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Huch, beim Don Giovanni unter den Linden ist (fast) die gesamte Besetzung neu. Der junge Israeli Lahav Shani dirigiert.

Der macht am Pult der Staatskapelle so ziemlich alles richtig. Und anders. Die Kette aus Arien, Duetten, Terzetten und Ensembles gibt sich nicht expressiv-düster gestaffelt wie bei Barenboim. Shani und die Staatskapelle kultivieren eine stete Gefühlsunruhe ohne Hast, einen ungezwungenen Musizierfluss, in dem Mozarts Melodien frei atmen. Atem, Puls, Leichtfüßigkeit, die trockene Pracht des Tuttis, das ist alles da, unaufdringlich führt Shani die Sänger. Die vermitteln einen geschlossenen vokalen Eindruck. Gesungen wird sehr genau, freilich ohne höchsten vokalen Glanz, vor der Ensembleleistung heben sich die Profile der Solisten umso klarer ab.

Zuerst das Männer-Duo. Markus Werba gibt den Unhold mit schlankem, kernigem Ton. Wer vokale Wucht und sinnliche Glut sucht, ist bei Werba am falschen Ort. Dafür bringt der österreichische Bariton Sinn für Melodie und Stetigkeit der Phrasen mit, was der von Mandolinen-Pling-Pling unterfütterten Serenade zugutekommt. Werba setzt sich für die Arie Finch’han dal vino vehement ein, weniger Tempo (Herr Shani?) wäre womöglich mehr gewesen. Für das berühmte Duettino mit Zerlina hat der Sänger Gefühl und Einfühlung. Sehr schade übrigens, dass Werba nicht den Beckmesser bei den Festtagen singt. Der zappelige Leporello von David Oštrek besitzt im Vergleich die rundere und farbreichere Stimme, singt sich quicklebendig, kantabel und mit Witz durch Registerarie und die sonstigen Abenteuer, in die ihn Giovanni hineinreitet, konkurriert aber virtuell mit seinem Rollenvorgänger Erwin Schrott und ist manchmal ein paar Millisekündchen hinter dem Orchester.

Evelin Novak ist Donna Anna (eine zickige, aber verletzliche Frau). Sie steht hilflos zwischen ihrem Ottavio und dem aufregendem Giovanni. Novak gestaltet die Ausbrüche des Erkennens und Erschreckens im Duett glaubhaft, agiert packend in der Schilderung des Angriffs Giovannis (bei Guth handelt es sich eher um einen ungezähmten Angriff Annas auf den Don), die 1. Arie (Or sai chi l’onore) klingt allerdings nicht ganz frei. Anders die Arie im 2. Akt (Non mi dir), die mit subtilem Schwung und vorsichtigen Spitzen-„A“s gefällt. Auch der Schmerzenston passt. Die temperamentvolle Donna Elvira von Tara Erraught ist eine ebenbürtige Leidensgenossin – oder Konkurrentin um die Gunst des Titelhelden. Sie führt einen farbreichen und ausdrucksstarken Mezzosopran von herber Wärme ins Feld. Die feurigen Oktavsprünge in der 1. Arie (Ah, chi mi dice mai) stemmt sie eher athletisch, die atemlose Hysterie in der 2. Arie Ah, fuggi il traditor wird etwas zu sehr akzentuiert. Schön die sorgfältigen Piani im mit Verve gesungenen Mi tradì quell’alma ingrata. Wie Novak bleibt Erraught den Spitzentönen etwas an Brillanz und Einbindung schuldig.

Der Ottavio (ein sensibler, aber dröger Typ) von Dovlet Nurgeldiyev agiert stimmlich makellos, als verlässliches Vokal-Vehikel steht ihm eine leichte, helle, geschmeidige, feste Tenorstimme zur Verfügung, die die blässlich-noble Charakterisierung der Figur durch das Libretto mit dem Zauber des Leisen und lyrischem Ernst unterläuft. Nicht zu vergessen der männliche und drohende Masetto von Grigory Schkarupa, der auch optisch gute Figur macht, und die Zerlina von Narine Yeghiyan. Zu Herzen gehend der Hilfeschrei Zerlinas, berührend die Unsicherheit des Herzens, die der in der Höhe aufblühende Sopran ausdrückt. Kleine Wünsche bleiben offen, etwa eine geschmeidigere Einbindung der klangvollen Höhe im bezaubernden Batti, batti, o bel Masetto). Mit der imposanten Autorität moralischer Instanz ausgestattet schließlich der Komtur von Reinhard Hagen.

Die Ensembles lassen die letzte Exaktheit vermissen.

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Zwei Merkmale prägen die Inszenierung von Claus Guth. Erstens der nächtliche Tannenforst, in dem Giovanni und Leporello mit Dosenbier und Wölfen hausen, durch den Anna und Ottavio aber wie verlorene Menschenkinder irren (und in dem zerborstene Stämme à la van Ruisdael die Vergänglichkeit aller Dinge bedeuten). Zweitens die trostlos kaputten Beziehungen. Ottavio und Anna werden sich auf ewig gegenseitig verletzen. Zerlinas Empfänglichkeit für Giovanni hat die Beziehung zu Masetto dauerhaft zerstört. Die Umdeutung der Donna Anna vom Vergewaltigungsopfer zur angriffslustig Erobernden ist nur folgerichtig, der Komtur, Annas Vater, wird somit zum ruchlosen Beischlafstörer.

Unvermeidlich wohl ist das Abschleifen des genauen szenischen Witzes der Personenführung, das einhergeht mit dem Ausscheiden langjähriger Berliner Don-Giovannisten wie Christopher Maltmann, Erwin Schrott, Dorothea Röschmann und Anna Prohaska. Nach hinten raus wird mir der Don Giovanni immer ein bisserl lang, egal in welcher Besetzung. Musikalisch bedauernswert ist die Streichung des Schlussszene mit dem Presto-Sextett dennoch.

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