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Ein recht guter Beginn des Brahms-Festivals des DSO.

Das Klavierkonzert von Robert Schumann im Rahmen eines Brahmszyklus zu spielen ist zwar nicht originell, aber Programmzusammenstellungen wird zu viel Wert beigemessen. Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit spielt. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und der Solist passen unerwartet gut, ja ideal zueinander. Ticciati trimmt das DSO auf leichtes, präzises und leises Spiel, und in die sich so auftuenden Lücken fädelt sich Levit Takt für Takt hyperintelligent ein. Levits Klavierton ist nicht allzu groß, aber schmal und schlank, aufregend pointiert und schattierungsfähig.

Die Durchführung des a-Moll-Konzerts startet mit balsamisch nüchternen Streichern und einem zart schleppenden Levit, der alsbald mustergültig mit den klugen Holzbläsern dialogisiert. Levit macht da den Eindruck eines schwerst versonnenen jungen Mannes. Fesselnd und fließend geht Levit dann in den Allegro-Teil der Durchführung. Jeder Ton ist genauestens profiliert. Stark auch die Reprise, in der wunderbar Leises und klug Disponiertes aufklingt und der aufmerksame Hörer garantiert hinter jeder Noten-Ecke überrascht wird. Die gute, alte Schumann-Romantik, wie man sie kennt, liebt und auch fürchtet, wirkt durch solch aberwitzig hellsichtiges Spiel wie weggewischt. Das Spiel dieses Mannes scheint immer wieder auch von Ironie, ja verschmitztem Charme (man mag es kaum glauben) geprägt. Besonders klar wird dies heute Abend bei den Rubati, die Levit hochbewusst einsetzt. Aber vielleicht setzt Igor Levit die Tempo-Dehnungen auch mit blutigem Ernst, und sie erscheinen mir nur von durchsichtiger Ironie? Merkwürdig allerdings, dass die Kadenz plötzlich fast ohne Zauber ist (das machten Uchida, Pollini und Trifonow besser, Perahia aber ungleich pomadiger).

DSO Ticciati Igor Levit Schumann Klavierkonzert

Ein paar Takte lang zieht das Intermezzo als kurios exakter Biedermeier-Traum vorbei, so als hielte uns Levit eine akustische Daguerreotypie aus den 1840er Jahren vor. Aber mit der sehr präsenten, hell singenden Cellokantilene kommt Bewegung in die Chose und die Wiederkehr des 1. Teils klingt auf einmal viel fesselnder. Im Finale dann hat Levit so viel Geistesgegenwart (und Technik), dass die herrliche, vom 1. zum 2. Thema überleitende Achtel-Passage wie weiland Mörikes blaues Band flattert, und überhaupt funkelt das Klavier an dieser Stelle ironisch und verspielt. Levit scheint in allem, was er tut, radikal eigenständig.

Das Fugato wird von den Streichern hellsichtig ausmusiziert und das folgende, wie aus dem Nichts auftauchende neue Thema, bestehend aus einer weich geschwungenen Viertelkette, von der Oboe intoniert und vom Klavier sofort aufgenommen, ist voll des Tempos. Einen Kritikpunkt habe ich: das vollgriffige Akkordspiel des Pianisten kommt mir trocken vor. Ist es der Flügel? Der Sitzplatz? Oder doch Herr Levit? Igor Levits Spiel zeichnet Unbestechlichkeit und kapriziöse Selbständigkeit aus, die interpretatorische Freiheit ist groß. Bei den im Laufe der Jahre in Berlin gehörten Interpretationen des Schumannkonzerts fallen mir nur Pollini und Argerich als Vergleichsgrößen ein.

Als Zugabe La chanson de la folle au bord de la mer (Das Lied der Verrückten am Meer) des Franzosen Charles Valentin Alkan aus den Préludes op. 31. Das kurze Stück kreist um eine fast simple melodische Idee, die linke Hand intoniert düster pedalisierte Akkorde.

Brahms, Sinfonie Nr. 1

Nach der Pause der erste Brahms-Baustein der Brahms-Festivalwoche, die 1. Sinfonie. Immer aufs Neue verwundern das drei Mal ansetzende Finale und dieser Koloss von einem Kopfsatz, bei dem Brahms von einem barocken, zu einer Überfülle der Ideen führenden horror vacui getrieben scheint, der nur unzureichend mit Brahms‘ Angst vor dem Riesen Beethoven zu erklären ist.

Auch bei Brahms beweist das DSO unter Ticciati Klasse und Rasse.

Im Laufe der Symphonie fallen einige Eigenheiten auf. Ich nenne Beispiele aus dem Kopfsatz. Mit am auffälligsten die letzte Sechzehntelfigur (im 9/8-Takt) der ersten Phrase der Einleitung, die überraschend leise abgeblendet wird. Oder Pausen geraten überlang, und zwar nicht, um mit romantischer Schwermut gefüllt zu werden, sondern um das Geschehene und Geschehende mittels gedanklicher Konzentration sinnfällig zu machen. Ein weiteres Beispiel: Das 2. Thema endet in einem fast beängstigenden Stillstehen, sobald die kurzen Quartmotive der Bläser einsetzen. Und dann beschleunigt die Schlussgruppe plötzlich fast kurzatmig, aber auch sehr passend.

Ticciati zieht ein helles, entfettetes Klangbild vor. Akzente erklingen als betont kurze, trockene, wie absichtsvoll abgerissene Schläge. Die Phrasierung vermeidet jede Breite. Das Streicherkorps ist reduziert. Die Streicher agieren weitgehend virbatolos. Und endlich einmal einer, der die Exposition wiederholt, was ich bislang nur bei Janowski gehört habe, Ticciati geht da sogar weit in die Knie, als wäre ihm sein Dirigierstock zu Boden gefallen. Aber hoppla, ist die Wiederholung der Exposition nicht viel schneller? Missfallen tut mir das Forte-Tutti, das lärmend und wichtigtuerisch klingt, jedenfalls von meine Platz aus.

DSO Ticciati Brahms Zyklus

Fein und schlank im Ton und überaus subtil strukturiert die beiden Oboensolos im 2. Satz, wobei das erste noch ein klitzekleines Stückerl besser ist (Viola Wilmsen). Interessant, dass das sehr hörenswerte Violinsolo infolge Vibratos viel blühender gestaltet wird als der Gesamtklang (Wei Lu). Und auch hier wieder eine sehr lange, innehaltende Generalpause. Den dritten Satz finde ich vom ersten bis zum letzten Takt makellos gelungen.

Beim Finale bin ich anfangs skeptisch. Kleine Ausnahme: die erste Pizzicato-Gruppe im Adagio. Das Hauptthema (Allegro non troppo, ma con brio) klingt dürr. In diesem Fall zöge ich den strömenden Vibratoklang von Philharmonikern oder Staatskapelle vor. Das Tempo bleibt hoch, doch das 2. Thema wird außerordentlich leise abschattiert. Die Durchführung beginnt, als wär’s die Reprise und ist es vielleicht auch, da klingt das Thema auf einmal bewegt und bewegend, alles Folgende ist dann plötzlich leichtfüßig und doch logisch.

Eine mitreißende Brahms-Interpretation.

Zu Beginn von Heinrich Schütz die Mottete Das ist mir lieb, die der RIAS Kammerchor singt. Die Motette lehnt sich genau an das gesprochene Wort an, verläuft in einfachen, doch kunstvoll gesetzten Phrasen und ist klar strukturiert in Laut- und Leise-Wechseln. Ich habe früher Schütz gerne gehört, dieser Motette kann ich wenig abgewinnen. Vielleicht hätte mich das kurze A-capella-Stück nach dem Schumannkonzert mehr interessiert.


Weitere Kritik: Entstrickend (Hundert11)

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