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In Claude Viviers 1978/79 entstandener Oper Kopernikus geht es um Leben und Tod, besonders aber um den Bereich dazwischen.

Ein raffiniertes, raumhohes Oval, halb durchsichtig, halb spiegelnd, dient als Heiligtum, Totenkammer, Inkubator neuen Lebens (Bühne: Sascha van Riel). In diesem Oval liegt das Mädchen Agni aufgebahrt, ein Kind, die zentrale (stumme) Person der Oper. Sie ist tot, erwacht zu neuem oder ewigem Leben. Die singenden dramatis personae bilden eine seltsame Truppe. Wie Priester einer kosmischen Sekte oder Geister, die selbst zwischen Tod und Leben stehen, begleiten sie die Verwandlung der kleinen Agni.

kopernikus claude vivier anna schors

Anna Schors (Mezzosopran) beleuchtet das Jenseits

Zu dieser Truppe gehören laut Komponist u.a.: Lewis Carroll, Merlin, eine Hexe, die Königin der Nacht, ein blinder Prophet, ein alter Mönch, Tristan und Isolde, Mozart. Aber vielleicht sind sie alle nur Ausgeburten der Fantasie der kleinen Toten. Jedenfalls verfolgt man gebannt ein phantastisches Ritual aus Beschwörungen und litaneihaften Anrufungen. Die Sänger scharen sich zu Prozessionen, umkreisen die kleine Hauptperson, vollführen geheimnisvolle Handlungen. Sand rieselt, Federn fliegen. Die absurde Schrägheit der Handlung erinnert von Ferne an Ligetis kurz zuvor entstandene Oper Le grand macabre.

Die absonderliche Oper – Vivier verpasst ihr den Untertitel Opéra-rituel de mort – steht also zwischen Totenklage und Erweckung, zwischen Initiation und Jenseitsverherrlichung, zwischen Schrecken und Schönheit. Und ist doch zutiefst ironisch und berührend, neigt eher der Schönheit zu, zumindest in der Inszenierung von Wouter Van Looy im Alten Orchesterprobensaal.

kopernikus claude vivier corinna scheurle

Doppelgesichtig: Corinna Scheurle zwischen Leben und Tod

Sieben Sänger stehen sieben Instrumentalisten gegenüber.

Mit hasigen Goldohren verkörpert Sarah Aristidou die Königin der Nacht, eindrucksvoll ihr in höchste Höhen führendes Solo, als sie Priesterinnen-gleich vor Agni steht. Die zart verschleierte Slávka Zámečníková (weich-edler Sopran) wandelt mit einem aparten Hütlein aus filigraner Drahtkonstruktion umher, während Mezzosopranistin Anna Schors (als Hexe?) wollig eingemummelt ist und mezzoschön intensiv singt. Corinna Scheurle, mysteriös doppelgesichtig, bleibt krankheitsbedingt als zweite Verkörperung der Agni (leider) stumm, ihren Part übernimmt die patent vom Pult aus singende Constanze Jader. Das Männer-Trio führt Adam Kutny (König) an, er trägt eine lustige Mischung aus Kochmütze und Krone und psalmodiert als wunderlicher Zeremonienmeister geheimnisvolle Anrufungen. Mit weichem, lyrischem Bariton singt Giorgi Mtchedlishvili (angetan mit einem hübschen Leucht-Hütchen), Erik Rosenius schließlich trägt Büßer-Spitzmütze und gefällt mit schwarzem Bass. Die drei letztgenannten Sänger waren übrigens allesamt in der Frau ohne Schatten als kompetente Wärter zu hören.

Das Klangbild in Viviers Kopernikus ist licht, sparsam verteilen sich die Einwürfe der Bläser, die Textur ist durchsichtig, der Ton intim und unpathetisch. Immer wieder gestalten Sänger und Musiker dieselben sparsamen Linien. Errico Fresis leitet wunderbar umsichtig. An den Pulten sitzen Musiker der Staatskapelle. Sogar Solo-Klarinettist Matthias Glander ist dabei, der zu einigen Soli ansetzt. Herzzerreißend auch das Solo der Violine zu einem der fabulösen Monologe Kutnys. Unter die Haut gehend das kurze Trompeten-Intro zu Beginn des 2. Akts.

Fotos: Gianmarco Bresadola


Weitere Kritiken: von Hundert11 (Konzertgänger in Berlin), Peter Pachl (NMZ), Isabel Herzfeld (TSP)

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Corinna Scheurle, Constanze Jader, Anna Schors, Slávka Zámečníková, Sarah Aristidou

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