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Mit lyrischer, klarer, fein abgemischter Sopranstimme singt Elsa Dreisig in der hiesigen Staatsoper mélodies, песни und Lieder von Duparc, Rachmaninow und Strauss.

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Der verblüffende Henri Duparc ist in Deutschland immer noch ein (zu) wenig Bekannter. Duparc hat zwischen 1868 und 1884 ganze 17 mélodies komponiert. Vier davon sind im Apollosaal zu hören: das hypnotische L’Invitation au voyage (nach Baudelaire), Chanson triste, das geheimnisvolle Extase und das zwischen Vision und Traum changierende La vie antérieure, wieder nach Baudelaire. Dreisigs Stimme agiert da hell, lyrischschwebend, sympathisch leuchtend, hat Raffinesse und Echtheit im Ton. Ist ganz die glänzende Vokalistin. Ist es zu viel gesagt, wenn Duparc in Deutschland derzeit „wiederentdeckt“ wird?

Das gleiche ließe sich von Rachmaninow als Liedkomponist sagen. Der Russe ist mit den Sechs Liedern op. 38 nach Gedichten der Symbolisten Blok, Belij und Sologub (u. a.) vertreten. Es sind Rachmaninows letzte Liedkompositionen, die lebhaften Miniaturen pendelt sie zwischen unstillbarer Sehnsucht und kecker Neckerei (Der Rattenfänger, Крысолов) ein – mit Emotion und strahlender Spontaneität in der Stimme.

Inspirierend konzipiert übrigens das Format, das die dänische Französin (oder französische Dänin) ihrem Auftritt verpasst. Organisierendes Element ist allein der erzählerische Bogen. Das ist schon was anderes als das fein säuberlich nach Komponist trennende Standardformat. Das Recital erzählt zuerst von Aufbruch und Glück (Frühling, das Sommerstück Margaritki), um sich sodann den sinistren Nuancen von Nacht und Tod zu widmen (September, Beim Schlafengehen, Der Traum). Erst mit der Zugabe (Morgen! von Strauss) kehrt die Sängerin zyklisch zum Anfang zurück.

Ein Liederabend als Dreiländereck: Bei den vorgetragenen Strauss-Liedern schließlich – die drei Hesse-Lieder Frühling, September und Beim Schlafengehen sowie die Eichendorff-Vertonung Im Abendrot – zieht die Französin behutsam die Linien nach, auch der Zugriff auf den Text ist von wohltuender Vorsicht geprägt. Das titelgebende – sowohl für den Abend als auch für die aktuelle CD, dort aber ohne Ausrufungszeichen – Morgen! liefert die Sängerin als Zugabe nach. Gewiss lässt sich bei den berühmten Vokalisen hören, wie die junge Sopranistin um Intonation und perfekte Gestaltung ringt, doch der das identifikatorische Ich in den Mittelpunkt stellende Zugang macht dies Manko mehr als wett.

Der prosaische Anschlag von Jonathan Ware, auch in den Solostücken von Rachmaninow und Strauss, ist weniger meine Sache.

Nächste Liederabende: am 28. 3. Renée Fleming (gleichfalls mit Duparc), am 28. 4. Anna Samuil.