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Herzlicher Applaus beim Konzert des RSB im heimeligen Konzerthaus mit seinem goldigen 1980er-Stuck, wo Vladimir Jurowski seinen Mahler liebt und sich zuvor zusammen mit dem Pianisten Angelich spannungsvoll konzentriert um Brahms kümmert. Und mittendrin das frisch Tournee-erporbte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Etwas überraschend ist es doch.

Brahms‘ Klavierkonzert Nr. 2 spielt Nicholas Angelich auf eine gewisse altertümliche Weise. Unaufgeregt, aber nicht kühl. Diszipliniert, aber nicht starr. Unsinnlich, aber nicht trocken. Mit einer der Musik dienenden Haltung. Das ist aufregend, weil es so unaufgeregt ist. Weil es nicht versucht, objektive Musik auf Teufel komm raus subjektiv umzupolen. Hinzu kommen bei Angelich ein ruhiges Massenspiel, ein fast Backhaus’scher Sinn für Proportion. Fast erfreulich aber, dass Angelich eine heutzutage als unzeitgemäß abgetane Dichte, gerne auch mit viel Pedal (Durchführung, 1. Satz), wagt. Die hat nichts mit donnerndem Titanismus zu tun, sondern legt Entscheidendes bei Brahms frei.

Und höre da, Vladimir Jurowski und das schnörkellos sorgfältige RSB kommen Angelich entgegen. Die Musiker spielen, was in der Partitur steht, kurzphrasierend, strukturstützend. Mit gewichtiger Klarheit, ohne Hektik. Denn Jurowski akzentuiert nicht, was eh schon klar ist.

Gibt es Kritikpunkte? Zwei Sachen fallen mir ein. Im zweiten Satz die trotz stimmiger Schönheiten eine Spur zu direkte Scherzo-Lautheit und im dritten Satz den biederen dolce-Feinsinn des Klaviers. Eine Eigentümlichkeit des US-amerikanischen Pianisten scheinen übrigens die gemeingefährlich angespitzten Staccato-Passagen zu sein – als hielte Angelich strengste Legato-Diät. Und die fröhlichen Trillerketten des 2. Themas (Finale) spielte Pollini temperamentvoller.

Die Zugabe, Schumanns unverwüstliches Von fernen Ländern und Menschen, übertrieben einfach und im 2. Teil mit effektvollem Ritardando in die Tasten gestreichelt, ist nichts für mich.

Es folgte eine klare Sinfonie Nr. 1 von Mahler in einer ernsthaften, freigiebigen und fünfsätzigen Interpretation, die nie den Kopf verliert, wenn auch das Herz voll ist.

Jeder Satz hat sein Profil.

Nur der erste zieht sich. Doch die berühmte, wenn auch unbekannte Blumine entzückt, nicht nur mit der Trompetenserenade, sondern auch im sehnsuchtsvoll liniensatten Mittelteil. Das Scherzo führt ein Trio mit scheuer Oboe und genau herausgearbeiteten Charakteren mit sich. Und der langsame Satz beginnt so richtig erst, wenn die Tuba loslegt – und die Harfe meldet sich mit unerbittlichem Pling. Interessant ist, wie Jurowski und das RSB hier verschiedene Stadien der Innigkeit durchschreiten, nie sind Groteske und Menschlichkeit weit. Im Finale zähmt Jurowski die Macht der Thematik, die Wirkungen des Apparats. Und entbindet zugleich Frische und Schwung. Das Finale ist nach Zuschnitt und Gehalt ja nach wie vor ein Wunder, war vor Mahler ganz und gar undenkbar.


Weitere Kritik: Entgrenzend (Hundert11), Genie des doppelten Bodens (Udo Badelt), Erdiger Brahms trifft frühreifen Mahler (Felix Stephan)

Zum Dirigenten lesen Sie gerne die kurzweiligen 33 Veränderungen über Vladimir Jurowski von Albrecht Selge.

RSB Jurowski Brahms Mahler Sinfonie 1

Aufbruch: Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin nach getaner Arbeit

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