Nicht alles klappt beim Premierenabend an der Deutschen Oper Berlin. Dabei sah es vorher so gut aus. Endlich einmal wieder Massenet, endlich einmal nicht Werther oder Manon, sondern die comédie héroïque Don Quichotte, ein subtiles, einschmeichelnd sangliches Spätwerk. Und es gibt sogar eine französische Sängerin! Und einen französischen Dirigenten (wenn auch keinen original frankophonen Protagonisten)!

Doch die französische Opern-Explosion bleibt aus.

Das liegt vor allem an der hasenfüßigen Inszenierung von Jakop Ahlbom. Sie kitzelt aus der heroischen Komödie vor allem die Komödie heraus. Gewiss sieht der Zuschauer pfiffige Bühnenerfindungen, elegante Szenenwechsel und dekorative Bilder. Gewiss auch erzählt Ahlbom die elegant-altmodische Geschichte um den Ritter bildstark und intelligent verspielt. Aber sieht so eindringliches Inszenieren aus?

Dabei macht Ahlbom zu Beginn einiges richtig. Die Titelfigur ist kein klappriger Alter, sondern ein schmuckes Mannsbild mit strammen Waden, sein Knappe Sancho kein tölpelhaftes Dickerchen, sondern ein schlanker, wortgewandter Hüne, der Quichottes Pferd Rosinante auch gleich mitspielen darf.

Ahlbom verlegt die Handlung in ein ungemütliches Waldhotel, das halb Ausflugslokal, halb Après-Ski-Hütte zu sein scheint: vorne seitlich Tischchen, dazwischen wird fidel das Tanzbein geschwungen, hinten eine Abfülltheke, zur Seite geht der Blick in waldige Höhen. Ganz hinten ein Schuhkarton-artiger Gang, der in ein unbehagliches Nirgendwo zu führen scheint (Bühne Katrin Bombe). Das funktioniert soweit ganz gut. 

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Eine Regie, die auf sich hält, hätte aber Handlungsfäden herausarbeiten, Figuren verdichten, das Drama verdeutlichen müssen. Ahlboms Ziel aber lautet, eine sentimentale Geschichte möglichst bildschön zu erzählen. Schade, dass er dabei zu erklären vergisst, was es mit diesem realitätsfernen Träumer von La Mancha auf sich hat. Dabei böte Cervantes‘ Geschichte genug Aktualität, um eine ganze Theaterwelt aus den Angeln zu heben. Ist die Welt, die von einer himmelstürmenden Vorstellungskraft erschaffen wird, besser als die Welt, in der wir abgestumpfte Dumpfbacken leben? Woran scheitern Idealisten heutzutage? Ist Herzensgüte Voraussetzung, um der öden Welt hienieden Visionen entgegenzusetzen?

Die Musik in Don Quichotte: graziös, parlandoleicht

So liefert Ahlbom ansprechend und nett verpackte Inszenierungsware, aber nicht mehr. Im dritten Akt krabbeln die Banditen als giftgrün schillernde Käferchen auf die Bühne. Das ist spektakulär, aber auch ziemlich easy watching. Der Chor als pastellgrelle Amüsiertruppe mit Partyhütchen wirkt auf Dauer ermüdend. So lässt sich Ahlboms Inszenierung irgendwo zwischen dem witzigen David Alden und dem milden Surrealismus einer Katharina Thalbach verorten. Das ist für sich schon OK, aber zu wenig, um eine eigenständige Regie-Duftmarke zu setzen. 

Die Musik: graziös, parlandoleicht, vermischt mit melancholischer Wehmut und ein paar Spritzern España. Massenets Oper ist noch der alten Tante Grand Opéra verpflichtet, zeigt sich aber schon durchdrungen vom Flair der Moderne. So gehört, ist Massenets Musik gar nicht weit weg von Ravels flirrend leichter Spanischer Stunde.

Die Sänger sind gut, nicht mehr, nicht weniger.

Wie aufregend: Der Don Quichotte von Alex Esposito ist ein drahtiger Beau in knapp sitzendem Höschen und silbernen Disco-Stiefeletten (Kostüme: Katrin Wolfermann). Sängerisch und darstellerisch agiert Esposito selbstbewusst und sehr präsent. Schön tönt der markante Bassbariton, etwas störend nur das hartnäckige Vibrato, das einem feinen französischen Legato abträglich ist. Im Gebet vor den Banditen wünschte man mehr noble Phrasierung, mehr üppiges Gesangsmelos.

Clémentine Margaine als gurrende Kurtisane Dulcinée

Als Sancho Pansa gibt Seth Carico einen vitalen, kraftvollen, darstellerisch wohltuend präsenten Knappen, der kopfschüttelnd mitverfolgt, in welche Tollheiten sich sein Meister verrennt, seinem Herrn aber über dessen Tod hinaus die Treue wahrt. Auch bei Carico dominiert der vitale Kraftton den idiomatischen Vortrag.

Ein Augenschmaus ist Clémentine Margaine als gurrende Vollblut-Kurtisane. Mit ihrer Carmen-Stimme gelingt ihr ein selbstbewusstes Porträt der Dulcinée. Ihr voller Mezzo strahlt souveräne Wärme, Stolz und viel weibliche Persönlichkeit aus. Die aparten Registerunterschiede wirken durchaus rollenschärfend. Da bedauert man, dass sie nur in zwei von fünf Akten ihr weibliches Unwesen treibt. Ohne weiteres macht Clémentine Margaine die Wendung von der koketten Lebedame zur von Mitleid mit dem idealistischen Ritter erfüllten Frau glaubhaft.

Die Comprimarii umschwirren als gegelte Señors mit Clark-Gable-Schnurrbart die angebetete Dulcinée. Es singen James Kryshak (Rodriguez) und Samuel Dale Johnson (Juan) sowie in Sopran-Hosenrollen Alexandra Hutton (Pedro) und Cornelia Kim (Garcias). Immer bereit, seine Kraft und Fülle auszuspielen, singt der Chor der Deutschen Oper gewohnt verlässlich.

Emmanuel Villaume am Pult entfaltet mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin Wohlklang und Delikatesse und findet den Ton für die pastellenen Farben wie für (den pastoralen Holzbläser-Reiz der Partitur. Da macht das Zuhören Spaß und man bedauert umso mehr, dass der vielschichtige Jules Massenet so schmählich unterrepräsentiert an den Berliner Musiktheaterbühnen ist – die Komische Oper hatte immerhin bis letzten Winter die Märchenoper Cendrillon auf dem Spielplan.

Viel Jubel, aber auch einige Buhs.

Foto: Thomas Turin


Weitere Kritiken und Berichte zur Massenet-Premiere an der Deutschen Oper: Zahnlos (Hundert11), Gewisse Harmlosigkeit (Kais Luehrs-Kaiser), Der Einstieg ist verheißungsvoll (Udo Badelt). Kritik auf DLF: Vertane Chance (Julia Spinola, Audiodatei)