Die Hermanis-Tosca erneut zu sehen, ist kein Muss, aber wenn eine der derzeit reichsten Sopranstimmen die Floria T. singt, dann wird ein Besuch zur freudigen Pflicht.

Tosca_Staatsoper Berlin

Nun singt Sonja Yoncheva auch so gut wie erwartet, und sie sieht jung und verführerisch aus. Die Yoncheva hat vieles: Farbe, pastose, cremige Mittellage, lyrische Üppigkeit. Von fehlender psychologischer Einfühlung, wie verschiedentlich bemängelt, höre ich nicht die leiseste Spur. Sie singt ohne jede aufgesetzte Theatralik (wie das Angela Gheorghiu gerne macht). Ja, in ausladenden großen vokalen Gesten klingt die Stimme nicht so natürlich, das gilt auch für die Spitzentöne in Vissi d’arte. Yoncheva ist eben kein geborener Spinto. Auch nicht vom Temperament her: im Hass auf Scarpia überzeugt sie nicht ganz. Dennoch: So sattschön in den beiden großen Duetten habe ich schon lange keine Tosca mehr gehört. Eifersüchtig im Andrea-della-Valle-Akt, zart im leidenden Piano im Farnese-Akt, freiströmend im trügerischen Traum von der Freiheit im Engelsburg-Akt. Einiges Lyrische habe ich nie gelungener gehört: sempre, con fe sincera, das ist dunkel und üppig abgetönt, mit verletzlichem Herzen gesungen. Yoncheva findet die richtigen Farben für Toscas Tragödie. Sie phrasiert mit Instinkt. Sie hat den tiefen, von innen leuchtenden Glanz.

Den sucht man bei Alvis Hermanis‚ geheimnislos bildheller Inszenierung vergebens. Da ist es fast egal, ob die zu einem Fünf-Meter-Streifen geknautschte Bühnentiefe vor lustig proportionierter Pilasterwand (Kristine Jurjane) den Sängern ein sinnvolles Agieren unmöglich macht oder ob diese Inszenierung (Premiere 2014) uns schlicht und einfach und ideenlos jedwede Deutung vorenthält.

Das lässt die Interpretation nicht unberührt. Denn Rollengestaltung ist bei Teodor Ilincăi Nebensache. Dafür erfreut der Rumäne an anderer Stelle. Probleme mit Spitzentönen? Giammai. Aber lyrisches Gefühl? Manca un po‘. Genau, der Stimme fehlt das spontan Mitreißende. Sein Son qui tönt uncharmant. Bei unbedeutenden Phrasen wie lo vuole il sagrestano sind Schluchzer unangebracht. Die Rolle des Cavaradossi ist abgesehen von den Vittoria-Rufen nichts für Tenorbrüller. In der Hauptsache ist die Partie lyrisch angelegt. Dann die Überraschung: Das poetische E lucevan le stelle singt Ilincăi mit schöner Halbstimme, auch der erste Teil des Duetts im 3. Akt glänzt mit mezzavoce-Passagen. Geht doch. 

Um Präsenz braucht Andrzej Dobber nicht zu fürchten, der ist mit allem ausgestattet, was ein Bösewicht braucht: Gefährlichkeit in der Stimme, bedrohliche Klangkraft, fieses Timbre. Darstellerisch freilich ist Dobber nicht so bissig wie vormals Michael Volle. Intrigant lauernd sein Singen im 1. Akt mit Tosca, fulminant ausdrucksstark in den zwei großen Ausbrüchen des 2. Akts.

Ach ja, Hindoyan. Was Domingo Hindoyan am Pult gibt, ist hoher Puccini-Ehren wert. Zwischen schmelzig leisen Tönen und Orchesterhöhepunkten, die präzise zuschlagen, aber nie dröhnen, zwischen Tragik und gestischer Deskription, zwischen Auffächern der Klangschichten und zärtlicher Einbindung der Stimmen, diese Tosca erfreut in fast jedem Takt. Letztes Jahr dirigierte Simon Simone Young den Opern-Krimi, als handelte es sich um die 16. Oper von Strauss. Bei Hindoyan fließt und funkelt es, die wunderbar dunkel timbrierten Streicher hört man selten bei Puccini so biegsam weich und legatoleicht, dabei achtet Hindoyan auf Straffheit.

Die Sänger der Nebenrollen geben auch ihr Scherflein zu. Als Ensemble-Bariton gelingt Arttu Kataja ein glaubhafter Angelotti, Jan Martiník steht als Mesner seinen Mann, Florian Hoffmann zeichnet als nervöser Spoletta ein gutes Porträt eines dienstbaren Geistes. Auch der Sciarrone von Adam Kutny ist gut. Als Kerkermeister singt Erik Rosenius.

Foto: Hermann und Clärchen Baus


Meine Tosca-Kritik von 2018 mit Finley, Stichina und Eyvazov und die Kritik der Vorstellung mit Gheorghiu von 2016Premierenbericht von 2014: Kreischen, Kintopp und Klamotte (Manuel Brug)