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Graue Mähne (einer Königin der Tastenlöwen absolut würdig), cooler Buchstaben-Rock, Charme ohne Ende – da ist sie, Martha Argerich, die zuletzt mit frühen Beethovenkonzerten in Berlin zu hören war, so dass man dachte, sie traue sich nicht mehr an die ganz schwierigen Sachen. Nun spielt sie in der Staatsoper Unter den Linden Prokofjews 3. Klavierkonzert.

Nach Klarinettensolo (Matthias Glander in zwielichtigstem Zartbitter) und kurzer Andante-Streicherpassage ist sie dran.

Und legt sofort los. Die Argentinierin hat immer noch Temperament für zwei und einen Anschlag wie einen sehnsüchtigen Augenaufschlag, glanzvoll, hochsuggestiv, umflort von lyrischer Schönheit. Schon immer war der traumwandlerisch natürlich getroffene Ton ihr Ding. Bei Prokofjew legt sie das alles in die Piano-Waagschale, hat für das klassizistisch verspielte Allegro des Kopfsatzes ein vehementes, unendlich kluges Brio. Hört man den Beginn der Durchführung, 1. Satz, dann ist ob der kaleidoskopartigen Fülle abgetönter Farben des Staunens kaum ein Ende. Für die zurückgenommene Deutlichkeit des Binnensatzes hat Argerich Noblesse und ausdrucksvolle Innigkeit, für dessen klaviertechnische Wagnisse verspielte Virtuosität und unwiderstehlichen Klavierausdruck.

Die Künstlerin ist junge 77. Der Trennschärfe mancher Staccato-Skala hört man dies ebenso an wie der leicht getrübten Ebenmäßigkeit ihres Spiels. Oder ist es die unberechenbare, kapriziöse Staatsopern-Akustik, die Forte-Zuspitzungen leicht hallig macht? Aber dies sind sowieso nur Anmerkungen am Rande. Zumal sich Argerich umzingelt sieht von der nicht immer dezenten Staatskapelle, die hörbar Heißhunger auf Prokofjews C-Dur-Konzert hat. Die Argerich revanchiert sich, indem sie den Finalaufschwung des Orchesters mit Anschlägen im Diskant von kristallener Härte durchlöchert. Ein ziemliches Vergnügen – für sie und für die Zuhörer.

Argerich Martha Barenboim Staatskapelle Prokofjew

Die Staatskapelle Berlin unterfüttert die Klavier-Impératrice mit warmem, reichem Prokofjew-Klang. Besonders die Streicher gewinnen Statur. Die stellen nervös leuchtende Gesangslinien her, sodass die Musik in stetem Fluss ist und ungewöhnlich unberechenbar wirkt. Daniel Barenboim sticht ins Orchester, schnauft, lenkt die süßsauren Tonmassen mit untrüglichem Impetus und ist über den tosenden Applaus, der auch ihm gilt, zumal in schweren Vorwurfs-Zeiten, sichtlich erfreut.

Die Zugabe: Petit mari, petite femme aus den entzückenden Jeux d’enfants für vier Hände von Bizet.

Von Jörg Widmann nach der Pause die Babylon-Suite, die sehr unterhaltsam ist und mir ausnehmend gut gefällt, und zwar trotz des Einwands, dass Widmanns enorme Präsenz in den Programmen der Orchester andere zeitgenössische Komponisten in Nischenveranstaltungen drängt. Die Suite klingt, als hätte Widmann direkt vor Komponierbeginn 20 Stunden nonstop Rosamunde Pilcher gesehen. Das Stück ist fabelhaft komponiert, turbulent überhitzt und bietet erstaunliche Nahblicke in die Eigernordwände zeitgenössischen Komponierens. Widmanns Oper Babylon hat am 9. März Premiere.

Zu Beginn Schuberts Unvollendete, in der der warme, homogene Ton der Staatskapelle schöne Wiedergeburt feiert. Streng gerichtete Fülle des Streicherklangs, signifikante Deutlichkeit der Bläser, die markante Kraft des Blechs sind der Sockel, auf dem sich Schuberts singender, sinfonischer Ton entfaltet.


Weitere Kritik: Von Unfrieden keine Spur (Martina Helmig), Der Meister und sein Publikum (Udo Badelt),

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