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Ade, Berliner Opernsaison! Die Berliner Opernhäuser verabschieden sich ins Sommerloch. Nur die Universität der Künste Berlin legt jetzt erst richtig los. Sie zeigt Angels in America von Peter Eötvös, und das dann gleich in einer Berliner Erstaufführung. Das Schwulen- und Aids-Drama nach Tony Kushners gleichnamigem, düster-fantastischem Theaterstück ist feines, mitreißendes Musiktheater – Uraufführung war 2004.

Schauplatz ist das New York der schrillen 80er. Die Hauptpersonen: der an Aids erkrankte Schwule Prior, sein jüdischer Freund Louis und der Mormone Joe, ein schwuler, unglücklich verheirateter Anwaltsgehilfe. Ferner mischen mit: die abgezockte Anwaltstype Roy Cohn, sodann ein zwielichtiger Engel, der eine Halluzination Priors ist, und Joes übel tablettenabhängige Frau Harper.

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Locker reiht die Handlung Bild an Bild, der Haupterzählstrang konzentriert sich auf den Aids-kranken Prior (Benjamin Popson im suggestiven Schlabberlook, kräftiger, warmer Bariton), der sich nicht nur mit einem reichlich blasierten Engel herumschlagen muss (Xenia Cumento, feuerrote Vamp-Mähne, feiner Koloratursopran), sondern auch noch mitansehen muss, wie ihn der attraktiv jugendliche Louis (Alexander Fedorov, tough-verletzliche Ausstrahlung, knackiger Tenor) verlässt, während auf dem Krankenbett um sein Leben kämpft. Dafür kümmert sich Krankenpfleger Belize (Eduardo Rojas, köstlich tuntenhaft in Glitzerhöschen und gigantischen Plateau-Arztschuhen, mehrfach Szenenapplaus) mit Witz und Charme um ihn.

Ein anderer Strang führt zum abgebrühten Anwalt Roy (Schmalztolle, schmierig gespielt und drangvoll gesungen von Daniel Nicholson), der seinen Angestellten Joe (verklemmter Mittelschicht-Spießer im Pullunder: Benjamin de Wilde, berührend gespielt der lange Kampf um sein Coming Out) zu illegalen Machenschaften anspornt, was dieser aber verweigert. Plötzlich wird klar: Auch Anwalt Roy hat Aids, ist schwul. Und auch Roy hat Visionen: Ihm erscheint die geheimnisvolle Ethel Rosenberg (Devi Suriani), die er einst auf den elektrischen Stuhl brachte. Die formidable Suriani spielt übrigens auch Joes Frau Harper, die sich mit Valium vollstopft wie andere mit Chio Chips. Harpers einziger Trost stellt der halluzinierte Besuch durch den Revue-haft aufgetakelten Mr. Lies dar (ebenfalls E. Rojas mit elastischem Counter-Tenor, Kostüme: Sophie Peters), der ihr die Flucht aus dem trostlosen Alltag verspricht. Treffend gelungen auch weitere Nebenrollen: Verena Tönjes (sommerwarmer Mezzo) verkörpert Joes giftig biedere Mutter Hannah Pitt und den abgedrehten Rabbi Chemelwitz.

Spannungsvoll überlagern sich die vielfältigen Realitäten. Im Wahn gibt es Glamour und Glitzer, im Hier und Jetzt nur miese Realität. Das berührt auch heute noch, transportiert glaubwürdige Schicksale, überzeugt durch unmittelbare dramatische Kraft.

Im Handumdrehen entsteht so ein Panoptikum der 80er, tieftragisch und hochkomisch, serviert mit leichter Hand vom Regieteam um Isabel Hindersin. Die lässt eine Drehbühne rotieren, worauf sich ein treppenartiger Aufbau erhebt, der direkt in den Himmel – oder den Tod – zu führen scheint (Bühne: Iris Christidi). Die Bühne wird wohltuend sparsam möbliert, klug die gesamte Bühnenbreite genutzt. 

Für diese triste, witzige Geschichte hat Eötvös eine schwebende, diskret und präzis im Hintergrund agierende Musik geschrieben, die sich zumeist jeglichen emotionalen Kommentars enthält, die Handlung aber umso effektiver atmosphärisch begleitet und fast kühl wirken kann – was aber angesichts der tragischen Schicksale die richtige Strategie ist. Am Pult des kleinen, aber feinen Symphonieorchesters der Universität der Künste Berlin steuert Christian Schumann die Chose mit viel Gefühl sicher nach Hause. Dabei werden die Stimmen der Gesangssolisten Echo-haft faszinierend umschwebt von weiteren Stimmen aus dem Off (vor der Pause Aurora Marthens, Kateryna Chekhova, Johannes BlankPablo Helmbold; nach der Pause Marlene Metzger, Kamila Maria de Pasquale, Stanislav Prunskij).

Der Komponist ist anwesend und wird gefeiert. Viel Applaus.

Im Konzertsaal an der Charlottenburger Fasanenstraße laufen bis Sonntag noch drei Vorstellungen. Ist nicht teuer, erweitert den Horizont.

Foto: Daniel Nartschick


Weitere Kritik/Besprechung von Peter Eötvös‘ Angels in America: Später Höhepunkt der Berliner Opernsaison (Peter Pachl)

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