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Alles Zauberflöte oder was? Der Israeli Yuval Sharon beschert der Staatsoper Berlin die zweite Zauberflöte im laufenden Spielplan. Neben der Zauberflöte (Schinkel) gibt’s jetzt eine Zauberflöte (neu).

Und nun? Sharon zieht die Zauberflöte auf links, wäscht sie im Kinderkochprogramm. Und prompt geht sie ein – auf Marionettentheater-Größe.

In der normalsten aller Opernwelten ist Die Zauberflöte ein liebenswürdig buntscheckiges Mixtum compositum aus Opera Seria, Opera Buffa und Singspiel. Nicht so bei Sharon. Denn dem steht der Sinn offenbar nicht nach der bequemsten aller Opernwelten. Also ersteht in Berlin die Zauberflöte neu, als Marionettentheater. Und gewinnt schillernde Naivität und grausame Frische zurück. Der ganze Komplex aus salbungsvoll sakralem Priesterpathos, fideler Naturburschen-Welt und feinsinnigem Menschheitspathos – interessiert den Regisseur nicht.

Das ergibt Sinn.

Ritsch-ratsch und haste-nicht-gesehen führt uns der Regisseur von der Freimaurer-Welt mit ihrem Tugendterror in eine künstliche Manga-Comic-Playmo-Welt. Die Sänger – entindividualisiert. Die Gefühle – kindlich vereinfachte Schablonen. Mozarts Menschen – Playmobil-Puppen. Die Dialoge Schikaneders – aus dem Off gesprochen von Kinderstimmen, mal rührend naiv (Pamina), mal gelangweilt salbadernd (Sarastro). Denn als Marionettenfäden-ziehende Strippenzieher entpuppen sich zu guter Letzt Kinder, die sich zum flirrend pompösen Es-Dur-Schluss was ins Fäustchen lachen.

Mehr Kindchenschema geht nicht.

Dem geht die Bühne mit den erwartbaren, doch irgendwie ingeniösen Flugapparaten und den kürzelhaft verdichteten Symbolen (der Glaskasten, in dem die standhafte Pamina leidet) kongruent (Mimi Lien).

Zauberflöte Yuval Sharon Staatsoper Berlin

Ein Minuspunkt bleibt. Das Marionetten-Design macht eine Personenführung im traditionellen Sinn unmöglich. In klumpigen Moonboots staksende Hauptfiguren und eine Zeitlupen-Gestik führen nun einmal zu szenischen Ungelenkigkeiten, ja dramaturgischem Stillstand.

Dennoch: Yuval Sharon entdeckt gerade im Kindlichen das Unsentimentale, im Unbeseelten das Berührende. Er öffnet die Zauberflöten-Story wie mit einem Dosenöffner, rabiat und kompromisslos, aber auch verletzlich und anrührend.

Licht und einiges an Schatten bei den Sängern, die allerdings akrobatisch schweben und fliegen müssen.

Tamino Julian Prégardien (ein Comic-Held in knapper Plastik-Unterbuxe) singt die Bildnisarie klangschön und lyrisch, leidenschaftlich und liedhaft präsent. Als sopransüße Pamina (rotes Schleifchen im comicgelben Blondhaar) ersetzt Serena Sáenz Molinero die kranke Anna Prohaska unzureichend. Bei Männern, welche Liebe fühlen ist leider schlecht gesungen (konnte man nicht das Pamina-erprobte Ensemblemitglied Evelin Novak gewinnen?), ihr Deutsch ist nicht das Beste. Hörenswerter sind ihre flammenden Rezitative. Die sanft-mädchenhafte Cover-Stimme ist als Maximal-Klischee und fernes Echo des Idealbilds von hohem Reiz.

Dass Sarastro (Kwangchul Youn) als traumhaft verschwommenes Abziehbild eines Hohen Priesters hinter Metro-Goldwyn-Mayer-Löwen auftritt, passt. Schwarz strömend erklingt O Isis und Osiris, mit ehrwürdiger, lebendiger Autorität singt Youn In diesen heil’gen Hallen. Ein Legato von hohen Gnaden macht die inzwischen hier und da bleiche und vibrierende Höhe mehr als wett. Die Königin der Nacht singt Tuuli Takala. Ihre erste Arie (Zum Leiden bin ich auserkoren) klingt aus den endlosen Weiten der Bühnentiefe (in fast ärgerlicher Weise) tröpfelig und koloraturunsicher, ihre zweite (Der Hölle Rache) hat Punch und Verve und liefert feine Koloraturware.

Der Papageno von Florian Teichtmeister ist ein Typ in Klettergurtmontur, wie man’s aus den Bergrettern kennt. Dass hier ein Schauspieler singt (wohltuend: ohne anbiedernd österreichelnde Papageno-Folklore und meist tonhöhengenau aber weit entfernt vom üblichen Bariton), fügt dem Abend die Prise Vorstadttheater hinzu, die eine Zauberflöte einfach braucht. Es ist regelrecht ein Vergnügen, Teichtmeisters näselnden Singsang über dem lieblich nuschelnden Mozart de la Parras zu hören. Als Papagena hat Sarah Aristidou ihren berühmten, wenn auch kurzen Pa-Pa-Pa-Auftritt.

Zauberflöte Yuval Sharon Staatsoper Berlin Pamina

Nicht ganz so lustig kommt Pappkamerad Monostratos als trippelnder Blechroboter daher. Ihm steckt wie Offenbachs Olympia ein Aufziehschlüssel im Rücken (Kostüme Walter Van Beirendonck). Florian Hoffmann singt den verliebten Mohren ordentlich, wenn auch nicht ganz überzeugend in der Arie im 2. Akt. Und die Drei Damen Adriane Queiroz, Cristina Damian, Anja Schlosser (gleichfalls ordentlich) sitzen in einer Gondel aus luftballonprallen Wurstl-Busen fest. Ordentlich auch die Geharnischten (Stephan Rügamer, Grigory Schkarupa, schön in der Choralfuge) und Priester (Linard Vrielink, Lauri Vasar, auch Sprecher). Die drei weisen Knaben geben ein ansehnliches Trio ab, tragen Löwengesichter und stecken in Stiefeln, die aussehen wie Mähroboter.

Seltsam, die berührend heimelige und von der Premierenkritik durchweg gehasste Einbauküche als ironisches Ziel alles Glücksverheißens wird heute Abend auf offener Bühne applaudiert.

Einiges bleibt gedankenlos misslungen. Dazu zählen die Raketen-Flöte aus der Kinderresterampe von Woolworth und das matte Erscheinen der Papagena als alte Vettel auf dem Gazévorhang. Nervig auch die über Schikaneders altertümliches Deutsch kichernden Kinder. Ach ja, die gelben Marionettenfäden stören auf Dauer doch.

Nach der Absage durch Welser-Moest dirigiert Alondra de la Parra. Ihr Dirigat ist ungewohnt, aber nicht verkehrt. Die Staatskapelle Berlin spielt tendenziell vibratolos, akzent-rau und Alte-Musik-orientiert. Ihr Mozart linst ins 18. Jahrundert zurück, nicht voraus zu Weber und Wagner. OK, die Ouvertüre sechzehntelt alles andere als makellos daher. Doch piano, pianissimo macht die Mexikanerin deutlich, was sie will: weiche Phrasierung, fließende Klangräume, rhyhtmische Lebhaftigkeit, leisen Zusammenhang, genaue Bewegung aus dem Detail heraus. Verführerisch das atemlos-leise und aufregende, weil rhyhtmisch labile Sechzehntelgestöber der Streicher (Monostratos-Arie, 2. Akt). Ähnlich leicht und dabei doch die Musik treffend das Orchester zu Papagenos Selbstmordversuch (Teichtmeister ist hier besonders gut). Und das alles tönt genau, atmet. Ich bin angetan.

Mal sehen, wie lang diese Sharon-Zauberflöte durchhält. Der ganz ähnlich als Marionetten-Theater angelegte Lohengrin Herheims ist – leider, leider – recht bald in der Versenkung verschwunden. Operninszenierungen, in denen die Meta-Ebene alles ist und die Konvention nichts, halten sich selten lange.

Bei dieser zweiten Vorstellung kein Buh und zustimmender Applaus.

Fotos: Monica Rittershaus


Weitere Kritiken: Abgehangen (Manuel Brug), Debakel mit Spielzeugkrempel (Maria Ossowski), Strippenbekenntnisse (Frederik Hanssen) – allesamt Premierenkritiken.

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