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Draußen, auf der sommerlich luftigen Spree-Terrasse des Radialsystems, wird jeder zum Neue-Musik-Bekehrten. Drinnen, vor abgedunkelter Sitzwürfel-Landschaft, thronen im Schummerlicht drei Musik-Ensembles. Vier Podien machen den Saal zur Hör-Landschaft. Fünf der zehn Stücke sind Uraufführungen. In einer dunklen Ecke tummeln sich die Soundingenieure mit ihrem Equipment. Was ist da los?

Das umtriebige Ensemble Adapter lädt zur ersten von zwei Veranstaltungen, die sich Globaladapter nennen. Gekommen sind heuer die Neue-Musik-Formationen Dal Niente (Chicago) und Distractfold (Manchester). So macht Globalisierung Spaß. 

Es ist eine schöne Geste, Konzerte neuester Musik mit Schöpfungen verdienter Altmeister beginnen zu lassen. Heute macht Cage-Schüler JO KONDO den Anfang mit dem mehrdeutig fließenden An Insular Style (Uraufführung 1980) für Flöte, Klarinette, Harfe und Schlagzeug, gespielt vom Ensemble Adapter. Das Licht dimmt hoch, Schuhsohlen knirschen, gedämpftes Klacken von Instrumenten, das britische Ensemble Distractfold steht bereit. Es wird wieder dunkel. Schon beginnt SAM SALEMs Not one can pass away (2015). Eine Musikerin bedient einen Geigenbogen, ein Musiker ein Steuerelement. Über Knarztexturen legen sich statisch gesungene Textzeilen, weit unten sorgt ein tieffrequenziges Wummern für den entspannten Grundpuls. Fazit: interessant, aber nicht wirklich neu.

Fesselnder ist 737-800 von 2017 der US-Amerikanerin JESSIE MARINO. Hier zeigen zwei nebeneinander sitzende Musiker – sie im Kampfpilotinnenanzug, er im gediegenen Schlabberlook – ein stummes Theater verknappter Gesten. Die Akteure stammen vom Ensemble Dal Niente. Der Clou: Ein begrenztes Repertoire an banalen Gesten wird vollkommen simultan ausgeführt. Die „Choreographie“ der Gesten verfeinert sich zu einer genau abgestimmten „Polyphonie“. Sehenswert ist Rot Blau derselben Künstlerin. Ich könnte das olle Ding zehn Mal hintereinander ansehen.

Weiter geht es mit den vier Damen von Distractfold, die sich für Dust Devil von HANNA HARTMAN (2017) ins Zeug legen. Das Stück macht optisch vielleicht mehr her, als akustisch dabei herauskommt. Eindrucksvoll wirken die zwei Performerinnen, die stoisch wie Schicksalsgöttinnen Granulat (?) aus Behältern auf elektronisch verstärkte Platten rieseln lassen. Die so entstehenden Karstlandschaften monotoner Geräusche generieren Unwohlsein, freundlicher tönt das Mikrofon-verstärkte Reiben von Kunststoffarmlingen.

Es naht die erste Uraufführung des Abends. Das Stück heißt When there is nothing left but the presept, when there is nothing left but a body, der verantwortliche Musikschaffende ALEJANDRO ACIERTO. Das Ensemble Dal Niente ist u.a. mit Oboe und Kontrabassklarinette bewaffnet. Jeder Ton wird gepresst und geknetet, schnell entsteht der Eindruck flirrender Hitze. Das hat Dichte und feinschraffierte Präsenz. Die Harfe meldet sich mit Tönen im Diskant. Der Komponist sitzt an der Klarinette. Gefällt mir gut. Weniger gut gefällt mir NATACHA DIELS‘ detailverliebtes, poetisches Sad Music f:-)r Lonely People (2018) für Harfe, Schlagzeug und Sampler, dem sich erneut die Adapter-Ensemblisten widmen.

Dann ist Pause. Raus auf die Terrasse. Die Abendluft weht, die Dämmerung kommt.

Achtung, drei Uraufführungen! Alles wird dunkel, und dann öffnet Scil Tenaph II von LEE FRASER reinelektronische Welten, alles kommt vom Band. Sich wiederholende Laute überlagern sich motivartig nach komplizierten Mustern. Aber so richtig geht die Post nicht ab.

Damit sind wir beim großen Finale. Drei Stücke, drei Ensembles auf drei Podien im Simultaneinsatz.

Zuerst das abwechslungsreiche Connectome von GEORGE LEWIS. Hier entscheiden die drei Ensembles scheinbar spontan, wie das Stück weitergeht. Aber wie? Indem sie Tafeln mit Spielanweisungen in die Höhe halten, deren Einsatz zuvor innerhalb des Ensembles lebhaft diskutiert wurde. Bei so viel Basisdemokratie fällt das klangliche Ergebnis doch etwas beliebig aus. Man merkt, es kommt auf das Konzept an, die präzise Realisierung zweitrangig.

Das ist auch bei Everything Touches Everything von JENNA LYLE so. Das faszinierende Stück besteht aus rund zwanzig Kurzsätzen. Zuerst musizieren die Musiker in vier Duos. Dann werden Trios gebildet, dann Quartette, dann Septette. Schließlich spielt ein zu einer einzigen Traube verdichtetes Musikerkollektiv. Aber es kommt darauf an, wie gespielt wird. Bei den Duos etwa obliegt die Tonproduktion dem Spieler, die Tonhöhe dem Duo-Partner. Wie das geht? Bläst der Klarinettist sein eigenes Instrument, so ist sein Duo-Partner, etwa eine Geigerin, für das Niederdrücken der Klappen zuständig. Zeitgleich greift der Klarinettist die Töne auf dem Griffbrett der Geige. Das ist lustig, aber die Schärfe der musikalischen Struktur leidet doch etwas – und auch die Komplexität: Das Material bleibt identisch, kurze, wellenförmige Motive.

Bevor der vielschichtige Abend zu Ende geht, bietet Star Me Kitten (2015, die heutige Aufführung ist die Uraufführung der 2019er-Version) von ALEXANDER SCHUBERT neobarock grelles Musiktheater. Die Konzertperformance hat die Form einer außer Kontrolle geratenen Powerpointpräsentation. Superkurze, leitmotivartig eingesetzte Versatzstücke werden wild zusammengeklebt, die Musik findet so immer wieder zu soghafter Dichte. Zum aktiven Mitspieler werden hypertroph beschleunigte PC-Animationen. Das Resultat gerät vielleicht eine Nummer zu großspurig, allerdings holt Star Me Kitten mit Vehemenz digitale Welten in den Konzertsaal. 

Ein zweites Globaladapter-Konzert findet am 1. 9. statt, dann mit dem erneut einladenden Ensemble Adapter sowie den Gast-Formationen Offspring (Sydney) und der US-Truppe International Contemporary Ensemble. Dann mit Werken u.a. von Rebecca Saunders, Natasha Anderson und Sarah Nemtsov.

Interessant ist die Beobachtung, dass jedes Stück ähnlich viel Applaus bekommt. Interessant ist auch, wie präsent die Harfe in der Zeitgenössischen Musikproduktion ist.

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Distractfold: stoisch wie Schicksalsgöttinnen

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Ensemble Dal Niente mit der Uraufführung von Alejandro Acierto

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Knarzgeräusche im Dämmerlicht: die Pulte des Ensembles Adapter

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So klingt Manchester: Distractfold iim Schummerlicht