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Nach der neuen Zauberflöte nun die alte. Nach der Marionettenversion schaue ich mir nun die altmodische an. Die neue Inszenierung von Yuval Sharon tütet frech allen Weisheits-Hokuspokus ein.

Die alte von Schinkel-Everding (Premiere 1994, René Pape war damals Sprecher, Peter Seiffert Tamino, Matti Salminen Sarastro) setzt auf Bewährtes: hier ein dröger, wenn auch nobler Tamino, dort eine Pamina, die in einer Robe im Gardinenstil der 60er um ihren Liebsten zittert. Aber dem Publikum gefällt’s. Es kennt seine Zauberflöte: Die anti-feministischen Spitzen (Ein Weib tut wenig, plaudert viel) werden durch Lacher fix zu Quark von gestern erklärt. Und wie wohltuend inkonsequent hat der Schikaneder die Oper aus tragischer Seria und kurzweiliger Spieloper zusammengebastelt!

Zwei musikalische Zentren hat diese Aufführung.

Eines ist René Pape. Er singt den Sarastro überzeugend. Da ist natürlich die Kraft seiner Bassstimme: sanfter Granit, edle Knorrigkeit. Pape sorgt dann ja auch mit milder Autorität und bassiger Posaunenpracht für Priesterpathos satt. Aber da ist noch was. Es wird hörbar in dem charaktervoll strömenden Singen, mehr noch in den drängenden Akzenten, mit denen Pape die Phrasen von In diesen heil’gen Hallen kulminieren lässt. Papes Singen erzählt von der stolzen Menschlichkeit der Figuren Mozarts und holt sie so in die Gegenwart. Das ist sehr hörenswert, ergreifend. Rachsüchtig liebend kommt die Königin der Nacht der Nicola Proksch daher, die in den Rezitativen heimelig österreichelt und die Koloraturen von O zittre nicht noch mit zahmer Oratorienblässe singt (und im Klang an Ruth Ziesak erinnert), bevor sie in Der Hölle Rachen zur tiefverletzten Megäre wird. Ihre beeindruckend genauen Koloraturen im 2. Akt bringen Frau Proksch viel Beifall. 

Man kann dem Tamino des heutigen Abends keinen Mangel an durchsetzungsfähiger, ja heldischer Stimme vorwerfen, doch der Tenorprinz von Peter Sonn hat wenig Herz, noch weniger Piano-Zauber und gar keine Lyrik. Ich werde bis zum Schluss nicht recht warm mit ihm. Das zweite Zentrum dieser Aufführung ist die Pamina von Evelin Novak, die fabelhaft innig und genau vom entschwunden Glück singt (Ach, ich fühl’s), Novaks Interpretation schmiegt sich der Gefühlskurve der Arie wissend an und steht Herz und Ohr des Zuhörers besonders nah. Gewiss, Anna Prohaska singt das anders, aber ist ihr Ach, ich fühl’s besser? Der ordentliche, freilich unbekümmert spielfreudige Papageno von Klaus Häger singt nur etwas histrionisch im Selbstmordversuch, freut sich aber zusammen mit der sopranquirligen Papagena (Sarah Aristidou) unbändig über den zukünftigen Nachwuchs.

Zauberflöte Schinkel Everding Guggeis Staatsoper 2019

Am Pult der Staatskapelle verpasst Thomas Guggeis dem Spätwerk ein historisch informiertes Gewand. Da werden Akzente angespitzt, Guggeis strafft den Puls. Die Streicher ziehen vibratolos ihre Kreise. Alle Achtung, sehr präsent, sehr klar. Aber der Mozart-Gestalter Guggeis dirigiert mit erkaltetem Klangempfinden. Das wirkt zunächst alles etwas freudlos. Feuer und Witz habe ich erst im Laufe von Akt 2 gehört, etwa ab Papgenos Papagena!-Papagena!-Verzweiflung, da beginnt die Musik zu schweben, findet zu dem Menschlichkeits-Ton, der der Zauberflöte so gut ansteht.

Ach, die Zauberflöte, dieses reiche, rätselhafte Werk zwischen sanft gelenktem Gesinnungsstaat und privater Herzensreinheit. Hinter mir sitzt eine Italienerin, die bei Papagenos Kalauern lacht, als hörte sie sie alle zum ersten Mal.

Die diversen Duette und Terzette singen, wie üblich, größtenteils Ensemblemitglieder. Die zu Beginn unverhohlen zärtlichen drei Damen (Adriane Queiroz, Corinna Scheurle und Constance Heller) haben in der ersten Szene hörbar Probleme mit Guggeis‘ Tempo, werden aber im 2. Akt zu überaus eloquenten Vertreterinnen einer vernunftfernen und dezidiert priesterfeindlichen Macht. Unverdrossen systemerhaltend betätigen sich hingegen die beiden Priester, Andrés Moreno García hat mit dem Prüfungsriten eher skeptisch gegenüberstehenden Papageno seine liebe Mühe, sein resoluter Kollege ist David Oštrek, der auch ein ausdrucksvoller Sprecher ist, im italienischen Fach aber vielleicht doch souveräner agiert. Die Geharnischten Jun-Sang Han und Erik Rosenius beeindrucken in dem wundersamen und doch so unbekannten Der, welcher wandert. Als wolliger Kraushaar-Bösewicht Monostatos gefällt der flott singende Florian Hoffmann. Eine gute Rolle spielen Staatsopernchor und die Drei Knaben von den Calwer Sängerknaben.

Besuchte Vorstellung: 26. April 2019

Foto: Monika Rittershaus

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