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Schluss. Aus. Vorbei. Ultraschall Berlin 2020 ist Geschichte.

Zuvor gibt es jedoch an den Spielstätten des finalen Ultraschalltags noch jede Menge Neues und Neuestes. Wie fällt das Tagesfazit aus? Zwiespältig. Macht aber nichts. Die zeitgenössische Musiklandschaft mitsamt ihren unterschiedlichen Musikkonzeptionen ist eben unendlich vielfältig.

Ultraschall Abgesang partitur

Um 17 Uhr bestreitet das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Teil 1 in  der Akademie der Künste im Hansaviertel. Das Beste kommt gleich am Anfang, heißt The narrow corner und stammt aus der Feder von Francesca Verunelli (2015). Das treffsichere, streng konstruierte Werk überzeugt durch Wagemut, Klangfantasie, Klangebenen-Sensibilität, viel Stringenz und knappe Form. Nachhören hier, zweite Aufnahme von oben. Dieser schmale Winkel ist Festival- und womöglich sogar Repertoire-tauglich.

Punkt, Satz und Sieg für Francesca Verunelli

Was man von abgesang von Marko Nikodijević (2015/2017) nur bedingt behaupten kann. Zwar lässt Anna Sohn (im zartblümigen Chiffonkleid) ihren Sopran höhensicher um Vokale und Silben aus einem Gedicht von Molcer Mátyás kreisen. Und man mag dem Werk, das den letzten Balkankrieg thematisiert, einen elegischen Reiz nicht absprechen. Doch die Mittel, die diesen Reiz hervorrufen, erscheinen recht dünn. Eines der schwächeren Werke von Ultraschall 2020.

Ganz andere Wege geht Concerto for Voice (moods IIIc) (2015) der Norwegerin Maja Solveig Kjelstrup Ratkje. Ratkje entfaltet ein groteskes Stimmtheater mit leichten Happening-Tendenzen und überzeugend klarer Klangnote. Art und Weise, wie (hörbar amateurhafte) Stimmakrobatik und (hörbar professionelle) Extrovertiertheit (die Komponistin interpretiert selbst) zusammengeführt werden, sind alles andere als neu, doch frisch und frech tönt das allemal. Sogar an eine hochvirtuose Kadenz als ironische Verbeugung vor der Tradition hat Ratkje gedacht. Das RSB erweist sich einmal mehr als spielfreudig.

Es folgt Masque von Gordon Kampe (Uraufführung).

Hierfür tut sich das RSB, das sonst gerne bei Bruckner und Mahler glänzt, mit den Neue-Musik-Experten von LUX:NM zusammen, die sich als Orchester im Orchester direkt vor dem Dirigentenpult häuslich niederlassen. Dann geht es schnell. Masque – Spielzeit: 25 Minuten – entpuppt sich als schlagkräftiges, witziges Konzerstück. Im Schnelldurchlauf geht es durch tausendundeins Musikstile. Die Ohren schnackeln, das Hirn wackelt, während im bruitistisch explodierenden Apparat die Schlossgespenster von Götterdämmerung und Bruckners 9 heulen. Doch bei allem schlafwandlerisch sicheren Umgang mit der Materie Orchesterklang bleiben nicht nur die Partien der fünf Instrumentalsolisten von LUX:NM enttäuschend banal. Was kann man Kampe empfehlen (natürlich hasst er Vorschläge)? Ökonomie der Mittel.

Licht und Schatten also am Hanseatenweg, wo es aussieht, als hätte sich Berlin seit einem halben Jahrhundert nicht verändert. Man kommt gerne in die denkmalgeschützte Akademie im strengen 60er-Jahre-Design. Aber man merkt schnell: Der Saal dämpft den Orchesterklang wattierend. Doch hübsch ist es allemal, auf dem Weg in den Saal durch die sich warm spielenden Musikern zu flanieren. Kann man sich so was bei den Berliner Philharharmonikern vorstellen? Nein.

Steht man anschließend in der kühlen Winterluft, ist es plötzlich weit nach sieben. Es spute sich, wer danach das DSO im Haus des Rundfunks tief im Berliner Westen hören will. Dieses von Johannes Kalitzke geleitete Konzert verfolge ich auf Deutschlandfunk Kultur.

Ultraschall Abgesang

Wie sich die (Klang-)Bilder gleichen. Auch an der Masurenallee kommt das Mitreißendste zu beginn. Das zehnminütige Antar Atman des 1997 verstorbenen Spaniers Francisco Guerrero (1980) wirkt auf leichte Weise schwer und auf herzzerreißende Weise kühl. Der Eindruck ist der eines Werks, das durch unbeugsame Inspiration gekennzeichnet ist. Es zählt ohne Frage zu den nachdrücklichsten des diesjährigen Festivals. Das hervorragend involvierte Deutsche Symphonie-Orchester hat Heißhunger auf diese spanischen Vexierspiele.

Der Slowene Vito Žuraj bringt mit Stand up ein 2017 uraufgeführtes, ausgiebig politisch unterfüttertes Werk aufs Podium. Das Werk gibt Anlass für Kritik. Stand up gibt sich dringlich, produziert aber kaum mehr als kleinteilige Beliebigkeit. Einer der Tiefpunkte von Ultraschall.

De l’art d’induire en erreur des 51-jährigen Fabien Lévy macht den Beschluss. Das DSO bringt die Uraufführung der erweiterten Fassung zu Gehör. 34 Minuten Dauer und Dreisätzigkeit signalisieren Hauptwerk-Status. Interessanterweise wirkt das Werk durch den hohen Text- und Sprachanteil (Artaud, Rabbi Nahman, Nietzsche, Apollinaire) fast altmodisch. Das tönt ehrenwert – jaja, jeder ist gegen „verschimmelte Systeme“ -, aber auch etwas angestrengt. Als ungünstig erweisen sich die verstärkten Stimmen, die das Orchester zur bloßen Hintergrundkulisse degradieren – zumindest am Radio. Wobei das Stück in einer bestechend klaren Klangluft angesiedelt ist. Dagegen wirkt die Behandlung der Stimmen recht routiniert.

Was kann man sich merken nach fünf Tagen Ultraschall? Auf jeden Fall die Namen Clara Iannotta, Sarah Nemtsov, Mirela Ivičević, Francesca Verunelli – wenn man die Damen nicht sowieso schon auf der Hörliste hatte.

Mögen in diesen noch so unverbrauchten, neuen Zwanzigerjahren noch neun gute, gerne auch sehr gute Ultraschall-Ausgaben folgen.


Mehr Ultraschall-Kritiken: Besprechung von Tag 1 und 2, Kritik des Konzert-Tages 4.

Ultraschall Gordon