Die Deutsche Oper Berlin spielt über fünf Wochen hinweg insgesamt sieben Aufführungen jenes Berliner Komponisten namens Meyerbeer, der auszog, um in Paris sein jahrhunderterschütterndes Opern-Glück zu machen – und damit der herausragende Vertreter der grand opéra wurde, jenes Ungetüms aus faszinierender Überlänge, Bühnenspektakel und reich ausgepinselten historischen Tableaus. Les Huguenots sind die zweite von Meyerbeers Pariser Opern. In ihr entladen sich Massenfanatismus, Hass und Glaubensinbrunst, und in verblüffender Folge wechseln sich Hofszenen, dunkle Chorwucht und atemberaubend lang ausgesponnene Solonummern ab.

Bildschirmfoto 2020-02-03 um 07.42.25

Das 19. Jahrhundert war verrückt nach diesen erfrischend multiperspektivischen Gesamtkunstwerken, das 20. kehrte ihnen dann lange den Rücken zu – späte Folge der unsachlichen Kritik von Wagner und anderen. Seit einigen Jahren wird Giacomo Meyerbeer gerne wieder in die Spielpläne aufgenommen, wobei die Deutsche Oper bei der Renaissance der grand opéra besonders tatkräftig mitmischt, die sich melodisch weniger ingeniös als das italienische dramma lirico oder melodramma und formal offener als Wagners Musikdrama gab.

Die Inszenierung des US-Amerikaners David Alden ist nicht der ganz große Wurf (Premiere 2016), aber bei Alden lässt sich der Bogenschlag vom frivolen Vorgeplänkel des 1. Akts bis zu Tod, Massaker und Untergang im 5. Akt stimmig nachvollziehen, auch wenn Personenführung und -durchleuchtung eher konventionell bleiben.

Die gute Besetzung verzichtet auf ganz große Namen.

Der zwischen gutem Herzen und Herrscherinnenpose schwankenden Königin Marguerite leiht Liv Redpath (im pompösen Queen-Elizabeth-Kostüm) ihren sinnlich attraktiven Sopran. Die Stimme ist von elegischer Tonschönheit und hat immer auch den passenden virtuosen Finish parat, filigrane Ausführung inklusive. Hugenottenführer Raoul findet in Anton Rosizkij (in düsterem Schwarz, hart an der SS-Uniform vorbei) einen fast idealen Interpreten, der geschmeidig durch die gesamte dynamische Skala gleitet und mit aufregend verblendeten Registern, sauberer Attacke und schlanker Höhensicherheit glänzt. Außerdem singt der Russe mit beneidenswert genauer Intonation – da verschmerzt man, dass szenisch manches unbeholfen wirkt. Die todesmutige Valentine von Olesja Golownewa (in einer Art Haute-Couture-Regenmantel) lässt ein aufregendes Timbre hören und transportiert Leidenschaft und Gefühl, am schönsten vielleicht in der holzbläser- und hornumschwirrten Romanze Parmi les pleurs mon rêve im 4. Akt, einem Gemälde feiner Seelen- und Herzenstöne. Geschenkt, dass der höchsten Höhe (noch) Verlässlichkeit und Festigkeit fehlen.

Die Kostüme mischen Galauniformen der 1830er Jahre mit 20.-Jahrhundert-Klamotten – mäßig originell, funktioniert aber (Constance Hoffman). Dazwischen wischen Zimmermädchen balletös Staub, und der Chenonceaux-Akt kokettiert mit Lost-Places-Anmutung und deren Instagram-Charme – naja (Bühne Giles Cadle). Dazu gibt’s mal wieder Clubsessel mit Knopfheftung und eine Chaiselongue, auf der Marguerite dekorativ lagert.

Bildschirmfoto 2020-02-03 um 14.28.42

Doch weiter zu den hingebungsvoll agierenden Sängern. Den erbarmungslosen Saint-Bris gibt Seth Carico mit kräftigem Bariton und den zu spät zur Vernunft zurückkehrenden Nevers Dimitris Tiliakos mit Engagement aber arg verschliffener Linie. Für den Pagen investiert Irene Roberts (poppiger Streifenanzug, hübsch die kokette Kavatine im 2. Akt) ihren emotional leuchtenden Mezzo, der in den Chorensembles vorzüglich gut hörbar bleibt. Raouls treuen Diener Marcel hingegen macht Andrew Harris (raues, stählernes Bassvolumen) zu einem beängstigend unversöhnlichen Gesellen, der in der höfische Welt platzt wie ein ungeschlachter Rübezahl.

Nicht zuletzt die vielen Nebenrollen machen Les Huguenots so vielschichtig. Jacquelyn Stucker und Karis Tucker geben die beiden Hofdamen – adrett und auf den Punkt gesungen. Das unsympathische Adeligenquintett setzt sich aus Jörg Schörner (Cossé), Paul Kaufmann (Tavannes), Alexei Botnarciuc (Thoré), Padraic Rowan (Méru) und Stephen Bronk (de Retz) zusammen. Mitreißend, sowohl als komponierte Musik wie als gehörte Musik, die zahlreichen Ensembles dieser fünf Herren im 1. Akt, schön das rhythmisch aparte Duell-Septett im 3. Akt. Das Calvinisten-Couplet am Beginn des 3. Akts singt Andrei Danilov (Bois-Rosé), den Nachtwächter Timothy Newton.

Der Chor bietet über Stunden hinweg Schönklang bis in die presto-Passagen hinein – und jene Genauigkeit, die die prallen Finales erst mit Leben füllt.

Was macht Alexander Wedernikow am Pult? Er sorgt für das solide Fundament dieser Aufführung. Es ist eine sorgfältige, im Lyrisch-Leisen wie in den Fortissimo-Ausbrüchen überzeugende Wiedergabe. Der klangspezifischen Entfaltung der Holzbläser wird Raum gegeben, und immer wieder vermittelt Wedernikow zwischen der Ruhe der Binnenszenen und dem Pathos der Aktschlüsse.

Noch einige Gedanken zum Werk an sich.

Die raffinierte Überblendung von Buffa-Ton (etwa des Pagen) und Tragödie kennt man von Maskenball, womöglich aber gehört die Bewegung vom Licht ins Dunkel, vom frivolen 1. und pastoral tändelnden 2. Akt hin zur schreienden Tragik des 5. Meyerbeer allein. Von den Arien ähnelt keine der anderen. Ton, Färbung und vermittelter Affekt sind sorgsam auf die Erfordernisse der Partitur abgestellt, bewundernswert ist ihre äußerst gewissenhaft gebaute Architektur. Das reicht von Raouls Romanze Plus blanche que la blanche hermine mit dem hypnotischen Sextsprung bei beauté und den mehrmals erreichten hohen C’s und dem hohen D der Kadenz (1. Akt) bis zu dessen ganz und gar erstaunlicher, auf Sekundfortschreitungen aufbauender Air A la lueur de leurs torches funèbres (5. Akt). Einziger Ohrwurm ist übrigens der rhythmisch großartige chœur de l’orgie des ersten Akts. Bei den wiederholten, so sprechenden Choral-Einblendungen reicht die Nachfolge von Tannhäuser bis hin zu Mahler (Sinfonie Nr. 6), dessen genialer stilistischer Pluralismus in faszinierender Weise auf Meyerbeer zurückweist.

Bildschirmfoto 2020-02-03 um 14.29.56

Kein einziger Französischsprachiger singt und das gesungene Französisch ist mal besser, mal schlechter.

Was soll man sagen? Ich sitz da drin, hör mir das an und denke: Der Meyerbeer war Berliner. Irgendwie bin ich stolz auf den. Tja, Lokalpatriotismus (14 Jahre fast auf den Tag genau in Berlin). 

Die Hugenotten sind noch drei Mal an der Deutschen Oper zu sehen. Die großartigen Meyerbeer-Wochen laufen an der Bismarckstraße noch bis Anfang März. So etwas kommt so schnell nicht wieder.

Erstes Foto: Bettina Stöß