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Purcells charismatische semi-opera King Arthur zeigt, wie fantasievoll, schräg und anrührend barockes Musiktheater sein kann.

Ein König kämpft gegen Zauberer und Erdgeister, Sirenen und heidnische Sachsen. Er gewinnt die Schlacht, verliert aber seine Liebste. Die heißt Emmeline und ist blind. Doch sie erlangt durch die Zauberkraft Merlins das Augenlicht zurück. So weit, so zauberhaft. Aufgehübscht wird die Story in barocker Manier durch ein ganzes Heer an Nebenfiguren, unter denen sich so unterhaltsame Typen wie der personifizierte Frost (der Cold Genius), der die berühmte Frostarie singt, oder die zwei Sirenen tummeln. Die sind lieblich anzusehen, aber endlos tückisch.

Dichter John Dryden und Komponist Henry Purcell schufen um 1690 ein Mittelding aus patriotischem Königsdrama und barockig verspieltem Bilderbogen. Ähnlich bunt die Musik: Bunte Zwischenspiele, sangesselige Chöre und energisch funkelnde Arien lösen sich munter ab. Dazwischen ertönen die witzigen, auch anrührenden Sprechdrama-Passagen (Text: John Dryden, ergänzt von Sven-Eric Bechtolf). Das Ganze nennt sich semi-opera und ist sehr englisch.

Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch machen daraus an der Staatsoper eine amüsante Reise zu den Gründungsmythen der englischen Nation, allerdings nicht ohne ausführliche Zwischenstopps beim 2. Weltkrieg. König Arthur (mannhaft nobel gespielt: Michael Rotschopf) ist plötzlich Kampfpilot und kehrt er als tödlich Verletzter aus der Battle of Britain heim.

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Anett Fritsch treibt als unternehmungslustiger Amor und quirliger Luftgeist Philidel (im schneeweißen Fallschirmspringer-Outfit) ihr anmutiges Unwesen, Sopran-Kompagnon Robin Johannsen brilliert sowohl als duettfreudige Krankenschwester als auch als wandelndes sächsisches Strohungetüm. Benno Schachtner führt seinen feinen Altus vorteilhaft ins Feld. Auch die Tenöre Reinoud Van Mechelen und Stephan Rügamer (als Rollifahrer) sowie die Bässe Neal Davies (als schneestäubender Cold Genius) und Arttu Kataja erfreuen rundweg.

Und was ist das Faszinierendste an Purcells semi-opera? Sänger und Schauspieler agieren auf Augenhöhe – auch weil die Verse Drydens auch nach 300 Jahren noch frisch und knackig wirken (Sprechtexte teilweise modernisiert).

Die Schauspieler sind folgende. Meike Droste spielt die blinde Emmeline zwischen der Lauterkeit eines verliebten Mädchenherzens und feministischer Angriffslust. Jörg Gudzuhn gefällt als knorriger Merlin und wunderbar verbitterter Großvater. Max Urlacher verkörpert den bedächtigen Sachsenkönig Oswald, während Paul Herwig als Laberknochen Osmond (im modischen Streifenanzug) punktet und Tom Radisch eine Augenweide als verfilzter, koboldhafter Grimbald darstellt. Bleiben noch Roland Renner als treuer Begleiter Arthurs mit riesigem roten Federbusch, Steffen Schortie Scheumann als kuttentragender Mönch Aurelius und last but not least Sigrid Maria Schnückel als gestrenge Gouvernante Mathilda mit imposantem Sprechorgan.

Am Anfang (da dauert es, bis die erste Musik kommt) und am Ende (da dauert es, bis der Lobpreis Britanniens ein Ende findet) muss man etwas Geduld mitbringen.

Der Staatsopernchor teilt sich solistisch auf oder singt in noblem Unisono, fällt refrainartig ein, gibt Lebensweisheiten oder Handlungsanweisungen von sich und steckt meist in abenteuerlichen Kostümen. Die Akademie für Alte Musik unter René Jacobs lässt Farben und Vielfalt der Musik hören, spielt mit Witz und Tempo und lässt Purcell im fast ausverkauften Saal der Staatsoper strahlen.

Viel mehr Musik um, über und zum Barock gibt es an den Barocktagen der Staatsoper.

Foto: Ruth und Martin Walz

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