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Zu den Institutionen Berliner Musikpflege gehört die Konzertreihe Unerhörte Musik. Hier wird allwöchentlich Neue Musik im handlichen Zwei-Stunden-Format bereitgestellt, immer dienstags, im intimen Rahmen des BKA-Theaters, aussteigegünstig am Mehringdamm gelegen. Bevorzugt auf dem Programm: Berliner Komponisten, die sich oft genug unters Publikum mischen. Man sitzt konzentriert-entspannt an Tischchen, lässt sich die Ohren durchpusten und schlürft ein kühles Blondes (oder Berliner Weiße).

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Das aktuelle Konzert bündelt unter dem Titel „Zuwanderungen“ acht Mal Musik für Klavier solo von Berliner Komponistinnen: Die Pianistin Fidan Aghayeva-Edler spielt Werke von Berlin emigrierter oder nach Berlin immigrierter oder schon immer hier ansässiger Musikerinnen. 

Ohren auf also für ein charmantes Programm.

Den Auftakt macht Verdina Shlonsky, die in den 1920ern Schülerin von Artur Schnabel an der Berliner Hochschule für Musik war, in den 30ern in Paris bei Boulanger und Varèse studierte und 1990 in Tel Aviv starb. Pages from the Diary (1949) vereint neun Stücke von sympathischer Klarheit. Deren Kürze und kraftvolle Sachlichkeit sind alles andere als musikalische Schmalspurdiät, Shlonskys „Tagebuchseiten“ geben wertvolle Einblicke in eine erfrischend persönliche Klangsprache zwischen Bartók und Folklore-Ton. 

Neu zu entdecken sind auch Ursula Mamlok und ihre 2000 Notes aus dem Jahr 2000. Mamlok war Emigrantin und Rückkehrerin. 1923 in Berlin geboren, Jüdin, 1939 emigriert, studierte sie in den USA bei Eduard Steuermann und Ernst Krenek und kehrte 2006 nach Berlin zurück. Jede einzelne der 2000 Notes entwickelt eine große Frische. Mamloks klare Texturen und ihre entspannte Art machen einfach Spaß.

Was Bekanntheit und Medienpräsenz angeht, ist Unsuk Chin sicherlich unter dem Komponistinnen-Reigen des heutigen Abends einsame Spitze. Umso kürzer ist Chins Beitrag, nämlich die knapp zweieinhalbminütige, sehr virtuose Etude Nr. 4 (Scalen) von 2003: scharfgeschliffene Musik voll nervöser 1/16-Läufe, die klingt, als wäre da ein fitter Tausendfüßler mit ordentlich Tempo unterwegs. Vital vorwärtstreibend und makellos wird das von Fidan Aghayeva-Edler dargeboten. Gibt es nicht einen Bezug zu Chopins Etüde op. 10 Nr. 4? Scalen hätte ich jedenfalls gerne als Zugabe gehört.

Als einziges Stück des Abends setzt Green, Uraufführung 2018, auf zugespielte Tonspuren. Die Komponistin Margarete Huber lässt Live-Ton und Ton vom Band spannungsreich aufeinander los. Der Zuhörer ist pausenlos am Rätseln, ob der E-Ton nun Echo, raffinierte Variation oder gar Vorklang des Live-Tons ist. Das ist klanglich herausfordernd. Dabei wirkt Green selbst glasklar. Überraschung: Aufgrund von Verzerrung und Unschärfe kommt mir der elektronische Klang oft komplexer vor. Das rund 9-minütige Stück ist der Solistin gewidmet.

Nach der Pause nimmt Passacaglia für präpariertes Klavier (2015) die Zuhörer mit auf eine Reise. Das geheime Herz von Passacaglia schlägt nämlich in dem durch Pedalbewegungen der Solistin initiierten Puls, der nie starr verläuft, sondern ein geheimnisvolles, rhythmisches Eigenleben führt. Über diesem Pedal-Ostinato legen linke und rechte Hand scheinbar einfache Ton- oder Intervallwiederholungen. Das Werk wirkt hypnotisch dicht und durchsichtig zugleich. Komponistin von Passacaglia ist Sarah Nemtsov.

Ruth Zechlins Drei Miniaturen (2011), geschrieben für Hans Werner Henze, stellen kurze, bisweilen fast abgezirkelt wirkende, aber immer wunderbar klar konturierte, zwischen Schärfe und Zartheit pendelnde Ereignisse nebeneinander. In den klirrenden Vorschlagmotiven klingt Ironie, in der Durchsichtigkeit der Motive die Weisheit des Alters an – auf beides lässt sich Aghayeva-Edler vorbildlich ein.

Faszinierende Klangräume öffnet die Pianistin anschließend mit Lines and Spaces (Huddersfield, 2015) von Naomi Pinnock, ihres Zeichens einst Studentin bei den Neue-Musik-Cracks Rihm und Birtwistle. Inspiriert von Gemälden des Kanadiers Agnes Martin, klingt Lines and Spaces distanziert und rätselhaft nah. Essentiell verknappt, tastet sich diese Musik in unbekanntes Terrain vor und wirkt dabei überraschend selbstsicher. Pinnocks ähnlich gestricktes Music for Europe habe ich beim diesjährigen Ultraschall-Festival mit Vergnügen gehört.

Während des Beitrags von Mayako Kubo, einer seit gut 30 Jahren in Berlin heimisch gewordene Cerha- und Lachenmann-Schülerin, schlürfe ich mein Bier leer und lausche den drei Stücken aus Berlinisches Tagebuch. Neu gewesen 1989, reüssieren die musikalischen Tagebuchnotizen als anspielungsreiche Klangerzählung, in die Mayako Kubo mehr als nur ein Augenzwinkern hineinkomponiert hat. Fidan Aghayeva-Edler fährt die Stücke bis zum vollgriffigen Liszt-Ton hoch.

Foto: Unerhörte Musik

 

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