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Bruckner zählt derzeit zu den bevorzugten Symphonikern auf den Programmzetteln der Berliner Philharmoniker. Unter Marek Janowski nun steht aber nicht ein Publikumsliebling wie Bruckners 7. auf dem Programm, sondern die sperrige Sinfonie Nr. 6. Dazu erklingt Bruckners Messe e-Moll. Dieses Programm wurde nicht für Freunde leichten Ohrenfutters erdacht.

Die 6. Sinfonie also.

Man hört es gleich im ersten Satz (Majestoso, Bruckners Schreibweise mit „j“), wohin der Bruckner-Hase läuft. Ruhig ziehen Themen und Motivgruppen vorüber. Der weiträumig gegliederte Ablauf ist wichtig, das Defilee ruhiger Steigerungen und Entspannungen. Da dirigiert einer, der in der Tiefe seiner Seele Ruhe und Überblick schätzt. Hinfort mit dir, Klangzauberei! Wunderbar sachlich die Soloflöte von Dufour, die zur Durchführung leitet. Hinfort mit dir, klangliche Überwältigung! Die fausse reprise klingt fast hanebüchen sachlich, bei der richtigen Reprise 14 Takte später stellt sich alles ein, aber nicht der Eindruck überwältigender Schlüssigkeit. Durch das klare Wasser von Janowskis Interpretation sieht man bis auf den Grund der Noten, aber der Himmel öffnet sich nicht, auch nicht in den fast gewollt linkisch musizierten Schlussgruppen.

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Ein ähnliches Bild im zweiten Satz (Adagio. Sehr feierlich), man wechselt das Tempo, nicht aber den Ton. Da ist viel sachliche Innigkeit, der Satz entfaltet sich mittels stoischer Konzentration, durchaus zügig, was das Tempo angeht. Die drei Themen – pathetisches erstes, kantables zweites, Trauermarsch-ähnliches drittes – nähern sich unmerklich an. Die Aufschwünge, die Beschleunigungs- und Figurationsfelder, all das wird nüchtern gemeistert. Aber eben nicht eindrucksvoll gemeistert. Eine Nuance (kontrollierter) Gediegenheit ist nicht fern. Aber reicht Gediegenheit? Marek Janowski zelebriert die hohe Kunst des Zerlegens polyphoner Zusammenhänge in nackte Linien. Vor der Gefühlsvertiefung schreckt er zurück. Charakteristisch noch die abgeklärte Ausklangphase der Coda.

Für Konzertbesucher mit einer Vorliebe für Esprit und Charme entpuppt sich der Abend zunehmend als schwere Kost.

Prachtvoll das Scherzo.

Man mag Geheimnis, Hymnisches, Feierlichkeit vermissen. Man mag dem Klangkathedral-Ton hinterhertrauern. Janowskis Brucknerarchitekturen gleichen nüchternen Nutzbauten.

Das Klangbild ist frugal wie selten bei den Philharmonikern. Streicher-Strahlkraft? Tutti-Tiefenschärfe? Non, merci. Stattdessen wie abgeblendet glimmende Geigen, ein nacktes, hölzernes, unattraktives Tutti. Etwas polemisch formuliert, lässt Janowski die Philharmoniker bewusst unter ihren Möglichkeiten spielen. Ein herber, unsinnlicher Alte-Männer-Bruckner ist das. Das kann man bedauern. Man kann es aber auch bewundern.

Der mürrische Marek Janowski wirkt immer noch, als käme ihm Applaus ungelegen.

Vor der Sinfonie kommt die Messe, nämlich Bruckners 2. in e-Moll, und zwar in der spröde klangverweigernden Originalfassung mit obligater Harmoniemusik. Nur Bläser (15 an der Zahl, 6 Holzbläser, 7 Blechbläser) spielen, dazu singt der Rundfunkchor Berlin. Wie das Werk nur aus frugalen Linien besteht, asketischer Polyphonie huldigt, so wirkt es in der Philharmonie fast fremd. Damit ist nichts gegen das Werk gesagt, nichts gegen das Konzertpublikum. Die e-Moll-Messe wirkt mächtig und klar. Solisten werden äußerst sparsam eingesetzt. Der Rundfunkchor – weich beseelt in den hohen Stimmen, bekenntnishaft drängend in den tiefen – singt mit äußerster Genauigkeit.

Weitere Kritik: von Hundert11 (Konzertgänger in Berlin) und Sybill Mahlke (Tagesspiegel)

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