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Liegt da Antrittskonzert-Aufregung in der Luft? Immerhin ist Karina Canellakis frischgebackene Erste Gastdirigentin beim RSB. Vielleicht liegt es auch am Programm. Das ist nämlich ganz schön knackig. Beethoven und Strauss, Siebte und Heldenleben. Einerseits kann nichts schief gehen. Andererseits muss es auch erst mal klappen. Siebte und Heldenleben gelingen, die Sinfonie Nr. 7 besser, das Heldenleben im Ganzen erstaunlich gut.

Mir gefällt schon, dass Karina Canellakis in der Sinfonie Nr. 7 die Exposition wiederholt. Diese Siebte ist energisch. Das klingt manchmal noch superkorrekt, bei Holzbläsern, bei Akzenten, da wird gerne überdeutlich die „1“ betont. Aber da ist Drama. Da ist Ernst. Tempo und Zugriff stimmen. Sie weiß am Anfang einer Steigerung genau, wo sie hin will und sie weiß genau, wann sie dort sein will. Ist das Dirigiervirtuosität? Wohl, aber immer wieder wackeln Einsätze, kaum hörbar, aber immerhin.

Das Scherzo absolviert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin messerscharf, ohne auf Witz zu verzichten. Im Trio klingen die Holzbläser spröde (hat sie es nicht so mit den Holzbläsern?), aber das Tutti tönt hier prächtig. Im mit Schneid musizierten Finale dürfen Accelerandi auch mal tollkühn klingen. Eine insgesamt sehr erfreuliche 7. Sinfonie ist das, frisch und rasant und hart und genau. Nur der zweite Satz erschließt sich nicht. Weitgehend vibratolos (nur bei Akzenten dürfen die Geiger ihre Finger vibrieren lassen), besteht der Satz aus aneinander gesetzten Phrasen. Da entwickelt sich nichts. 

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Wie merke ich mir, dass die Frau sich vorne mit K und hinten mit C und nicht vorne mit C und hinten mit K schreibt? Indem ich an Cannelloni denke?

Das Heldenleben von Strauss.

Hier wird Gott sei Dank mit Vibrato gespielt. Überraschung: Karina Canellakis hat auch Sinn für schöne Stellen. Und Sinn für Proportionen, für genaue Entfaltung. Der Gefährtin-Abschnitt – oft als zweite Themengruppe in einer gigantischen Sonatensatzform angesehen – klingt klar wie selten. Unbestechliche Linien ziehen, das kann die Frau mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Das Violinsolo, die Gefährtin des Helden darstellend, gebärdet sich wiederum so konzentriert und gewissenhaft, dass ein ganz neues Bild der sonst immer als launisch beschriebenen Pauline Strauss entsteht. Zweite Überraschung: So auf die zentrale Schlachtenszene – gerne als Durchführung interpretiert – bezogen hört man das Stück selten. Und so glänzend polyphon, hellhörig geschärft, stürmisch gespannt höre ich Des Helden Walstatt immer gerne.

Karina Canellakis dirigiert am liebsten in spannungsvoller Haltung, entweder die Beine breit aufgestellt und in den Knien geknickt – von Ferne an die O-Beine eines Cowboys erinnernd -, oder in Fechtposition ein Bein vorgerückt. Da steht eine energische, aber immer tänzelnd bewegte Person, flinke Armbewegungen inklusive.

Und wenn dann die blökenden Schafe aus Don Quixote (drollig: Bassklarinette) auf das Menschlicher-Geist-Thema aus Zarathustra (Hörner) treffen, ist es Zeit für die Coda dieses maßlos egomanen Tongedichts, in dem Strauss sich selbst nicht immer ganz ernst nimmt. Wobei dem himmlisch lange abebbenden Schluss dann doch die lebendig atmende Souveränität fehlt, die ein Mehta oder ein Dudamel diesem resignativen Abgesang geben.

Ein aufregendes, perspektivreiches Konzert, auch weil es den Mut hat, zwei äußerst bekannte Werke zur Diskussion zu stellen. Man darf gespannt sein, was da noch kommt. Nur um das Adagio in Beethovens Neunter (mit Carina Kanellakis, halt! Canelloni!, Karina Canellakis) an Silvester mache ich mir ernstlich Sorgen.


Weitere Kritik zu Canellakis/RSB: Ein sehr gutes Konzert! Aber… (Clemens Goldberg), Ohne Furcht (Ulrich Amling)