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Die Wiener Philharmoniker mit dem Neujahrskonzert aus dem Großen Musikvereinssaal. Heuer dirigiert Christian Thielemann, der musikalische Chef von Semperoper und Bayreuther Festspielen.

Ein gebürtiger Berliner schwingt am Neujahrstag in Wien das Taktstöckerl. Kann das gut gehen?

Bildschirmfoto 2019-01-01 um 12.33.32Wie immer bietet das Neujahrskonzert eine bunte Mischung aus Bekanntem und weniger Bekanntem, aus Polka (schnell und langsam), Marsch, Ouvertüre und Konzertwalzer, den Paradedisziplinen gehobener Wiener Unterhaltungsmusik. Wie es gute Tradition ist, erklingen auch 2019 einige Stücke zum allerersten Mal im Neujahrskonzert, darunter der fast impressionistisch durchleuchtete Entr’acte Valse von Josef Hellmesberger Sohn.

Dass der Berliner Thielemann auch die sehnsuchtsvolle Kantilene aus dem Orchester hervorlocken kann, zeigt gleich anfangs der Walzer Transactionen, wo die genüsslich gedämpften Spannungsspitzen eine Interpretationshaltung verdeutlichen. Einen aus kompositorischer wie interpretatorischer Perspektive ähnlich raffinierten Mittelweg geht der leichtfüßige Elfenreigen von Hellmesberger (erneut dem Jüngeren), hinreißend hier die gedeckte Streicherkantilene im Mittelteil.

Das Klangbild, das die Wiener Philharmoniker zur Schau stellen, ist sauber, gestochen klar, knackig wie ein Wiener Würstl, so in der Schnellpolka Express, die ebenso kurz ist, wie der Titel verspricht. Auch Extrapost (beide Johann Strauß Sohn) dauert kaum länger und glänzt wie frisch gewienert. Hier mischt sich eine Prise preußischer Genauigkeit unter das Wiener Schlawinertum.

Die erste Hälfte vergeht wie im Flug.

Nach der Pause kontrastiert in der Ouvertüre zu Der Zigeunerbaron die Andantino-Klage der Oboe mit dem ungarisch kolorierten Tutti. Behaglich behäbig gibt sich Die Tänzerin, Polka française, von Josef Strauß, elegant-spritzig mit Ausflügen ins Pompöse der Konzertwalzer Künstlerleben, wo sich Hornsolo und warmtönige Streicherelastizität die Klinke in die Hand geben. Manche Rubato-Verzögerung bekäme der Österreicher Welser-Möst zwar raffinierter, selbstverständlich-geschmeidiger, auch artifizieller hin. Doch das hemdsärmelige Laissez-Faire Thielemanns steht dem Repertoire ähnlich gut an wie eine gewisse kernige Souveränität, die den deutschen Dirigenten auszeichnet.

Entzückend der selten gehörte, intim klangsinnliche Eva-Walzer aus Johann Strauß‘ Sohn einziger Oper Ritter Pásmán. Aus gleichem Werk dann der Csárdás mit seiner feurigen Kraftentfaltung und dem zauberhaften Kontrastreichtum.

Im Präsent-Korb zum Neuen Jahr haben die Wiener Philharmoniker auch eher leichtverdauliches Kleingemüse wie den Schönfeldmarsch von Ziener. Ebenso zählt der Walzer Nordseebilder, in dem sich die Wellen im Dreivierteltakt wiegen, vermutlich nicht zu den Genietaten von J. Strauß Sohn. Das Stück ordnet sich irgendwo zwischen Wagners Fliegendem Holländer und Debussys La Mer ein. Auch Opern-Soirée (Eduard Strauß) fehlt das geniale Funkeln.

Die Zugaben umfassen die Schnellpolka Im Sturmschritt (J. Strauß Sohn) und, wenig überraschend, An der schönen, blauen Donau (1867), wo sich der blühende, volle Streicherklang der Wiener entfaltet, und den Radetzky-Marsch (1848), den Thielemann hörbar härter anfasst und mit weniger Wiener Charme darbietet als schon gehört.

Das volle Programm ist hier nachzulesen.

Foto: Wiener Philharmoniker

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