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Die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim spielt Brahms, die Sinfonien Nr. 3, F-Dur, und die Nr. 4, e-Moll. Die Staatsoper ist rappelvoll, aber es ist mucksmäuschenstill.

Für Barenboim ist Brahms schwere Arbeit. Er schnauft, rudert mit den Armen. Aber er kennt auch Stück und Musiker, lehnt sich in den beiden Andante zurück, lässt seine Musiker spielen, hört zu. Bevor die Dritte beginnt, stemmt Barenboim das Podium erst einmal ein paar Zentimeter nach hinten.

Zu den Kopfsätzen. Nicht alles ist tadel- und makellos. Allegro con brio der Dritten sowie Allegro non troppo der Vierten wirken teilweise überakzentuiert, besonders in der 3. mehr angeschoben als ausgesungen, so als schmierten die Musiker heimlich Kleber hin, wo Daniel Barenboim kurz zuvor ölte. Abseits von Reprisen-Aufmerksamkeit und Coda-Theaterdonner, von Themen und Crescendi, an Nebenschauplätzen also, klingt’s plötzlich weniger detailliert. Andererseits reißt es mit, wie die Schlussgruppen schneller genommen werden.

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Staatskapellen-typisch der Klang: gedeckt, warm, die Streicher arbeiten an sinnvoller Phrasierung, nicht an Brillanz, selbstbewusst plastisch die Holzbläser, machtvoll, doch ohne Härte das Blech.

Barenboim, der Gemütsmusiker? Die Innigkeit der langsamen Sätze wird durch leichte Zügigkeit bisweilen mehr gestreift als ausgespielt. Da ist das Hornsolo in der Dritten, 3. Satz. Es hört sich an, als wäre nicht nur das Glück, sondern auch die Wehmut flüchtig. Der Höhepunkt ist vielleicht das Andante moderato der IV. mit seiner machtvollen Verhaltenheit. Wie überzeugend spielen in den langsamen Sätzen die Musiker ihren Sinn für Prozess aus. Geburt, Aufschwung, Hypertrophie, Nachglühen einer Phrase, und das in wenigen Takten. Da akkumuliert ein Satz Bedeutung, je länger er dauert, ein untrügliches Zeichen für Qualität. Brahms‘ Sätze sind ja unendlich klüger als noch der klügste Zuhörer. Barenboim als Zeremonienmeister der Spätromantik?

Die Pausen zwischen den Sätzen sind sehr kurz, in der Dritten gehen Andante und Poco Allegretto ineinander über.

Die Finalesätze – in der Dritten Allegro, f-Moll, in der Vierten Allegro energico e passionato, e-Moll – unterscheiden sich vehement. Doch scheinen sie heute Brüder im Geiste, verwandt über die Gräben von Tonart und Konstruktion hinweg. Das raschere Tempo passt, es fördert Kohärenz zwischen den Polen lyrisch und dramatisch. Ein Sinn fürs Rhapsodische nistet sich ein, entthront fast die Sonatenform. Als müssten diese Finales gesungen werden. Das ist aufregend. Im Finale von Nr. 4 passt kein Blatt (Noten-)Papier zwischen die 30 Variationen.

Einige Stellen erklingen in kreativer, doch hörbarer Unordnung. Man wird nicht viel geprobt haben, man hat Dritte und Vierte noch von der Tournee im November in Kopf, Fingern und Blut. Das Blech hinkt hinter den Streichern hinterher (oder war’s andersrum?). Überdeutlich über mehrere Takte in III, 2. Aber das liegt am Feuer der Interpretation. Manches Mal ist das Leisewerden für meinen Geschmack zu demonstrativ (Sinfonie III, 1. Satz, Nachsatz 2. Thema, oder irgendwo da in der Nähe).

Das DSO setzt bald zu seinem Brahmszyklus an. Reinhören dürfte sich lohnen.


Meine Kritik zu den Brahmssinfonien 1 & 2 vom Dezember 2018.

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