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Die Idee scheint bezwingend: eine Hotel-Oper, die an der Ostsee spielt, gefüllt mit Berliner Sommergästen. Usedom, wie es im Kaiserreich liebte und lebte. Beim Hotel ist der finanzielle Lack ab, die Gesellschaft amüsiert sich trotzdem. Und mittendrin eine rätselhafte Frauengestalt. Und das alles nach einer Idee von Fontane.

Warum weckt die neue Oper Oceane von Detlev Glanert dennoch nur Respekt, aber wenig Begeisterung?

In Oceane gibt es ein Libretto ohne Blut und ohne Drama, gibt es vor allem eine Hauptfigur von der emotionalen Blässe einer Zehnjährigen. Das Textbuch stammt von Hans-Ulrich Treichel. Als Grundlage dient ein Textfragment des späten Fontane – so hochliterarisch sind Vater- und Mutterschaft. Das Werk heißt im Untertitel kalkuliert pittoresk Ein Sommerstück. Und doch durchweht Oceane ein Hauch Operette. Eine Polka hier, ein wenig feminine Exotik da, ein Koloratur-Mädl dort. Passt. 

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Passt?

Wenn nur die Titelheldin so hinreißend interessant wäre, wie sie hinreißend schön ist. Oceane ist ein Fräulein von zartbittrer, leider etwas blutleerer Tragik. Als Zwitterwesen zwischen Meer und Mensch ist sie nicht gemacht für soziale wie intime Kontakte. Was für eine Novelle angeht, ist für eine Oper schlecht. Wenn Maria Bengtsson an der Deutschen Oper dieses einsame Geschöpf singt, so hört man einen Sopran mit federleicht leuchtender Höhe und poetischem Flair. Doch auch Bengtsson haucht der Frau aus dem Meer nicht mehr als ein Flämmchen Seele ein.

Knall auf fall verliebt sich der junge, blässliche Dircksen in Oceane. Den singt Nikolai Schukoff hingebungsvoll. Schukoff fühlt sich in der hoch gelegenen Tessitura der Partie erstaunlich wohl, entzündet aber wenig Kraft und Wärme. Mir scheint die Tenorpartie allerdings die unergiebigste der gesamten Oper. Ich kann nach erstem Hören nicht recht unterscheiden, ob den Liebesszenen das Feuer fehlt, weil hier keine lodernden, sondern vornehm zurückhaltende Stimmen agieren oder weil Wort und Musik einfach nicht mehr hergeben.

Neben das „hohe“ Paar tritt das „niedere“ – in Oceane greift ein Opernkonventionsrädchen ins andere. Der sympathisch biedere Felgentreu und die lebenslustige Kristina finden sich in der lockeren Seebad-Atmosphäre. Christoph Pohl gefällt als Felgentreu mit strammem, vollem, gut konzentriertem Bariton. Nicole Haslett singt die kokette Kristina mit sprudelnder Sopransüße und Verve. Ich freue mich jedes Mal, wenn die beiden auftreten. Als strammkonservativer Pastor opponiert Albert Pesendorfer (herrisches Volumen, markant artikulierend, etwas bleich) von Beginn an gegen das Fremde in Oceane. Eine überzeugende Figur ist auch die sentimental rückwärts blickende und gleichwohl tapfer-patente Hotelière Louise. Doris Soffel leiht ihr die Stimme, und jeder ihrer Ausflüge in die kratzig gewordene Mezzo-Höhe entzückt mich. Als Hotelangestellter Georg bedient Stephen Bronk (vitaler Bassbariton) das Klischee vom kauzigen Original. Zwischenfazit: Die Nebenfiguren faszinieren, die Hauptpersonen bleiben blass.

Detlev Glanerts Partitur wandelt auf dem scharfen Grat zwischen honoriger Meisterschaft und gediegener Leere, und nicht immer gelingt die Gratwanderung. Unmittelbar einleuchtend, aber auch einen Tick zu simpel scheinen die Einfälle, etwa wenn Oceanes Gesang sich in der vierten Szene kontrapunktisch über den klobigen Choralbruchstücken des Pastors erhebt. Auch das Sich Erheben und Versinken der Musik zu Beginn und Ende der Oper mutet seltsam altmeisterlich an. Glanerts neueste Oper schnurrt mitsamt Windmaschine erstaunlich selbstsicher ab. Komisch. Den Chor der Deutschen Oper habe ich hörend so gut wie gar nicht wahrgenommen.

Robert Carsen macht aus dem Sommer- ein bleigraues Spätsommerstück. Die Inszenierung gerät sicher, fast virtuos, sehr klar, sehr sauber. Sie stellt nicht viele Fragen. Und ist letztendlich vorhersehbar wie die Oper selbst. Die Bühne (Luis F. Carvalho) prangt in pittoreskem Grau, ebenso der trist einheitskostümierte Chor (Dorothea Katzer). Und im Hintergrund wabert geheimnisvoll die Ostsee. Die Personenführung bleibt konventionell.

Donald Runnicles, als Schotte nah dran am Thema Wasser, leitet souverän und mit Übersicht, zupackend und mit Gefühl fürs Loslassen.

Ein zwiespältiger Abend, von dem die Kritik doch sehr wohlwollend berichtete. Irgendwie fehlt das Herzblut in dieser spätsommerlich melancholischen Fontane-Oper. Ein ganz großer Wurf ist das nicht.

Foto: Bernd Uhlig


Kritiken und Berichte zur Uraufführung an der Deutschen Oper: Liebesverwunderlich (Hundert11), Wenn das Meer im Menschen singt (Jan Brachmann), Das Elementarwesen lässt kaum Wünsche offen (Peter Uehling), Fontanes letzte Oper (Niklaus Halblützel)

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