Der 83-jährige Zubin Mehta gastiert bei den Philharmonikern mit Bruckner.

Die Sinfonie Nr. 8 mag zwar Bruckners längste Sinfonie sein. Bei Mehta wird der grimmige Koloss aber zum Ohrenschmeichler.

Weich strömen die Streicher. Mehta lässt ihnen die Freiheit, sich im Moment des Spielens selbst zu finden. Die Berliner Philharmoniker lohnen es Mehta mit einem Tutti ganz ohne gestrenge Härte und einem weit gefächerten, atmosphärisch pulsierenden, von innen leuchtenden Klang. Da ist nichts von düsterer Kathedralwucht.

Hellwach, doch sichtbar entspannt kann Mehta zuhören, wie ihm aus dem Orchesterstrom Themen, Gedanken, Motive entgegenblühen. Zu welch souveräner Lässigkeit der Abläufe und Steigerungen die Musiker finden, ist schon meisterhaft, ebenso, wie durch Generalpausen getrennte Abschnitte von einem Atem getragen werden. Es ist, als wolle Zubin Mehta den schroffen Gegensätzen und gestischen Aufrauhungen, die die Achte durchziehen, den metaphysischen Stachel ziehen. Dass dies gelingt, ohne dass der Substanz des Werks etwas genommen wird, macht den Wert der Aufführung in der Philharmonie aus. c-Moll-Schmerz und Des-Dur-Sehnsucht, Tragik und Triumph werden von quasi humanem Glanz durchsonnt. 

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Dem Scherzo fehlt Biss. Anders das (1889/90 neukomponierte) Trio, das schier nicht vergeht, zauberhaft das hervortretende Pling-Pling der Harfen kurz vorm Ende.

Unendlich faszinierend das Spiel mit der Sonatenform im Rondo-Adagio, wo sowohl der zweite als auch der dritte Einsatz des Hauptthemas nach Durchführung klingt und die vierte, letzte Rückkehr ganz kurz als Reprise empfunden wird, wo doch schon der Abgesang der Coda erreicht ist. Unendlich faszinierend auch das Finale mit seiner endlosen Abfolge von Themen und Gedanken, wovon das lapidare und doch sangliche (und latent leutselige) Hornthema zu Beginn der Durchführung (eine Abwandlung des Hauptthemas) das erstaunlichste ist, vielleicht auch weil es im weiteren Verlauf entzückenden Abwandlungen unterworfen wird.

Scheu und süß schlängelt sich das Violinsolo durchs Adagio, markant blüht der Nachsatz des 2. Themas, den die Solo-Wagnertuba wenige Takte später anstimmt.

Einige Kritikpunkte: Trocken tönt das Ende der Exposition in Satz 4. Anfangs lässt die Koordination der Stimmen zu wünschen übrig, vielleicht eine Folge der sparsamen, recht summarischen Zeichengebung des Dirigenten. Die größte Kritik: Die großen Saft– und Kraftstellen (Repriseneintritt und Ende 1. Satz, Stelle nach dem Siegfriedmotiv und fff-Stelle mit den zwei Beckenschlägen im Adagio, Coda Finale) bieten nicht die Durchblicke in andere Welten, die die ein oder andere Interpretation schon bot.

Mehta spielt die Nowak-Version von 1890. Die meisten machen das. Rattle und Blomstedt ließen die Haas-Fassung spielen. Erstaunlicherweise spielt kaum ein Orchester die 1887er-Fassung. Wie klingt der 1. Satz ohne „Totenuhr“-Schluss? Wie klingt das längere Adagio? Das möchte man gerne einmal hören. Die Deutung des Finales als Kaisertreffen durch Bruckner (nach der berühmten Briefstelle Unser Kaiser bekam damals den Besuch des Czaren in Ölmütz…) als Worthülse abzutun, geht vielleicht fehl. Die 8. Sinfonie ist Franz Joseph I. gewidmet. Wie damals sicherlich fast jeder Österreicher war Bruckner Monarchist. Warum soll das Finale nicht etwas von der Begeisterung des Komponisten spiegeln?

Das Tempo im Finale ist deutlich zügiger als bei Thielemann und Blomstedt, aber nicht so drängend wie bei Rattle und nicht so euphorisch wie bei Skrowaczewski.


Weitere Kritik zu Berliner Philharmoniker/Mehta: Bis zum letzten Takt Unruhe (Sascha Krieger), Was zweifellos ein legitimer Ansatz ist (Frederik Hansen)