Düster, düster, düster.

Andrea Breth serviert Janáčeks Oper Katja Kabanowa als pechschwarze Tragödie, in der der Kühlschrank für die Titelheldin sperrangelweit offen steht.

Katjas Tod: ein Suizid in einer schmuddeligen Badewanne. Ihr Liebhaber: ein feige zaudernder Tropf. Die Bühne: voll abgeranzter Requisiten (Annette Murschetz). In diesem Alptraum aus Trostlosigkeit agieren die gestochen scharf gezeichneten und geführten Personen. Nicht ganz hasenrein präsentiert sich die Schlussszene. Kerzenbesetzte Ölfass-Tonnen, das ist langweilig. So sieht Edel-Tristesse aus ZDF History aus.

2014 war es, da leitete Simon Rattle die Premiere. Die Katja damals hieß Eva-Maria Westbroek. Und auch heute spielt und singt Westbroek (körperlich unheimlich präsent, graue-Maus-Jäckchen, rotblondes Flatterhaar) die verzweifelte Ehebrecherin – als Frau, deren Glücksverlangen zwei Nummern zu groß ist für diese jämmerliche, scheinheilige Welt an den Ufern der Wolga. Fast sprengt Westbroeks Bühnenpräsenz die Gräulichkeit von Breths Bühnenanordnung. Auch die Wagner-bewährte und Verismo-erprobte Stimme gestaltet mit mächtigem Zugriff Katjas tragisches Scheitern, üppig in den Akzenten, scheu aufblühend in der Höhe – als wenn Katja wüsste, dass das Glück, von dem sie träumt, ihr in dieser Welt nicht zusteht. 

Vollauf überzeugend auch der Boris von Simon O’Neill (in der Höhe strahlend sicher und dennoch lyrisch, eine enorme Leistung) als verliebter Muffel ohne Antrieb und Rückgrat. Ahnt er Katjas Freitod? Er zumindest entkommt schlussendlich der Provinznest-Enge. Herausragend ebenso die dämonisch kalte Kabanicha von Karita Mattila (tiefviolettes, hochgeschlossenes Kostüm) mit bedrohlich durchdringender, herrisch auffahrender Stimme. Eine sichere Bank ist Pavlo Hunka (wunderbar gespielt) als grober, polternder Dikoj. Der verklemmte, beschämend willensschwache Sohn Tichon ist eine der Paraderollen von Stephan Rügamer (elastischer Tenor mit hohem Präzisionsfaktor, Helmut-Kohl-Brille).

Eher beflissen als lyrisch tönt Florian Hoffmann als zynischer Lehrer Kudrjasch. Die fröhliche Varvara von Anna Lapkovskaja (mezzo-kräftig im bezaubernden Blümchenkleid und in fast symbolhaft schwarzer Strumpfhose) bildet mit ihrem Mitleid den humanen Gegenpol zur verrotteten Typen-Ansammlung dieser Oper. Es ist ein Augenschmaus, wie diese Varvara vor Glück ganz zappelig über die Bühne fegt. Den Kuligin singt Viktor Rud, die unheimlichen alten Frauen – in Burkas steckende Lemuren-Geschöpfe – verkörpern Mezzo-Urgestein Emma Sarkisyan (Glascha, Felsenstein holte sie Anfang der 60er als Carmen an die Komische Oper) und Adriane Queiroz (Fekluscha).

Die drei Akte verflüssigt Andrea Breth zur fast unterbrechungslosen, geschmeidigen Szenenfolge.

Alles für Leoš Janáček Typische findet sich in Katja Kabanowa: das rastlose Vorwärtsdrängen der Musik, die repetitiven Motivkreisläufe, die Gefühls-Aufschwünge, die sich durch große Unverstelltheit auszeichnen, das sprachnahe Melos, der verknappte Volkston der Lieder. Für die Partitur findet Thomas Guggeis einen Zugang, der von linienhafter Klarheit geprägt ist und in den leisen Passagen zu Zurückhaltung findet. Das ist farbig, Guggeis setzt wilde Akzente, klingt aber eben auch kontrolliert. Seine Salome fand ich außerordentlich, seine Zauberflöfte wenig spannend. Das Ding hier find ich wieder sehr gut.

Ich habe die Staatsoper nie leerer gesehen.

Besuchte Vorstellungen: 10. 10. und 27. 10.


Weitere Besprechung: Die Wanne als Seelenwolga (Hundert11)

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