Mit der kühlen La Traviata an der Komischen Oper hat Berlin nun wieder drei Traviatas, eine an der Bismarckstraße, eine Unter den Linden, und seit letzten Sonntag eine an der Behrensstraße, was Verdi-Fans nicht nur in Berlin freuen dürfte.

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Am schönsten an der Neuproduktion an der Komischen Oper von Nicola Raab sind die Bilder, Bilder, die überzeugend von Vergnügungsgier, von Vereinsamung und vom verlöschenden Leben erzählen. Nichts Neues allerdings bei den Kostümen: Die stammen inzwischen Regie-Usus-üblich aus der Entstehungszeit des Werks. Nur Germont Vater (Günter Papendell als Gevatter Tod) trägt modernes Schwarz, und auch der Chor darf im heutigen Anzug ran. Plötzlich stürzt Herbstlaub rostrot vom Himmel. Schön anzuschauen ist das.

Zwei Dinge kann man der Raab-Deutung vorwerfen. Irgendwie wirkt das ganz schön neutral, weil die anrührende Geschichte von der lungenkranken Kurtisane in einer nüchternen Fabrikhalle abgespult wird, die so reinlich wirkt, dass man an Hippster-Lofts in Kreuzberg denkt. Zwar sorgen Gazéschleier und eine bühnenhohe Mattglaswand für subtile Unterteilungen (Bühne: Madeleine Boyd). Doch die Leidenschaft züngelt unter der Oberfläche, in den kleinen Gesten, in den Stimmen. 

Und das Websex-Thema (Violetta vor der Cam, die Männer guckgeil vorm Handy) kommt nie richtig im Stück an, macht als unergiebige Rahmenhandlung sogar ziemlich den Rohrkrepierer.

Macht nichts. Da sind ja noch die schönen Stimmen.

Die junge Vera-Lotte Boecker spielt sich im Seidenkrinolinenkleid in die Herzen der Zuschauer, Boecker gibt die digitalprostituiert vom Weg Abgekommene mit Leidenschaft, hat auch noch im Sterben Sehnsucht nach dem Leben und macht das berühmte Addio del passato, ihren angsterstickten Abschiedsgesang, dank sensibler Gestaltungskraft und schönen Sopranspitzen zum Erlebnis. Tenorpartner Ivan Magrì klingt als Alfredo zunächst wie ein unsensibles Raubein, hat dann aber forza und cuore, Kraft und Herz, für den aufrichtig Liebenden des 3. Aktes. Ganz anders Günter Papendell, der mit hohem Zylinder und Gehstock fast den todbringenden Bösewicht mimt. Papendells Germont hat da intensiven Nachdruck und raue Schwärze.

Der spritzige Chor ist auf Zack und präsentiert sich kommentar-bissig als desinteressierte Festgesellschaft.

Gleichermaßen farbkräftig als Mezzo und dank Blumentoupet, macht die Flora von Maria Fiselier eine gute Figur. Gastone wird gesungen vom tenorschlanken Ivan Turšić, der Alfredo-Konkurrent Douphol von Dániel Foki. Dem Marchese leiht Carsten Sabrowski Gewicht, den briefüberbringenden Commissionario mimt Changdai Park klangvoll. Der Giuseppe mit Super-Kurzauftritt ist Alexander Fedorov. Kostümbildnerisch wirken die Herren mit Gehrock und Koteletten wie Balzac-Typen ohne große individuelle Prägung. Die Annina verkörpert Caren van Oijen, den Doktor mit gepflegtem Bariton Philipp Meierhöfer.

Am Dirigierpult schafft Ainārs Rubiķis mit Feuer und zuspitzendem Zugriff musikalische eher handfeste Tatsachen. Das ist eine flotte Traviata, wie überhaupt das Dirigat, indem es schärft, wo andere rührselig werden, wohltuend drängend ausfällt. Bittersüß tönen aber auch die Vorspiele zum 1. und 3. Akt. Beim Trinklied kann man als Dirigent nicht glänzen. Da hilft nur Augen zu und durch, was Rubiķis folgerichtig macht.

Die Inszenierung gestattet sich musikalisch einige Eigenheiten: Das zeitweise Aussetzen der Musik im Vorspiel und in der großen Romanze Addio del passato gehört ebenso dazu wie das verzerrte Einspielen des Karnevalschors im 3. Akt. Was interessant ist, solange nicht jede Inszenierung damit um die Ecke kommt.

Foto: Iko Freese


Weitere Kritik: Das Werk ist unkaputtbar (Maria Ossowski), Einsamkeit der Web-Kurtisane (Georg Kasch), Substanziell so öde (Peter Uehling, alle Premierenkritiken)

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