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Nun ist Tannhäuser dran.

Die Deutsche Oper bündelt das in Paris und Dresden entstandene, vormärzliche musikdramatische Werk Wagners zu sechs Repertoire-Vorstellungen binnen acht Tagen. Fertig ist das kleine, aber feine Wagner-Festival. Rienzi habe ich im April gesehen, den Holländer schaue ich mir nächste Saison mit Volle an und den Lohengrin habe ich im Herbst mit Vogt gesehen.

Stephen Gould in der Titelrolle singt erratisch im Venusberg, energisch im Wartburg-Akt, feinfühlig im dritten Akt. Engagierter als Gould spielt Emma Bell, die den Abend als Rollendoppelpack aus verführerischer Venus und züchtiger Elisabeth stemmt und dabei mit klangstarkem, reichem Sopran agiert, am überzeugendsten im innigen Flehen für Tannhäuser am Ende des Sängerwettstreits. In der Höhe wirkt ihr Sopran übersteuert, und auch sonst zu wenig beherrscht, bei allerdings interessantem Material. Zu deutschen Konsonanten hat Frau Bell ein schwieriges Verhältnis.

An dieser Stelle seien einige Anmerkungen gestattet.

Stephen Gould ist ein zu Recht gefeierter Heldentenor. Seine Textbehandlung macht allerdings nicht immer Freude. Gould singt Himmähl statt Himmel. Weiß Gould, dass im Deutschen bei zweisilbigen Wörtern in der Regel die erste Silbe Hauptinformationsträger ist und abweichende Betonungen kindisch klingen? Das heute gehörte Gnaaade (mit einem aaa so hart und chininhaltig wie eine plattgeklopfte Wanze) hat nur eine entfernte Beziehung zu dem deutschen Wort Gnade. Weiteres Beispiel: und wähle gern mir Müh‘ und Plagen. Bei Gould ist der Wort-Instinkt so gering, dass Wagners Text statt Plagen genauso gut Schmerzen oder Pipi oder Langstrumpf lauten könnte. Sind das Beckmessereien? Vielleicht.

Aber darf man bei Gould, einem der Besten, nicht mehr erwarten als ein Singen, das den Wortsinn lediglich mit der Zielgenauigkeit einer ramponierten Mörserkanone trifft? Dies führt unvermeidlich zu pauschaler Emphase, zu standardisierten Affekten, von beiden hört man heute Abend mehr als genug. Und führt letztendlich solches Singen nicht schnurstracks in die Infantilisierung der Oper? Auf jeden Fall mindert es den Wert der Aufführung ebenso empfindlich wie das Hörvergnügen. Schade ist es allemal, dass selbst bei Weltklassesängern ein Teil der von Wagner beabsichtigten Wirkung verlorengeht, weil das Deutsche entstellend artikuliert wird. So. Finita la Nörgelei.

Nein, eins noch. In der Venusbergszene liefert Gould immer wieder Spitzentöne, die allesamt identisch klingen. Auch das schärft nicht die Interpretation.

Und nun weiter im Tannhäuser-Text.

Den Frauenversteher und ewigen Zweiten Wolfram singt Simon Keenlyside mit hellem, erst im Laufe des zweiten Aktes kernig-präsentem Bariton. Ausdrucksnuancen und dramatisierende Phrasierung sind überzeugend, überzeugend ist auch der männlich-energische zweite Beitrag im Wettkampf (O Himmel, lass dich jetzt erflehen). Feinfühlig spielt Keenlyside den Wolfram im 3. Akt als Zögerling mit gebrochenem Herzen, und überhaupt ist es eine Freude, ihm beim Singen zuzusehen. Die Stimme spricht in der heutigen Vorstellung bei leisen Passagen ab und an schlecht an.

Buhs beim Schlussapplaus sind unhöflich? Mag sein. Aber ein Opernpublikum hat auch seinen Stolz. Für den Dirigenten Stefan Blunier sind die Missfallensbekundungen gerechtfertigt. Der 1. Akt: trüb wie kalte Hühnersuppe, bei mitunter sehr schlechten Geigen, das Tempo ist zu Beginn tranig. Der 2. Akt: startet besser. Der 3. Akt: hebt den Durschnitt nicht wesentlich. Schön aber das Solohorn vor der 4. Szene im 1. Akt und die Holzbläser im 2. Akt. Wenigstens klappen die großen Ensembles.

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Den Chor der Deutschen Oper loben heißt Eulen nach Spree-Athen tragen. Doch man möchte selbst zum Chorsänger werden, wenn man hört, wie der Chor aus flüsterleisem Beginn zur donnernden Stimmmauer anschwillt. Besonders schön: wenn einzelne Stimmen aus dem Stimmenmeer auftauchen, um wieder von ihm geschluckt zu werden, wie wiederholt bei Piano-Passagen geschehen.

Anders als die edlen Minnesänger spielt Ante Jerkunica (Landgraf) keinen scheppernden Blechkameraden, sondern einen wehrhaften, doch bedächtigen Krieger im ledernen Waffenrock. Jerkunica liefert zur Bühnenfigur das Stimmporträt, mit strenger Würde und kernigen Tönen. Im Ensemble des 2. Akts thront sein Bass mit rustikaler Wucht hoch über dem Stimmengewirr hofstaatlicher Entrüstung. Im vorangehenden Sängerstreit ist Clemens Bieber ein wortverständlicher Walther mit schönen Piani. Da ist auch Seth Carico ein eifriger, wenn auch nicht sehr idiomatischer Biterolf. Von Wagner nicht mit nennenswerten Solostellen bedacht wurden Heinrich (Jörg Schörner) und Reinmar (Andrew Harris). Wann immer diese sechs- oder siebenstimmige Sängerriege loslegt, entstehen hochhörenswerte, dramatisch aufgeladene Ensembles. Die gehören dann zum Besten an diesem zwiespältigen Wagner-Abend. Beim schönstimmig sympathischen Hirten (Nicole Haslett) gilt das kritisch zu Gould Bemerkte.

Die Tannhäuser-Verarbeitung von Kirsten Harms hat ihre Meriten. Nur scheinen die auf ihren Holzpferden wie festgeschraubt wirkenden Ritter heute noch statischer als sonst, und eine Venus, die pausenlos ihre unerotische Bettlaken-Toga rafft, stammt doch wohl eher vom Monte Verità als aus dem Venusberg.


Weitere Berichte: Kritik zum Holländer im Rahmen der Wagner-Woche von Hundert11, meine Kritik zum Tannhäuser 2017 mit Peter Seiffert, mein Bericht zu Rienzi mit Torsten Kerl.

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