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Mahler, Sinfonie Nr. 2, Philharmonie Berlin. Es spielen die Philharmoniker.

Das Werk habe ich zuletzt unter Simon Rattle gehört, 2012 und 2010. Meines Wissens wurde die Zweite bei den Berlinern danach nicht mehr gespielt.

Nun kommt Andris Nelsons, der unbeirrbare Erzähler und Spurensucher, dessen Interpretationen ein Werk sofort in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen. Mahlers Zweiter widmet sich Nelsons mit aller Kraft und allem Können.

Klarheit, Wucht, Wahrheit des Ausdrucks – Nelsons‘ Dirigieren wirkt wie eine Einladung an alle, die Ohren haben. Die einleitenden Sechzehntelketten von Bässen und Celli (immer wuchtig) setzt Nelsons nicht so düster wie Rattle 2010, dafür aber lebendiger und diesseitiger. Vor Dirigierbegierde brennend, stürzt sich Nelsons mit Temperament in den 1. Satz, der wie eine gigantische Midgardschlange endlos Varianten und mäandernde Ableitungen des Themas in einen von der Sonatensatzform nur noch mühsam gebändigten Strom ausbreitet.

Nelsons gibt dieser (scheinbar) losen Form Evidenz und Schlagkraft.

Es gehört zu den erhofften und erwarteten Überraschungen zu sehen und zu hören, wie unverschämt souverän die Musiker Nelsons folgen, durch das grandiose Schauspiel des ersten Satzes, durch Tumult und Abschied, durch majestätische Klangwucht und getragene Lyrik. Nelsons‘ Zauberwort ist einfach, er löst Komplexität durch Spontaneität.

Die Berliner Philharmoniker springen mit enormer Spannkraft mitten ins Geschehen, brutal Akzente zuspitzend, ohne Scheuklappen steuern sie direkt auf die schmetternden, schockierend bunt vorgetragenen Tutti-Stellen zu. Das klingt martialisch.

Aber Nelsons hat auch das Feingefühl für innige Verklärung. Hat das Händchen für Inseln entrückter Trauer. Plötzlich ist Nelsons ein beinharter Entschleunigungsmusiker. Magnetisch sind die Steigerungen. So hemdsärmelig er als Typ wirkt, so sitzt doch jede Geste. Lockerheit und Disziplin führen zu einem Musizieren von großer Überzeugungskraft. Schwierigste Passagen liegen in vollständiger Klarheit vor dem interessierten Zuhörer, stellen sich plötzlich dar wie angehalten im rauschenden Strom der Musikzeit. Nelsons löst die zeremonielle Unnahbarkeit klassischer Musik in packende Nähe.

Die Pause zwischen Allegro und Andante dauert beinah die vorgeschriebenen fünf Minuten.

Eine andere Welt öffnet sich im zweiten Satz. Zärtlich erzählt der idyllische 3/8-Ländler, treibend drängen die Triolen-Staccatoläufe im gis-Moll-Teil, zögerlich die jeweilige Rückkehr zum kontrastierenden Formteil.

Das Scherzo tönt leichtfüßiger als gewohnt. Besiegt Nelsons‘ Virtuosität hier Nelsons‘ Kunstverstand? Es scheint mir der am wenigsten überzeugende Satz. Er klang, als würde das „Mahlerische“ hier nur zelebriert. Charakteristisch allerdings sind die profilierten Einsätze der Bläsersolisten.

Gerhild Romberger interpretiert, in altersloser Würde ergrauend, das Urlicht. Sie singt es mit der Autorität ihrer zwischen überpersönlicher Aura und herber Entschlossenheit pendelnden Altstimme. Das Finale, immens ausufernd wie der erste Satz, gerät ähnlich luziferisch fidel, nur der Blickt zurück fehlt. Nelsons dreht alle Ventile auf. Lucy Crowe steuert balsamische Soprankraft bei, der MDR-Rundfunkchor Leipzig verbreitet sakrale Aura.

Andris Nelsons wird breiter. Mit Bart erinnert er mich von Ferne an René Pape als großartig zauseligen Wurzelsepp Gurnemanz an der Staatsoper Unter den Linden.

Vorangegangen war das Chorstück Lux aeterna von Maija Einfelde, Mahlers Urlicht mit dem ewigen Licht den Weg leuchtend. Es wäre schön gewesen, ohne Unterbrechung durch das Platz nehmende Orchester die Mahler-2. folgen zu lassen. Der MDR-Rundfunkchor Leipzig überzeugt mit klaren Stimmen.


Weitere Kritik: Weltumfassend (Sascha Krieger)

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