Mit Kratzer, aber ohne Venusberg kommt der Tannhäuser zurück nach Bayreuth.

Zuerst einige Worte zu Waleri Gergiew, der in der Ouvertüre einen tollen Job macht. Diese schwebt nämlich feingeschliffen und goldglänzend herein und tuckert zügig voran. So haucht Gergiew dem schwerfälligen erotischen Pathos Esprit, ja Grazie ein. Das Tutti tönt ritterlich-vollmundig und die Erotik löst sich in behaglichen Biedermeier-Schwung. Passt. Wagner-Daumen nach oben.

Aber der Clou kommt noch. Zur Ouvertüre sieht der Zuschauer ein Filmchen. Nun sorgen Videos in Opern in aller Regel für Frust. Heute Abend aber mischt die Musiktheater-Befilmung den ganzen Tannhäuser-Plot gehörig auf, zumal Ouvertürenmusik und Filmhandlung mit feinem Stich vernäht worden sind. Und damit zur Inszenierung.

Die Story, die Kratzer uns via Film erzählt, während die berühmten Triolensechzehntelgirlanden sich endlos reihen, ist aufregend. Da sind vier Sozialutopisten unterwegs, quasi ein Künstler- und Räuberquartett, bestehend aus der Chefin Venus im hautengen Glitzerfummel und den drei Kompagnons, als da wären: Tannhäuser als trauriger Clowns-Tropf, ein (stummer) Liliput-Oskar-Matzerath und eine (gleichfalls stumme) verrückte, in einer Tutu-Spitzenwolke schwebende Transgender-Type (Le Gateau Chocolat). Diese vier sind sozialrevolutionär gesinnt oder künstlerisch-anarchistisch gepolt, ihr Bus ist Liebeshöhle und antikapitalistische Utopie auf vier Rädern in einem. Frei im Wollen, Frei im Thun, Frei im Genießen. So lautet die Wagner’sche Kunst- und Lebens-Parole dieser schrägen Venus-Gang. Und wenn der Bus der Venusberg ist, wie mir allmählich dämmert, dann ist es nur konsequent, dass Tannhäuser von Venus, die über das unvermutete Liebes-Aus Frust schiebt, kurzerhand aus dem Bus gekickt wird.

Das passiert just unweit des Bayreuther Festspielhauses, wo gerade die Pilger als kunstbegierige Sühnebedürftige in Frack und Abendkleid zur Tannhäuser-Premiere wandeln, die landgräfliche Jagdgesellschaft aber als Festspiel-Mitarbeiter auftritt, inklusive Mitarbeiterkarte um den Hals. Und Tannhäuser? Der zeigt, ganz der Wagnerianer, auf eine Telefonbuch-dicke „Wagner“-Partitur und singt Ha, jetzt erkenne ich sie wieder, die schöne Welt, der ich entrückt!

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Selten wurde ein erster Tannhäuser-Akt mit so viel intelligentem Drive aufgeladen. Und: Endlich einmal kein ödes Rumgefummel im Bacchanal, auch weil die schlankere Dresdner Fassung gespielt wird. Kratzer will mehr als Triebverzicht.

Hält der zweite Akt, was der erste versprach? Nein. Pünktlich zur Hallenarie verlässt Tobias Kratzer sein Händchen für Verve und Witz. Zwei Welten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Hier die piefige Wartburg-Halle im besten Neu-Bayreuth-Stil mit Wartburg-Hängeleuchter und dem ganze Sängerkrieg-Schnickschnack (Bühne: Rainer Sellmaier), dort die Venus, die sich ihren Tannhäuser zurückholen will und deswegen zusammen mit Oskar und Monsieur Chocolat das Festspielhaus entert. Hochkultur gegen Subkultur. Natürlich ist diese Doppelperspektivik, wenn einer wie Kratzer so etwas anpackt, voller Hintersinn. Aber spätestens im Laufe des Sängerkriegs gibt es einen Punkt, wo die Luft aus dieser Versuchsanordnung doch einigermaßen draußen ist.

Leerlauf im zweiten Aufzug, Tristesse, die berührt, im dritten

Dabei hat Kratzer sein Pulver in Akt 2 noch nicht verschossen. Venus kapert mit ihrer Anarcho-Truppe ihren Tannhäuser. Elisabeth wendet sich daraufhin tief enttäuscht ab. Das berührt. Hier ist Kratzer Menschenschilderer und Geschichtenerzähler. Und noch einen Pfeil hat Kratzer im Köcher. Nach Rom! bedeutet für Tannhäuser „In den Knast!“ Denn Katharina Wagner höchstpersönlich ruft die Polizei, und die lässt in Bayern bekanntlich nicht lange auf sich warten. Schade nur, dass die subversive Venus-Gang inzwischen etwas angegilbt wirkt und ihr Anti-Establishment-Furor dem ganzen Wartburg-Mummenschanz mit Jungfrau-Schnürleibchen und fies strengen Sänger-Dressen in punkto Vorhersehbarkeit wenig nachsteht.

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Es enttäuscht freilich, dass Kratzer einiges von seinem Bremer Tannhäuser von 2011 für Bayreuth als Zweitverwertung aufwärmt. Das Motto Frei im Wollen, Frei im Thun, Frei im Genießen aus Wagners Schrift Die Revolution gab es in Bremen ebenso wie den Toten als kaltblütig einkalkulierten Kollateralschaden. Auch die Idee einer revolutionären Outsider-Gang stammt aus Bremen. So wird aus heißer Opernware im Handumdrehen lauwarmes Upcycling. Betonte Tobias Kratzer in einem Interview deswegen so eifrig, dass seine Interpretationsansätze vollkommen verschieden seien?

Es ist auch nicht so, dass Kratzer das Wagner-Rad neu erfindet. Die zahlreichen Referenzen an Bayreuther Regietaten lässt man halt über sich ergehen. Das Outsider-Milieu mitsamt liebevoll geschilderter Versiffung sieht doch verdächtig nach Castorf-Ring aus. Und der heimelige Aussteiger-Bus erinnert etwas zu stark an Mimes Vollmetall-Wohni aus Siegfried. Ja, und endlich, endlich hat auch Bayreuth seine Diversity-Inszenierung. Wow. Und wer weiß, vielleicht sind die Pausen-Ausflüge des künstlerischen Personals in den Bayreuther Park vor allem dem Schielen nach Instagram- und Twitter-Posts geschuldet.

Elisabeth: der Coup der Regie

Der dritte Akt verbessert, was im zweiten misslingt. Wieder findet Kratzer neue Erzählwege. Der Bus ist schrottreif. Die Utopien sind ausgeträumt. Elisabeth gesellt sich zu Oskar, der Brei aus seiner Trommel mampft. Frei im Thun ist hier niemand mehr. Vor inneren Schmerzen gekrümmt, singt Elisabeth ihre Arie. Und zum berückenden Ges-Dur des Holzbläser-Septetts schnappt sie sich Wolfram und vernascht ihn, der in einem fast grotesken Akt der Selbsterkenntnis ins Clownskostüm gestiegen ist. Trister wurde diese Szene noch nie gezeigt. Gleiches gilt für Wolframs postkoital trostloses Wie Todesahnung. Tannhäuser ist jetzt Tippelbruder inklusive Parka-Kluft und fettiger Strähne. Die Romerzählung schließlich entfaltet sich unter der ominös glitzernden Werbetafel von Le Gateau chocolat. So lautlos geht Kunst in Kommerz, Freiheit in Konsum über. Und das Verbrennen einer Wagnerpartitur öffnet Tannhäuser den Weg in den Venusberg.

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Elisabeth ist die Frau, die nie den Mann bekommt, den sie haben will. Verbissen kämpft sie um ihr Glück, und in ihrer sauertöpfischen Resilenz wird sie zur zentralen Gestalt. Das ist ein Coup der Regie. Sie ritzt sich die Arme, stirbt blutüberströmt, nicht als Heilige, sondern als bittertief Enttäuschte.

Wo steckt der echte, der einzige Wagner?

So ist das nun einmal im Leben. Sex gibt’s nur als Quickie, die Liebe verdorrt, die Kunst stirbt. Und wo steckt nun der echte, der einzige Wagner? Diese Frage lässt Kratzer wohlweislich offen. Dafür macht Kratzer das, was man so oft bei Tannhäuser vermisst: den ganzen Plunder rausschmeißen, das schwüle Sexual-Gedöns, die sanfte Dulderin Elisabeth, die Venusberg-Peinlichkeiten. Stattdessen erzählt Kratzer von den Personen. Da wirkt manche Erzähllinie etwas aufgesetzt. Doch Hand aufs Herz. Man sieht im Bayreuther Festspielhaus eine der interessantesten Wagner-Inszenierungen der letzten Jahre. 

Und die Sängerinnen und Sänger? Verleihen Wagners demokratisch bestuhlter Festspielbude einen vokalen Glanz, wie er in den vergangenen Jahren nicht oft zu hören war.

Das liegt vor allem an Lise Davidsen. Sie singt die Elisabeth grandios. Man muss es so sagen. Frau Davidsens Stimme besitzt durch alle Register hindurch ein gutes, festes, metallisches, dunkelglänzendes Material. Ihre Stimme hat auch die Farbe für tiefe Emotionen. Überzeugend als Elisabeth der Mix aus Jugendlichem (in Dich teure Halle) und Herberem, Reiferem. Lise Davidsen ist glaubwürdig in der Trauer und sie spielt mit Geschick: huldvoll lächelnd im 2. Akt, schmerzerfüllt im 3. Aus den außerordentlich gelungenen Stellen greife ich wenige heraus. Für die Hallenarie hat sie Tempo und Feuer. Großartig Der Unglücksel’ge, den gefangen, dargeboten voller Empfindung, voller Ernst. Skulptural phrasiert erschallt Allmächtige Jungfrau im 3. Akt. In der Autorität des Ausdrucks, der Spannung des Vortrags, der bombenfesten vokalen Souveränität (abzüglich wie gesagt einiger Spitzennoten) und einer eigentümlichen, monumentalen Kantabilität ist ihre Elisabeth, wenigstens an diesem Abend, wohl einzigartig. Wollte man ein Manko finden, so ließen sich der leicht säuerliche Ton mit Vibrato bei langgezogenen Tönen und die Verhärtung der Spitzen anführen.

Schön: Davidsen, Eiche. Mit Mängeln: Gould, Milling

Gegen ein solches Debüt hat es Elena Zhidkova als Venus schwer, zumal sie kurzfristig einspringt. Aber Zhidkova spielt famos, verleiht der Liebesgöttin eine gutturale Note, einen aggressiv vibrierenden Drive. Ihr gefährlich erotisches Timbre ist rollendeckend. Auffallen tun aber auch eine angestrengte Höhe und eine nicht ganz makellose Trefferquote bei den Spitzentönen. Im dritten Akt klingt sie für mich am Radio kurzzeitig überfordert. Die Stimme löst nicht ganz ein, was ihre Ausstrahlung verspricht.

Stephen Gould schlägt sich hochachtbar. Immer noch ein Hüne von einem Mann und im Gegensatz zu anderen Heldentenören ein engagierter Darsteller, steht er auch im gelb-roten Clowns-Kostüm seinen Mann. Ein machtvolles Allmächt’ger dir sei Preis, knackige Erbarm dich mein-Rufe und eine packend gespielte und gesungene Romerzählung stehen auf der Habenseite. Rein vokal läuft es allerdings nicht ganz rund. Vielleicht sind die goldenen Gould-Jahre auch vorbei. Im Sängerstreit agiert Gould schwächer, ist aber um dynamische Stufung bemüht. Groß ist der Amerikaner aber im Finale des 2. Aktes. Nichts für Feinschmecker ist Goulds aufgequollenes Deutsch. Bisweilen hört man wuchtiges Silbenhacken, so im Duett im 2. Akt. Die fehlende Kraft bei Stellen wie Im Genuss nur ke-he-he-he-henn ich Liebe mag der Hitze geschuldet sein. Die Interpretation bleibt bei allem Bemühen um Ausdruck durchaus im Rahmen des heldentenoral Üblichen.

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Ähnliches missfällt auch bei dem ansonsten imposanten und souveränen Stephen Milling als Landgrafen Hermann. Milling steuert die Ausdruckshöhepunkte an wie das fleißige Bienlein den Honig. Von Legato spürest du keinen Hauch. Das Gesangsporträt wirkt Opa-haft betulich. Richtiggehend schlecht schallt Versammelt sind aus meinen Landen, aber auch hier mag die Hitze schuld sein. Weder Gould noch Milling erreichen annähernd die Leistung von Davidsen.

Das Dirigat: teilweise beglückend, teilweise viel Talmi

Gefallen hat mir Bariton Markus Eiche als tenoral timbrierter Wolfram, der als Langweiler mit millimetergenau gegeltem Seitenscheitel bei Elisabeth keinen Stich macht. Eiche singt hell, geradeheraus, bestens textverständlich, also vokalecht und konsonantentreu, und führt dabei nobel männliches Timbre ins Feld. Aufmerksam, hochbewusst, was die Linienführung angeht, und doch inwendig gelingt das Lied vom Abendstern.

Ähnlich der Stimmcharakter von Tenor Daniel Behle, der einen hörenswerten Walther abgibt – die Dresdner Fassung umfasst Walthers schönes Den Bronnen, den uns Wolfram nannte. Auch Kay Stiefermann (Biterolf) und Jorge Rodríguez-Norton (Heinrich) gereichen dem Bayreuther Haus zur Ehre. Der junge Hirte wird erfrischend von Katharina Konradi gesungen. Als fesche Radlerin singt sie den von Venus vorm Festspielhaus entsorgten Tannhäuser an, als wäre er Jesus und Brad Pitt in einem.

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Hält Waleri Gergiew, dem gerne stures Startum nachgesagt wird, was der Beginn versprach? Teilweise. Es blüht der Geigenplüsch recht unverhohlen, die schönen Linien verdrängen die dramatische Kraft. Das klingt wie Thielemann light, hat aber auch besonderen Reiz. Jaja, kapellmeisterliche Schwächen lassen sich ausmachen. Kritik fällt leicht. Aber gemach. Es handelt sich um ein Bayreuth-Debüt. Und mangelnder Bayreuth-Erfahrung ist vermutlich die Tatsache geschuldet, dass stellenweise – erster und zweiter Akt – das Orchester sich in den versenkten Graben zu verkrümeln scheint. Doch dann wieder wunderbare Lichtblicke. Herrlich frisch, überfallartig drängend das Vorspiel zum dritten Akt. Gergiew staffelt die Streicherstimmen, lässt die Melodien tentakelhaft wachsen. Da ist zwar noch nicht alles zusammengewachsen, was zusammengehört, doch es muss ja nicht immer der heilige Kirill oder Christian, der Gralshüter vom Dienst, sein. Gergiew, die Sphinx? Dass der Dirigent, wie kolportiert wird, zwei Mal zu spät zur Probe kommt, ist aber doch schlechter Stil.

Der pilgernde Chor der Bayreuther Festspiele wird bestens geführt von dem mit stiller Souveränität arbeitenden Eberhard Friedrich, grad so, wie es eigentlich Jahr für Jahr in Bayreuth passiert.

Lustig der eifrige Buhrufer gleich nach dem letzten Akkord, der sich somit in den Mitschnitten verewigt hat und über den noch mancher Wagnerianer belustigt den Kopf schütteln wird. Ansonsten viele Bravi. Aber so was macht ja eher immer skeptisch.

Gehört per Livestream auf BR Klassik.

Fotos: BR Klassik / Enrico Narwath


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