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Jansons bringt bei seinem Konzert mit den Berliner Philharmonikern Jewgeni Kissin mit. Letztes Jahr war es noch Trifonow.

Also sprach Zarathustra ist wie alle Tondichtungen von Strauss eine faszinierende Mischung aus relativ autonomer erzählerischer Struktur und mehr oder minder verborgenen Relikten der Sonatenform. Jansons muss den Philharmonikern nichts mehr beweisen. Andersherum gilt das auch. Die Berliner Philharmoniker finden fast von selbst ihren Weg durch die extravagante sinfonische Architektur, in der sich die Moderne regt und streckt. Da wird nichts gebogen und gedrückt. Der Sinn für den ganz großen Bogen ist auf locker undemonstrative Weise da, die Philharmoniker finden ihr großes Strauss-Legato. Schillernde thematische Aufschwünge, vertrackter harmonischer Reichtum, die Hypertrophie der Form, des Klangs, die rätselhaften Bedeutungsschichten, alles ist da, was Zarathustra für den Zuhörer so unvergleichlich spannend, aber auch so fordernd macht.

Das Tempo ist nicht rasch, der Einsteig zur großen Fuge fast behäbig. Nicht immer wird perfekt simultan gespielt, doch dies ist am heutigen Abend ein Qualitätsmerkmal, die Stimmen fließen frei. Die Modernität dieser Musik wird klar herausgestellt. Im zweiten Teil, ab der Reprise des Natur-Themas wird’s laut. Ich glaube, Tarkövi hat damit angefangen, beim zweimaligen Trompetensignal vor dem Walzer. Die einsame H-Dur-Flötengruppe des Schlusses klingt hart und insistierend, als wäre es den vier Musikern gar nicht recht, dass das Stück endet.

Bevor Richard Strauss‘ Also sprach Zarathustra losgeht, probt Mayer mutterseelenallein die begleitende Oboenstelle zum Walzer.

Nach der Pause das Klavierkonzert Nr. 1 von Liszt.

Schwer zu entscheiden, ob ich wegen Liszt oder Strauss gekommen bin. Die Lisztklavierkonzerte sind immer so schnell vorüber.

Kissins hat für das grandioso gediegenes Pathos. Und so viel Pedal ist man gar nicht mehr gewohnt. Das Quasi Adagio nimmt Kissin überraschend sachlich, er schwingt nicht die Hochromantik-Keule. Kissins Rubato wirkt, als wäre es tiefen Überlegungen abgerungen. Das hochromantisch Schwärmerische Liszts nimmt er zurück – ins Wehmutdurchtränkte, dem alles Tränenselige abgeht. Und immer wieder hört man, wie bewusst der Russe, der seit kurzem auch Israeli ist, seinen Liszt durchdenkt. Wenzel Fuchs‘ Klarinette spielt dazu leise. Kissins Konzertton ist (nach wie vor) einzigartig, fast glockenhaft schwer, vollplastisch gerundet, er scheint nun ins Gediegene verfestigt. Sicher, fast ruhig absolviert Kissin Doppeloktaven und Akkordkaskaden. Mätzchen gibt es bei ihm nicht, dieser Pianist verweigert Liszt den Zirkus. Die Kadenzen, das Schluss-Presto klingen beherrscht, ausgezirkelt. Früher war bei Kissin mehr rhythmischer Elan. Heute wird das Schwierigste selbstverständlich – wie von Zauberhand. Ein bisserl Tasten-Guru ist Kissin da doch. Wenn Trifonow im dritten und vierten Satz moderner wirkt, so hat Kissin die prachtvolleren Farben.

kissin jansons berliner philharmoniker 2019

Das Tempo ist auch hier leicht zurückgenommen, vermutlich um den Ausdruck des Flügels singender zu machen. Das Thema im Orchester gibt sich behäbig-breit. Beugt sich Jansons den Tempovorstellungen von Kissin? Ausdrucksvoll die Cellokantilene im langsamen Satz.

Als Zugabe der Minutenwalzer op. 64 Nr. 1 von Chopin.

Hört man Richard Wagners Rienzi-Ouvertüre, muss man dem Gott der Musik danken, dass Wagner erlaubt wurde, sich weiterzuentwickeln. Das attraktive Heldenthema weist anspielungsreich voraus auf jene Wagner’schen Helden, die romantisch leiden, von der Welt tragisch verkannt werden oder inbrünstig um Erlösung flehen. Darüber hinaus enthält die Ouvertüre noch ein hübsch eingeführtes Marschthema. Jansons dirigiert mit sichtbarer Freude.

Das Programm stellte unerwarteterweise Strauss an den Beginn und Wagners lärmende Jugendsünde an das Ende. Der ganze Rienzi ist im April an der Deutschen Oper zu hören.

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