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Tschaikowskys späte Oper Jolanta (Иоланта) konzertant in der Berliner Philharmonie. Sänger, Orchester, Dirigent, alle kommen aus dem Umkreis des St. Petersburger Mariinsky-Theaters.

Wann gab es zuletzt in Berlin eine durchgängig mit Muttersprachlern besetzte russische Oper? Die Zarenbraut an der Staatsoper?

Es lohnt sich. Es wird meiner bescheidenen Einschätzung nach die rundeste konzertante Aufführung einer Oper seit Rattles Salome.

iolanta gergiew mariinsky

Nun bringt das Mariinsky-Theater ja auch sein vokales Tafelsilber nach Berlin.

Feine Sängersolisten kommen da zusammen. Die allesamt hinter dem Orchester singen und agieren, was gut funktioniert, da Gergiews Mariinsky-Musiker sängerfreundlich leise musizieren.

Hingebungsvoll singt Irina Churilowa, die als mädchenhaft naive Jolanta im Jubel über das wiedererlangte Augenlicht blühendes Timbre und intime Farben ohne Zahl zeigt. Eine Augenweide ist Najmiddin Mawljanow als attraktiver Vaudémont. Er singt mit lyrischer Höhe und männlich fester Mittellage, intoniert die Romanze klangschön, das abschließende pridi (Жду тебя, светлый ангел, приди, приди!) mit kunstvoller Voix mixte. In der Bass- und Bariton-Etage ist zuerst Stanislaw Trofimow als reichtimbrierter König René mit feinkörnigem und kultiviertem Legato zu nennen. Jewgeni Nikitin revanchiert sich als weltweiser Arzt mit einem nachdrücklichen Vortrag über die Geistigkeit des Körperlichen und schlägt hellere, härtere Töne an. Roman Burdenko (Robert), jünst an der Deutschen Oper als Gérard in Andrea Chénier gehört, wird beim Lobpreis der geliebten Mathilde fortgetragen vom Überschwang Tschaikowsky’scher Seelenauskünfte.

Was für ein Vergnügen, auch weil so idiomatisch gesungen wird.

Die drei Vertrauten Jolantas liegen bei Natalia Jewstafiewa (Martha, mit prägnantem Klangrelief), Kira Loginowa (mit Sopranfrische, Brigitta) und Jekaterina Sergejewa (Laura) in den besten Sopran- bzw. Mezzo-Händen. Ein Schmankerl ist das klangsatte Schlaflied. Andrej Zorin agiert als energisch deklamierender Almerik, auch Juri Worobiew als gestrenger und dann doch weicher Türhüter Bertrand gefällt.

Dazu passt, dass das Mariinsky-Orchester sich ihrem Tschaikowsky auf das Delikateste gewachsen weiß. Die Musiker phrasieren differenziert, tönen klangwarm und das Blech pinselt sein Piano in tiefem Rembrandt-Gold hin. Da passt dann alles, der Hörer wandelt in Zwischenreichen aus Gefühlsnuancen. Nervöse Erregtheit zeichnet auch dieses Werk Tschaikowskys aus (Eugen Onegin: Я пью волшебный яд желаний…). Valery Gergiew lenkt und leitet unauffällig, doch sein gestaltender Wille reicht bis in die Ritzen des musikalischen Gefüges, das hier noch reicher scheint an Zwischentönen als in Eugen Onegin. Homogenität und Elastizität der Orchestersprache sind auf ohrenkitzelndem Niveau. Diese Jolanta hat tiefes Gefühl und warmen romantischen Glanz.

Dass Jolanta im hiesigen Europa am liebsten konzertant gegeben wird, geht in Ordnung. Das Libretto, verfasst von Modest Tschaikowsky, hat zwar Charme, wirkt aber dramaturgisch unausgereift, vielleicht auch unbedarft. Das altmodische Ritter-Flair mitsamt rührendem Finale ließe man sich ja gerne gefallen. Da hat ein Regisseur wahrlich eine harte Opern-Nuss zu knacken.

Ein Mädchen, 11 Jahre alt, mit Namen Alexandra Dovgan, spielt, von Gergiew angekündigt als Versprechen einer Fortschreibung des gegenwärtig blühenden Musiklebens in die Zukunft (ich habe das auch als dezenten Hinweis auf das unversiegliche pianistische Talentreservoir Russlands verstanden), auf einem Flügel zuvor einen Bach-Choral und Chopin-Walzer – zart und hingehaucht.

Die vorangehenden Reden zur Eröffnung der 2019 in Deutschland abgehaltenen und mit rund 1,5 Mio. Euro – von meist staatlich russischer Seite – unterstützten Russian Seasons fallen erfreulich kurz aus. Dass diese Jolanta in ähnlicher, wenn nicht gar identischer Besetzung in europäischen Städten unter Gergiew schon öfter zu hören war, tut der runden Sache kein Abbruch.

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