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Samstagabendkonzert des DSO mit Mozart. Robin Ticciati dirigiert die drei Sinfonien Es-Dur, g-Moll, C-Dur, Nummern 39 – 41.

Es ist ein Abend voll unbestreitbarer Meisterwerke, die ihrerseits schwierig geworden sind. Selbstbewusst und geheimnisvoll sperren sich Mozarts letzte Sinfonien gegen  Programmnachbarn. KV550 oder KV551 vor einer Mahlersinfonie oder Schostakowitschsinfonie hören? No, grazie.

Die Erregungskurve dieses Abends verläuft spannungsvoll. Prächtig gerät die Sinfonie Nr. 39. Aber Nr. 40 klingt nicht erfüllt genug. Nummer 41 nach der Pause glückt bis ins himmelstürmende Finale.

Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt mit Darmseiten und ventillosem Blech: Bissfest ist das Tutti, schnell sind die Tempi. Die Orchestergruppen bleiben im Gesamtklang hörbar. Scharfkantig tönen dabei die Hörner, distinkt die Holzbläser. Vibratolos fahl geben sich die Violinlinien. Intonatorisch verschmelzen sie nicht so unterscheidungslos wie mit Stahlseiten und Vibrato.

Die g-Moll-Sinfonie zieht rhythmisch unflexibel vorbei, erst das Finale reißt mit. „Es gibt keine brutaleren Modulationen als die im Finale der Symphonie g KV 550“ (Charles Rosen). Auch das Finale im späten C-Dur-Werk ist von dramatischer Kraft erfüllt. Ticciati bringt die Klarheit der Themen unvergleichlich heraus. Dabei bleibt Robin Ticciati locker und hat genug Reserven, um nebenbei den latenten Buffa-Charakter herauszukitzeln. Die Es-Dur-Sinfonie KV 543 steht vielleicht stellvertretend für Ticciatis Mozart. Der ist formklar, scharf artikuliert. Alles Wattige ist verbannt. Und das Beste: Themen werden scharf umrissen. Die Struktur wird deutlich hörbar.

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Robin Ticciati stürmt das Podium

Auch zu mäkeln gibt es. Tempo-Modifikationen werden – für mich etwas plakativ – deutlich herausgestellt. Die beiden Andante von KV550 und KV551 – letzteres immerhin ein Andante cantabile – werden fast schockierend hurtig genommen. Was die Binnengestaltung von Themen angeht, fehlt für mich Feingefühl (hörbar z. B. im berühmten g-Moll-Thema von KV550). Das vis-à-vis des Dirigenten inmitten der Musiker aufgebaute Cembalo überhöre ich übrigens vollständig.

Der Dreierpack sorgt für neue Einsichten an altbekannten Stücken. Die Sätze variieren zwischen monothematisch (Finale KV453) und thematisch reich (Allegro vivace, Andante KV551). Fordern die 2. Themen Raum oder huschen sie quasi unbemerkt vorbei? Wird die Exposition wiederholt? Werden Durchführung und Reprise wiederholt?

Ticciati dirigiert mit ausgestrecktem Zeigefinger (gern auch an beiden Händen) oder zitternd erhobener Nosferatu-Hand (bei dissonantem Tutti). Der Brite ist schlank und rank wie je. Nur sein Gesicht scheint schärfer konturiert. Seine Arbeit verrichtet er heute Podium-los. Umso fokussierter wirken die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters und werden in den Finalsätzen zu höchster Virtuosität aufgestachelt.

Sollte man nicht doch eines dieser vollkommenen Mozartwerke mit einer Bruckner- oder Mahlersinfonie kombinieren, Mozart natürlich jeweils nach der Pause.

Die Philharmonie-Hütte ist voll. Sind die Mozartsinfonien doch Repertoirekracher?

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