Schlagwörter

Aber hallo. Barrie Kosky tobt sich in Rigoletto so richtig aus. Aber er tut es auf seine Art. Minimalistisch. Präzise. Böse.

Er gibt den Zuschauer Saures, zeigt heftige Bilder. Lokalisiert seine Figuren zwischen hart und apart. Alice Babidge baute einen Leerraum, entwarf puppenhafte Kostüme für die Frauen und kaltperfekte für die Männer. So drängen sich die zwei Verdi-Stunden (ohne Pause, bitte Prophylaxe-pinkeln!) zu einem Panoptikum aus Gewalt, Operetten-Schnipseln und üblem Schicksal. Der Fluch (maledizione) spielt nur eine Neben-, die widerliche Brutalität einer männlichen Party-Connection die Hauptrolle.

Mehr noch als der aufgeblähte Marionettenkopf wird der gluckenhafte Federn-Riesenrock des Rigoletto zum Signum der Inszenierung, wird Requisit und Kostüm und Bühnenbild zugleich, Menschen purzeln zu Dutzenden aus ihm hervor. Doch später wechselt Rigoletto Nikoloz Lagvilava ins Schlabberhemd. Da gibt er schon den pathologisch zerrissenen Vater, der seine Tochter nicht mal vor der fummelnden Hofcamarilla schützen kann. Lagvilavas metallische Bösewichtstimme schallt gefährlich viril und bleibt erfreulich kompakt.

Bildschirmfoto 2020-02-18 um 08.14.43

Holzschnittartig typisiert schnitzt sich Kosky den Herzog zurecht: eine ölige, erschreckend leere Type im kanariengelber Anzug, ohne einen Hauch von Verliebtheit, gespielt und gesungen (recht höhenwacklig) von dem wie eh und je schnieke aussehenden Leonardo Capalbo. Koskys Gilda mimt ein junges Ding, das von der Gewalt der dauervergnügten Truppe überrollt wird. Ekaterina Sadovnikova singt sie anrührend-zaghaft, nur bei den Koloraturen ist noch Luft nach oben.

Dirigieren tut Ainārs Rubiķis mit Straffheit und Wucht, immer schön am dramatischen Faden entlang. Dass Kosky die rhythmischen Impulse der Musik in Gesten umsetzt, passt zu Rubiķis‘ Truppe, die heute spannkräftig-schlagfertig agiert – und dabei auch noch die Muße hat für feine Soli (Flöte bei der Arie der Gilda). Dazu die grellbunt kostümierten Höflinge, der Chor singt mit Tempo und Schuss – passt.

Maria Fiselier setzt Akzente gegen die arbeitsteilige Welt und singt vier auf einen Streich: die viel Bein zeigende Maddalena, die miese Amme Giovanna, die bedrängte Gräfin Ceprano und den Pagen. Tijl Faveyts ist zuerst als empörter Monterone und dann als Sparafucile (in Schneeweiß) ein Bass mit Tiefe und kernigem Volumen, der Gilda mit dem Messer schier massakriert. Gut besetzt sind die Höflingsnebenrollen, gerne auch in adretten 50er-Klamotten. Changdai Park mimt den Ceprano, der Dániel Foki ist ein zudringlicher Marullo, Alexander Fedorov ein wendiger Borsa.

Laut Tagesspiegel dauerte die Premiere 2 Stunden 15 Minuten, bei Rubikis rollte der Verdi-Express in deutlich unter 2 Stunden über die Ziellinie.