Ich bin vor allem wegen Crebassa und Mironow noch einmal im Barbiere di Siviglia, wo an diesem unauffälligen Mittwoch ein auffällig kluges und spielfreudiges Ensemble auf der Bühne steht. Ruth Berghaus‘ menschenfreundliche Rossini-Vergegenwärtigung an der Staatsoper Unter den Linden kann ich mir sowieso immer wieder ansehen.

Ausgerechnet die Titelrolle wird kurzfristig neubesetzt, und so ist jetzt der junge Björn Bürger, bis letztes Jahr im Frankfurter Ensemble verortet, als Figaro zu hören – erfreulich plapperarienfix und mit energischer Bariton-Präsenz. Bürger interpretiert den Figaro eher als rationalen, wenn auch liebenswerten Arrangeur von Intrigen, weniger als lustig trällernden Spaßmacher. Auch seine mehr deutsch-geradlinige als italienisch-üppige Stimme weist in diese Richtung. Viel Applaus.

Eigentlicher Dreh- und Angelpunkt aber ist die so sinnliche wie herzensgute und kluge Rosina von Marianne Crebassa. Sie glänzt – wie eigentlich alle – mit spritziger Spiellaune. Crebassas Mezzo tönt kühl und funkelt schlank. Aufregend bei Crebassa: hier die Koketterie, dort ein Klang und Ausdruck von apart französischer Kühle. Kein Wunder, dass Crebassa eine faszinierend authentische Interpretation gelingt. Temperamentvoll ihr Una voce poco fa, wenn auch nicht ohne stimmliche Belastung in den Spitzen gesungen. Könnte ich mir auch noch mal anhören.

Bekanntermaßen ist diese Rosina seit nun 203 Jahren frisch verliebt, und zwar in den Grafen Almaviva, der seine Liebste inkognito umgarnt. Dem Grafen leiht heute der gertenschlanke Maxim Mironow seine feine Stimme. Mironow ist ein kluger Vokalist, ein tenore di grazia, wie er im Buche steht, nicht sehr farbreich, dafür mit zartem, flexiblem Tenorschmelz, zudem von eleganter Stimmführung, freilich ohne rechte Kraft in den Ensembles. Ich finde ihn sehr hörenswert. So wird auch die Musikstunde des 2. Akts zum Erfolg, wo die zwei fingerflink flirtenden jungen Leute dem dösenden Bruno de Simone eine Nase drehen.

Lässig beweist da die Berghaus-Inszenierung von 1968 ihre Meisterschaft, auch und gerade in der x-ten Repertoirevorstellung. Auf Achim Freyers federleichter Bühne entfaltet sich die geniale Aufgeräumtheit von Rossinis Musik bestens. Ein Augenschmaus ist nach wie vor das Feuerwerk aus virtuos und leitmotivisch verknappten Gesten.

Barbiere di Siviglia Staatsoper unter den Linden Crebassa Salemkour

Den alles andere als bösartigen, nur eben standesbewussten Alten verkörpert Bruno de Simone, seines Zeichens 62 Lenze jung. Sein Bartolo auf Freiersfüßen hat nicht mehr den sonor-fülligen Ton früherer Tage, vermag aber immer noch kraftvoll aufzutrumpfen. Mimisch war er der beste. Engagiert und ordentlich die sängerischen Leistungen in den Nebenrollen. Als bigotter, korrupter Musiklehrer steht (bzw. trippelt) Grigory Schkarupa als Basilio seinen Mann, er zeigt eindrucksvolles Material, aber nicht immer subtile Ausführung. Resolut die sympathische Berta von Adriane Queiroz. War das wirklich Adam Kutny, der den Fiorillo sang und formidabel spielte? Ich habe erst zu Hause ganz genau in die Besetzungsliste gesehen. Für Lacher sorgen die Tanzeinlagen von Florian Eckhardts drollig verschlafenem Ambrogio.

Der Chor der Staatsoper Berlin ist nicht immer auf Zack (mit dem Rücken zum Dirigenten singen ist natürlich nicht einfach), aber für die Auftritte als liebevoll vertrödelte Kapelle wie als schmucke Soldaten gibt es viel Applaus.

Nur dirigentisch steht dieser Barbiere unter keinem guten Stern. Julien Salemkour entdeckt in der Barbiere-Partitur zwar Tempo, doch weder rhythmisches noch melodisches Feuer, von der überbordenden Vitalität der Partitur ganz zu schweigen. Die Staatskapelle klingt vor allem eines, fantasielos. Kraftvoll lässt Salemkour die beiden Finales auf die Zielgerade rumpeln. Holzbläser werden nicht eingebunden. Der Klang bleibt ohne Subtilität. Ein schwerfälliges Dirigat, leider. Gibt es in Italiens weiten Fluren respektive an Italiens – laut Wikipedia – 37 Opernhäusern nicht junge, italienische Dirigenten bzw. Dirigentinnen, die dem Barbiere etwas mehr Buffa-Seele einhauchen können?

Den Barbier von Sevilla hab ich nach längerer Pause in dieser Saison zwei Mal gehört, auch angespornt von den an der Deutschen Oper zu hörenden Belcanto-Schmuckstücken: der neuen Sonnambula (Bellini) und der alten Lucia (Donizetti).

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