2021: Solo für Rumpelstilzchen (Jan Brachmann)