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Dieser Helmut Lachenmann. Schaut aus wie ein vergnügt gealterter Extrembergsteiger, für den das Leben ein immerwährendes Basislager mit freiem Blick auf höchste Musikgipfel ist.

Wer hätte je gedacht, dass Lachenmann ein Stück komponiert, das My Melodies heißt? Selbstbewusst und nicht frei von Ironie scheinen Titelwahl und Besetzung. 8 Solo-Hörner!

Die Faktur ist schmeichlerisch klangschichtenorganisiert. Die beiden Pole, zwischen denen My Melodies – Uraufführung 2018 in München – pendelt, heißen Transparenz und entspanntes Wuchern. Gab sich Lachenmann je so locker klangflockig? Was altersweise verknappt tönt, klingt ein paar Takte später auf einmal neugierig wie Jugend forscht. Im solistischen Hornistenoktett tritt alles auf, was bei den Philharmonikern Horn und Namen hat: Andrej Zust, Georg Schreckenberger, Stefan Dohr, Stefan de Leval Jezierski, Sarah Willis, der ehemalige Philharmoniker Klaus Wallendorf, dazu gesellen sich Thomas Jordans (Staatskapelle) und die bekannte Hornistin Marie-Luise Neunecker. Geräuschatmend agieren die Spieler wie durch die Luft fliegende Hui Buhs, weiten so das 35-Minuten-Stück gespenstersonatenhaft ins freundlich Irreale. 

Glück auf mit der Sinfonie Nr. 2 von Robert Schumann, die etwa neben Mahler-Neunter und Mahler-Zweiter zu den zentralen sinfonischen Werken der Rattle-Ära zählte. Vor Jahren stand neben Mahlers 9. das knackigkurze Tableau von Lachenmann auf dem Programm. Klugheit des Zufalls? Programmnuancen? 

Mit Schumanns rhythmischer Unrast, mit dessen nervösen Steigerungen war Rattle schon immer im Bunde. Schumanns Ästhetik, das eigene Leben zur geheimen DNA seiner Musik zu machen, prägt die kreisende Motivik von Introduktion und Allegro ma non troppo, durchdringt das Scherzo mit seinem nervösen Triebstoff aus Sechzehnteln, trägt das mit seinen großen Intervallen und Steigerungen Bruckner vordenkende Adagio, das Finale samt seines die symphonische Struktur unvergleichlich weitenden Beethoven-Themas.

Das Adagio ist Zentrum, trotz von Beethoven inspirierter Finalgewichtung. Rattle gewinnt dem rätselhaften Satz lebhaften Gestaltenreichtum ab. In den Trillerketten der Geigen staut sich manierierte Hitze. Doch Simon Rattle bremst diese durch Zügigkeit. Als verborgene Scharnierstelle figuriert der kurze pp-Mittelteil mit äußerst genauer Artikulation. 

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